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Handarbeit ist die Grundlage für die meisten Produkte, die noch heute bei Demel, Hofzuckerbäcker seit 1874, erfolgreich sind.

Handarbeit ist die Grundlage für die meisten Produkte, die noch heute bei Demel, Hofzuckerbäcker seit 1874, erfolgreich sind.
© Peter Rigaud

Süßes Erbe: Die Geschichte der Hofzuckerbäcker in Wien

Zuckerbäckerei
Pâtisserie
Wien

Die ehemaligen k. u. k. Hofzuckerbäcker verzaubern bis heute mit ihren feinen Süßwaren und Mehlspeisen. Jeder Besuch ist ein Fenster in die lang vergangene Kaiserzeit.

Es gibt nicht viele Möglichkeiten, dem Alltag auf vollkommene Weise zu entfliehen. Doch wer seinen Weg in eine der noch existierenden k. u. k. Hofzucker­bäckereien findet, findet sich wieder in einer Welt aus längst vergangener Zeit. Bei einer feinen Mehlspeise auf rotsamtenen Polstern ist die Gegenwart mit all ihren Herausforderungen sehr weit weg.

»Wenn Kunden unser Geschäft betreten, lassen wir sie ganz bewusst in eine andere Welt eintauchen«, sagt Philipp Zauner, Chef der Konditorei Zauner in Bad Ischl, die 1832 gegründet wurde und im 19. Jahrhundert die kaiserliche Familie in der Sommerfrische mit feinsten Süßwaren versorgte. Viel Messing, Pastellfarben – wie eine Puppenstube mit gigantischer Kuchenauslage wirkt das berühmte Geschäft in der Innenstadt.

Der Titel Hofzucker-bäcker ist bis heute eine Verpflichtung zu besonderer Qualität.

Ein Besuch bei Demel am Kohlmarkt in Wien überwältigt zunächst durch den wunderbaren Duft von karamellisiertem Kaiserschmarrn, der Geschäft und Café durchzieht. Zur kaiserlichen Atmosphäre tragen auch die vielen in glitzerndes Staniol gewickelten Bonbons und die Schokoladen in kunstvollen historischen Verpackungen bei.

Süsses für den Kaiser

Die Geschichte der k. u. k. Hofzucker­bäcker beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts. Die kaiserliche Familie zeichnete Konditorbetriebe von herausragender Qualität mit diesem Titel aus. Nur sie durften bei Hofe ihre Süßigkeiten anliefern. Ihre aus Zucker gezogenen Blüten und Figuren ersetzten teils Figuren aus Keramik und schmückten die Tische bei offiziellen Veranstaltungen.

Ihre Werke stellten die Konditoren auch in ihren Schaufenstern aus, wo sie vom normalen Volk bestaunt wurden – und als immer mehr Hofzuckerbäcker neben den Backstuben auch eigene Cafés eröffneten, wurden sie zum Treffpunkt für Politiker, Künstler und Menschen, die sich wie der Kaiser bei Hofe etwas Gutes gönnen wollten. Und so schufen die Hofzuckerbäcker auch die Grundlage für die blühende Wiener Kaffeehauskultur.

Während der Regentschaft von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Sisi war die Blütezeit der Hofzuckerbäcker.

Für die meisten Betriebe endete ihre Blütezeit mit dem Ersten Weltkrieg. Zucker und Eier waren knapp, und nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie fehlten Aufträge und Anlässe. Prunkvolle Feste wie am kaiserlichen Hof gab es nicht mehr.

All jenen Konditoren, die sich neben Bonbons und Zuckerkunst auch den besonderen Mehlspeisen gewidmet hatten, verschaffte das einen Vorteil. Eine Kardinalschnitte, eine Esterházyschnitte, ein Apfelstrudel, Punschkrapferl und natürlich auch die berühmte Sachertorte aus dem gleichnamigen Betrieb wurden auch von der breiteren Bevölkerung genossen. Noch heute ist die Sachertorte das Rückgrat des Hauses Sacher, das längst auch für seinen luxuriösen Hotelbetrieb bekannt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich insbesondere in Wien die Kaffeehauskultur wieder neu – aus ähnlichen Gründen, warum wir auch heute noch die Hofzuckerbäcker schätzen: In einer Welt, die aus den Fugen geraten war, wollte man sich bei einem Stück Torte einen Moment in der guten alten Zeit gönnen.

