Tessin: Vom Merlot-Königreich zum Weisswein-Eldorado
Im Tessin wird zu rund 80 Prozent Merlot kultiviert – doch nicht nur dieser wird immer öfter weiss gekeltert, auch weisse Traubensorten sind seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Mit vielversprechenden Resultaten!
In keinem anderen Schweizer Weinbaugebiet ist eine einzige Sorte so dominant wie im Tessin. Auf rund 80 Prozent der Rebfläche des Kantons wird Merlot kultiviert. Die Rebsorte bringt hier exzellente Gewächse hervor, steht quasi synonym für das Tessin und hat der Region zu Recht den Ruf als Schweizer Rotweinparadies eingebracht. Ein derart klares Profil bringt viele Vorteile, birgt natürlich aber auch Risiken, wie man sie etwa Mitte der 1980er erlebte. Damals steckte der Merlot del Ticino in einer Krise, die Keller waren voll und die Qualitäten auf dem absteigenden Ast.
1986 kam der Ingenieur Adriano Petralli jedoch auf die Idee, die roten Merlot-Trauben direkt abzupressen und zu einem Weisswein zu vinifizieren, der deutlich schneller vermarktet werden konnte, was dabei half, die vollen Rotweinlager abzubauen. Mittlerweile macht der Bianco di Merlot etwa 25 bis 30 Prozent der gesamten Tessiner Merlot-Produktion aus und erfreut sich grosser Beliebtheit. In den letzten Jahren hat er sogar noch zugelegt, weiss Fredi De Martin zu berichten. Der Önologe ist seit gut 25 Jahren für die Weine von Vini verantwortlich, die sich aus zwei Linien zusammensetzen. Während die Gialdi-Weine hauptsächlich aus Trauben des Nordtessins entstehen, konzentriert sich die Linie Brivio auf die Produktion von Weinen aus dem Südtessin.
De Martin kennt das Tessin wie seine Westentasche und spürt den Puls der Region wie kaum ein anderer, zumal er mit Hunderten Winzern zusammenarbeitet. Vom Brivio Bianco di Merlot Rovere, der im Barrique vergoren und von De Martin in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Komplexität getrimmt wurde, produziert Gialdi Vini jährlich satte 130.000 Flaschen – und setzt sie auch ab. Weissweine, zu denen auch der Bianco di Merlot gezählt wird, spielen im Tessin heute eine wichtigere Rolle denn je. In den letzten Dekaden stieg ihr Anteil an der gesamten Weinproduktion des Kantons auf gesamthaft 35 Prozent. Wobei zu bemerken ist, dass 70 Prozent der insgesamt 17.510 Hektoliter Weisswein, die 2023 im Tessin produziert wurden, auf weiss gekelterten Merlot entfallen. Ein echter Gassenhauer also.
«Weissweine sind ein riesiger Trend im Tessin. Der Markt bewegt sich vor allem in diese Richtung», stellt De Martin fest. Und dieser Trend beschränkt sich natürlich nicht nur auf weiss gekelterten Merlot. Kommt einer seiner Traubenlieferanten aktuell auf ihn zu, weil er neue Rebsorten pflanzen möchte, empfiehlt De Martin deshalb weisse Sorten. Die richtige Sorte zu finden, gestaltet sich laut ihm jedoch durchaus herausfordernd. Bei Gialdi experimentierte man erfolglos mit Sémillon und füllt in diesem Jahr erstmals einen reinsortigen Viognier ab. «Wäre die Goldgelbe Vergilbung nicht da, wäre Chardonnay die beste weisse Traube fürs Tessin», stellt der Önologe fest.
Eine interessante, aber schwierige Liebe
Die Goldgelbe Vergilbung ist eine Rebkrankheit, die durch Bakterien, sogenannte Phytoplasmen, verursacht wird und erstmals 1949 in der französischen Region Armagnac festgestellt wurde. Lange Zeit beschränkte sich die Krankheit auf Weinregionen in Südeuropa, seit der Jahrtausendwende tritt sie jedoch auch in unseren Breiten auf. Die Rebkrankheit wird von der Amerikanischen Rebzikade übertragen und führt zwangsläufig zum Absterben der Rebstöcke. Da keine Behandlung möglich ist, bleibt nur, die Rebstöcke zu roden. Bekanntestes Beispiel hierfür ist sicherlich Christian Zündels Chardonnay-Parzelle in der Lage Carbonisc, in der die Trauben für seinen legendären Dosso einst wuchsen.
