Japan im Januar – Charles Schumanns Impressionen zum neuen Jahr
Vor zwei Jahren verbrachte Charles Schumann Ostern in einem japanischen Kloster. Diesmal zog es den weltbekannten Gastronom zum Jahreswechsel nach Nagano. Seine Eindrücke verbinden Nachdenken und Drinks vorm Tempel.
Teil seines Handwerks ist der japanische Minimalismus für Charles Schumann schon gewesen, als er das Land noch nicht bereist hatte. Seit Jahren aber vertieft sich der Barchef aus München in die Sprache und Kultur des fernöstlichen Landes. Nachzuprüfen ist das im Film »Schumanns Bargespräche«, aber auch jederzeit bei einem Besuch in seiner Münchener Bar. Nach der Gastschicht in einem Zen-Kloster in Kyoto 2024 verbrachte der 84-Jährige diesen Jahreswechsel mit einer Reise durch Japan. Mit dem Schnellzug Shinkazen und dem Auto ging es dabei ein »Land, das mir bekannt, doch immer noch unbekannt ist«.
Nagano: Beten statt Böller
So formuliert es Schumann in seinen Aperçus zu Jahresbeginn, die ohne Böller, Sekt und Glockengeläut auskommen. In diesen Reise-Notizen für FALSTAFF hält der Münchner »eine außerordentlich spannende, wichtige Zeit für mich« fest. Viele der Erkenntnisse, so Schumann, versucht er noch nach Wochen für sich zu verstehen. Denn auch wenn nur zwei Zug-Stunden den Olympia-Ort des Jahres 1998 von Tokio trennen, das Schumann gut kennt: Hier wartet ein anderes Japan.
Vor allem der Kontrast zu Neujahr in unseren Breiten hat Deutschlands Bar-Ikone beeindruckt. »An den ersten Tagen im neuen Jahr geht man in den Tempel zum Beten«, ganze Familien (jung, alt, sehr alt) seien gemeinsam unterwegs. »Man sieht Zusammenhalt wie sonst nirgendwo«. Entsprechend überfüllt seien Züge und Bahnhöfe (»Ohne Reservierung geht nichts«!).
Kulinarik am Tempel-Weg
Bis man zum vom Ordnungspersonal zum Zwiegespräch mit den Göttern vorgelassen wird, vergehen oft Stunden des Wartens. Auf dem Weg zu den kurzen Gebeten werde es aber nie langweilig. Der Kälte von den tiefverschneiten Bergen trotz man mit der Vorstufe des berühmten Sake, dem »amazake«. Er erwärmt Leib und Seele, beobachtet der Bartender mit geschultem Blick, »Tee gibt es natürlich überall«.
Auch sonst sind die spirituellen Gedanken gespickt mit kulinarischen Beobachtungen. Denn auch neben den Wegen zum Tempel wartet eine echte Trink- und Essmeile. Wobei vor allem süße Köstlichkeiten hoch im Kurs stehen, »Teigtaschen mit roter Bohnen-Paste« etwa. Shōchū aus Weizen, gerne als Japans Wodka gepriesen, trank man dagegen im Süden, auf der Insel Kyushu. Denn vom tiefen Süden und der Stadt Beppu ging es durch das »Land of Fire« mit seinen heißen Quellen (onsen), Rauch und Nebel in den Norden. Hier denkt Schumann an einen
Platz der Unterirdischen,
die Teufel und Dämonen
treiben ihr Unwesen, tanzen, lachen,
machen Unsinn und sich lustig
über die aus den Fugen geratenen Welt.
Haben Zeit,
sehen,
können warten.
Daher fällt auch der aus Kyushu übermittelte Neujahrsgruß Charles Schumanns dieses Jahr fernöstlich inspiriert – und sehr positiv – aus:
bin mir sicher, die Götter
werden auf uns aufpassen
im neuen Jahr.