Bewahrung der Tradition

Dennoch existieren heute nur noch sechs ehemalige Hofzuckerbäcker. Neben Demel, Zauner, Gerstner und Sacher sind das noch Heiner – seit 1840 in sechster Generation ein Familienbetrieb – und Sluka, das mit seinem Standort am Rathausplatz einst ein Treffpunkt der feineren Wiener Gesellschaft war.

Der Titel des Hofzuckerbäckers ist allen noch verbliebenen Betrieben Verpflichtung bis heute: Philipp Zauner sagt: »Wer zum Hofzuckerbäcker geht, erwartet nicht einfach eine gute Torte, er erwartet eine herausragende Torte.« Und Stephan Oefner von Gerstner ergänzt: »Wir bewahren uns die Tradition, die handwerkliche Qualität und die Kunst des Genießens bis heute. Für uns ist es Auftrag und Mission, die Werte dieses Handwerks – Präzision, Geduld, Kreativität und Sinn für Schönheit – zu bewahren und von Generation zu Generation weiterzugeben.«

Bei so viel Leidenschaft ist es nicht verwunderlich, dass das österreichische Zuckerbäckerhandwerk 2022 sogar von der UNESCO zum immateriellen Kulturgut erklärt wurde. Und moderne Konditoreien wie Oberlaa oder Aida, deren Produkte trotz Großproduktion in der Konditorkunst des 19. Jahrhunderts wurzeln, wären ohne die Hofzuckerbäcker undenkbar.


 

Adressen


Demel
Seit 1786 am selben Standort in der Wiener Innenstadt. Berühmt für feinste Süßigkeiten und Kuchen in wunderschönen Verpackungen. Der Kaiserschmarrn to go, eingeführt während der Corona-Pandemie, lohnt die lange Schlange.

Großer Onlineshop.
Kohlmarkt 14, 1010 Wien
T: +43 1 53517170
demel.com

Gerstner
Die 1847 gegründete k. u. K. Hofzucker-bäckerei bietet von der Sisi-Schokolade bis zur modernen Halloween-Praline hoch-kreativ gestaltete Süß- und Backwaren. Auch im Onlineshop. Gleich vier Kaffeehäuser an historisch bedeutenden Orten, zum Beispiel im Schloss Schönbrunn.

Palais Todesco, Kärntner Straße 51,
1010 Wien
T: +43 1 5261361
Schloss Schönbrunn, Kavalierstrakt 52, 1130 Wien
T: +43 1 3610250
gerstner.at

L. Heiner
Bereits in sechster Generation werden seit 185 Jahren im Familienbetrieb Torten, Konfekt und Eis gemacht. Hier wurde 1933 anlässlich des Katholikentages die berühmte Kardinalschnitte erfunden. Einige Produkte auch im Onlineshop. Gleich an sechs Standorten, vier davon in Wien.

Wollzeile 9, 1010 Wien
T: +43 1 5122343
Kärntner Str. 21–23, 1010 Wien
T: +43 1 5126863
heiner.co.at

Sacher
Hier dreht sich alles um die weltberühmte Torte, die es in allen Größen und Formen zu kaufen gibt. Erfunden wurde sie 1832 vom Lehrling Franz Sacher – der Rest ist Geschichte. Traditionsreiche Cafés und Hotels in Wien und Salzburg.

Philharmoniker Straße 4, 1010 Wien
T: +43 1 514560
Schwarzstraße 5–7, 5020 Salzburg
T: +43 662 889770
sacher.com

Sluka
Einst traf sich im Stammhaus des 1891 gegründeten Unternehmens die bessere Wiener Gesellschaft. Zwischen Parlament und Wiener Rathaus wurden und werden Sluka-Torte, Flora-Krapfler oder Maria- Theresia-Torte serviert. Der innovative Gründer Wilhelm Josef Sluka war der erste Österreicher, der in seiner Backstube kleine Maschinen einsetzte.

Rathausplatz 8, 1010 Wien
T: +43 1 4057172
Kärntner Str. 13–15, 1010 Wien
T: +43 1 5124963500
sluka.at

Zauner
Gegründet 1832 in der Pfarrgasse in Bad Ischl von Johann Zauner. Seitdem fertigen die Konditoren vom einzigen Hofzuckerbäcker außerhalb Wiens Torten und Pralinen mit viel Schokolade zum Niederknien. Den berühmte Zaunerstollen, erfunden 1905 und ein wahres Nougat-Wunder, gibt es in unterschiedlichen Größen auch im Onlineshop.

Pfarrgasse 7, 4820 Bad Ischl
T: +43 6132 2331020
Hasnerallee 2, 4820 Bad Ischl
T: +43 6132 23722
zauner.at

 


Stefanie Hellge
Autorin
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