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© Alena Kolesnikova

Nikkei-Küche auf Rollerblades: Was das »Carlitos« zum außergewöhnlichsten Restaurant Prags macht

Prag
Japan
Peruanische Küche
Restaurant

Was passiert, wenn Peru und Japan aufeinandertreffen? Im »Carlitos« in Prag wird die Nikkei-Küche zur kulinarischen Offenbarung – und zieht Gourmets aus aller Welt an.

Fast jeden Abend gleiten Tadashi Campos-Makabe und Jozef Vnenk mit Rollerblades hinter dem Tresen hin und her, als würden sie eine Choreografie aufführen. Über ihnen schweben leuchtende Tafeln, die an die Neonlichter eines Tokioter Streetfood-Markts erinnern, während bunte Banner von der Decke hängen und im Takt des geschäftigen Treibens sanft schaukeln. Der Duft von auf Holzkohle gegrilltem Hühnchen, durchzogen von peruanischen und japanischen Aromen, liegt unwiderstehlich in der Luft. Willkommen im »Carlitos« – in der Welt der Nikkei-Küche, einer Fusion aus Peru und Japan, die in Prag eine kleine kulinarische Revolution entfacht.

Vor eineinhalb Jahren wagten Tadashi und Jozef den Sprung ins Ungewisse. Tadashi, dessen Wurzeln sowohl in Peru als auch in Japan liegen, trägt auch die kulinarische Leidenschaft seiner Familie in sich: Seine Mutter betrieb 30 Jahre lang ein peruanisches Restaurant in Japan, seine Schwester führt seit 18 Jahren das erfolgreiche »Ají y Rocoto« in Lima. »Die Nikkei-Küche ist Teil meiner Kindheit«, erzählt er. Sein Partner, Slowake, und einst Unternehmensberater, war gefesselt an Excel-Tabellen und 15 Zoom-Calls pro Tag. »Es fühlte sich so virtuell an«, sagt Jozef. »Ich wollte etwas Echtes schaffen.« Die Pandemie wurde zum Wendepunkt: Sie beschlossen, ein Take-out-Restaurant zu eröffnen, inspiriert von der Idee, dass die neue Generation schnelles, aber hochwertiges Essen verlangt. »Die Leute wollen alles sofort, hier und jetzt – aber es muss gut sein«, erklären sie.

»Das ist besser als in Lima!«

Die Nikkei-Küche, eine Mischung aus peruanischer Herzlichkeit und japanischer Präzision, ist in Prag ein Novum. Selbst in Städten wie Berlin, Wien oder Paris ist sie nur selten zu finden. »Die meisten Menschen haben noch nie davon gehört«, sagt Tadashi. »Wenn wir erklären, dass in Peru eine große japanische Gemeinschaft lebt, sind die meisten verblüfft.« Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten über 100.000 Japaner nach Peru aus und prägten Gerichte wie Ceviche, das mit japanischer Frische-Technik zubereitet wird, oder Lomo Saltado, ein Wok-Gericht, das asiatische Einflüsse mit peruanischen Zutaten vereint.

© Alena Kolesnikova

In Prag ist es der Duft des Pollo a la Brasa, des auf Holzkohle gebratenen Hähnchens, der die Menschen anlockt. »Manchmal denken sie, es sei Ente«, lacht Tadashi. »Dann erklären wir, dass es ein Erbhuhn ist, das viermal länger wächst – und nur mit Getreide und natürlichen Produkten gefüttert wird.« Dieser Fokus auf Qualität mache den Unterschied: Die Hühner sind größer, saftiger, mit einer Textur, die selbst Peruaner staunen lässt. »Das ist besser als in Lima!«, schwärmen peruanische Touristen.