2015 wurde dieser Chardonnay – der zweifellos zum besten aus der Rebsorte im gesamten deutschsprachigen Raum zählte – zum letzten Mal produziert. Danach mussten die Rebstöcke gerodet werden. Zündel erkannte früh, dass das Tessin grosses Potenzial für die Produktion von hochstehenden Weissweinen besitzt. Eine Meinung, die auch seine Tochter Myra teilt, die heute den Familienbetrieb leitet. «Die Weissweine, die hier entstehen, zeigen deutlich, dass das Klima sehr gut für den Anbau von weissen Sorten geeignet ist. Sie sind sehr mineralisch, elegant und niedrig im Alkohol, was ich sehr wichtig finde. Besonders heute, wo elegante, leichte Weine gesucht werden. Auch bei den Rotweinen. Ich sehe grosses Potenzial für Weissweine, weshalb wir dabei sind, mehr weisse Sorten anzubauen», berichtet die Winzerin.
Auch bei Familie Zündel gestaltet sich die Suche nach der richtigen Rebsorte schwierig – zumal Chardonnay aus dem Rennen ist. Um geeignete weisse Sorten zu finden, haben die Zündels eine Versuchsparzelle angelegt, in der diverse Sorten auf Herz und Nieren geprüft werden – von Alvarinho über Savagnin bis hin zu Piwi-Kreuzungen. Aktueller Spitzenreiter ist die Sorte Erbaluce aus dem nahegelegenen Alto Piemonte, die Myra Zündel insbesondere wegen ihres Charakters schätzt. «Die Sorte hat sehr viel Säure, sehr viel Präsenz, ist im Anbau aber nicht ganz einfach. Eine schwierige, aber spannende Liebe», lässt sie lachend verlauten.
Spielwiese Weisswein
Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten ist im warmen, feuchten Klima des Tessins ein schlagendes Argument. Marc Holzwarth, Betriebsleiter bei Cantina Blass, entdeckt diesen Vorteil aktuell bei der Rebsorte Chenin Blanc, die er vor zwei Jahren gepflanzt hat.
In den letzten Dekaden ist der Weissweinanteil im Tessin auf 35 Prozent gestiegen. Das Gros hiervon ist aktuell Bianco di Merlot.
Das Weingut wurde im letzten Jahr im Rahmen des «Falstaff Swiss Wine Travel Guide» für die «Kollektion des Jahres» ausgezeichnet. In den letzten Jahren hat man die mit weissen Sorten bestockte Fläche stark vergrössert und auf einen Anteil von 40 Prozent ausgebaut. Holzwarth hat in Geisenheim studiert, ihm wurde sozusagen das Weisswein-Produzieren eingepflanzt; er ist grosser Weissweinliebhaber und sieht enormes Potenzial für weisse Sorten im Tessin. «Als wir hier 2019 losgelegt haben, haben wir erst alle Lagen genau studiert. Eine Merlot-Lage, wurde von uns als eine sehr gute Weisswein-Lage eingeordnet, weshalb wir dort Chenin Blanc gepflanzt haben», berichtet Holzwarth. Der Fakt, dass Weissweine im Tessin erst seit vergleichsweise kurzer Zeit wirklich eine Rolle spielen, bietet Produzenten wie ihm viel Freiheit.
Eine weisse Leitsorte gibt es aktuell nicht, genauso wenig wie eine gebietsübergreifende Weissweinstilistik. Die Weissweinproduktion ist im Tessin eine kreative Spielwiese. Zumal weisse Sorten vielfältiger in der Vinifikation sind als Merlot. «Aus weissen Trauben lassen sich lagerfähige Weissweine, Orange-Weine, Schaumweine und auch Süssweine kreieren. Diese Diversität ist eine grosse Stärke, finde ich», so Holzwarth. Auch, weil der Weinmarkt sich aktuell stark verändert. Verlangt wird nach leichten Rotweinen, Schaumweinen und Weissweinen. Auch das hat Holzwarth im Blick, wenn er berichtet, dass er den Weissweinanteil bei Cantina Blass künftig noch weiter ausbauen möchte. Sein Ziel: fifty-fifty. Für das gesamte Tessin sicherlich zu hoch gegriffen, aber in den nächsten Dekaden wird sich noch einiges tun. Potenzial für weisse Sorten ist auf jeden Fall vorhanden.
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