Für jeden zugänglich

Ohne ein einziges Werbeplakat hat sich das »Carlitos« einen Namen gemacht. »Wir setzen auf Mundpropaganda«, erklärt Jozef. Mit einer 5.0-Bewertung auf Google Maps und 314 begeisterten Rezensionen – von Berliner Touristen bis hin zu Einheimischen – spricht der Erfolg für sich. Die leuchtenden Tafeln und verspielten Banner ziehen Blicke an – aber es ist der Geschmack, der bleibt. »Diese Aromen findest du nirgendwo sonst in Europa«, betonen sie.

Ihre Gerichte sind nicht nur köstlich, sondern auch für jeden zugänglich: Sie sind gluten- und laktosefrei, viele Optionen sind vegan. »Leute mit Unverträglichkeiten können hier alles essen«, erklärt Tadashi. Onigiri, gefüllt mit Thunfisch-Mayo oder Frühlingskräutern, wird sogar von Kindern bestellt, die die Reisbällchen aus japanischen Comics kennen. »Ein Zehnjähriger kam mit seinem Vater und wollte unbedingt Thunfisch-Mayo – weil er es aus Mangas kannte!«, erzählt Jozef. Auch Senioren sind Fans: Eine Frau aus Prag, die ein Treffen ihres Damenclubs organisierte, bestellte Hühnchen, Onigiri und Pommes für ihre Gäste. »Sie wollte etwas Cooles, das aber jeder mag«, sagt Tadashi. »Die Reaktionen waren überwältigend.«

Prag ist erst der Anfang

Das Lokal ist weit mehr als ein Restaurant – es ist ein kulturelles Statement. »Wir machen alles authentisch, ohne tschechische oder slowakische Einflüsse«, betont Jozef, dessen Wurzeln im ehemaligen Einheitsstaat liegen. Die Speisekarte bietet Klassiker wie Pollo a la Brasa, oft mit Reis statt Pommes, sowie neue Kreationen wie Polli Papas, eine Art Fusions-Pommes. Zum »Hanami-Fest« Ende April, inspiriert von Japans Kirschblüten, haben sie ein besonderes Menü kreiert: Kirsch-Salsa, Onigiri mit Frühlingsblumen und ein peruanisches Alfajor-Dessert mit Kirschgeschmack.

© Alena Kolesnikova

Dazu gibt’s peruanisches Bier, japanischen Sake, peruanische Weine und Pisco-Cocktails wie die »Piscorita« – eine frische Mischung aus peruanischem Schnaps und Eisslush. »Es geht um das Vermischen von Kulturen«, sagt Tadashi. »Globalisierung ist nichts Neues. Vor 100 Jahren brachten Japaner ihre Techniken nach Peru, und daraus entstand etwas Großartiges.« Ihre Kunden, von Berliner Foodies bis hin zu peruanischen Touristen, sind begeistert. »Warum gibt’s das nicht in Berlin?«, fragen viele. Die Antwort: »Wir wissen es nicht – aber Prag ist erst der Anfang.«

Am Ende ist das Restaurant auch ein Liebesprojekt, geboren aus der gemeinsamen Vision zweier Lebenspartner, die ihre erfolgreichen Karrieren – Tadashi als Betreiber einer High-Fashion-Modelagentur, sein Partner als Unternehmensberater – gegen eine größere Leidenschaft eintauschten. Die familiäre Unterstützung ist spürbar: Kunden reisen zwischen ihrem Lokal und dem Restaurant der Schwester in Lima hin und her, teilen Fotos und Geschichten. »Wir sollten ein Stempelheft machen«, scherzt Tadashi. Während sie mit ihren Rollerblades – weil es so einfach mehr Spaß macht – über den Boden gleiten und die nächsten Bestellungen vorbereiten, verbreiten sie eine ansteckende Leidenschaft. Das »Carlitos« ist ein Ort, der Menschen verbindet – Kinder, Senioren, Touristen, Einheimische. »Eins plus eins ist drei«, sagt Tadashi mit einem Lächeln. »Und wir haben gerade erst angefangen.«


 

Artur Weigandt
Autor
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