Wie ein Kurztrip nach Tahiti: die Geschichte des Mai Tai
2026 könnte das Jahr des Comebacks der Tiki-Cocktails werden und kaum einen Drink verbindet man dermaßen mit diesen Rum-beschwerten Beachbombern wie den Mai Tai. Aber führen seine Wurzeln wirklich in die Südsee?
Das neue Jahr kann großartig werden, denn endlich darf man sich wieder an üppig geschmückten Gläsern festklammern – vor allem dann, wenn es nicht das erste des Abends ist – und sich beseelt an den Fratzen auf bunten Cocktailkelchen ergötzen, denn sie sind zurück, die Rum- und Saft-schwangeren Tiki-Cocktails, die uns so zielsicher und im Handumdrehen an sonnengetränkte Südseestrände entführen. Geistig schon mit Blumenhemd, Flipflops, Baströckchen und Kokosnussschalenbikini ausgestattet, träumt man sich zurück in die Zeit, als diese kunterbunte Trinkkultur von fernen Inseln aus den Globus eroberte – nur um dann von irgendeinem Cocktailhistoriker belehrt zu werden, dass Drinks wie der Mai Tai den Strand von Tahiti nie gesehen haben. Doch keine Sorge, ihrem Zauber tut das keinen Abbruch.
Ein Drink, zwei Väter
Fakt ist: Trotz seiner Popularität sind die genauen Ursprünge des Drinks bis heute Gegenstand lebhafter Diskussionen unter Barkulturhistorikern. Im Zentrum der Debatte stehen zwei US-amerikanische Bar-Pioniere: Donn »Don the Beachcomber« Beach und Victor »Trader Vic« Bergeron. Beide Protagonisten haben maßgeblich zur Entstehung der Tiki-Kultur beigetragen – jener Stilmischung aus Karibik-, Pazifik- und Pop-Exotik, die in den USA zwischen den 1930er- und 1960er Jahren boomte. Bars und Restaurants dieser Richtung boten ihren Gästen eine künstliche, tropisch anmutende Erlebniswelt, in der Rum-basierte Cocktails wie der Mai Tai zur »Flucht« aus dem Alltag wurden. Laut der gängigen Überlieferung wurde der Cocktail 1944 in Bergerons Restaurant »Trader Vic’s« in Oakland, Kalifornien, entwickelt. Bergeron wollte vor allem einen Drink schaffen, der die Aromen eines hochwertigen jamaikanischen Rums zur Geltung bringt. Hierfür griff er zu 17-jährigem J. Wray & Nephew Rum, frischem Limettensaft, Mandelsirup, Orange Curaçao und Zuckersirup. Nach dem Shaken auf zerstoßenem Eis wurde der Cocktail mit einer Limettenschale und Minze garniert. Bergeron lieferte sogar die Legende zur Entstehung des Namens mit, nach der zwei tahitische Freunde den Drink probierten und ausriefen: »Mai Tai Roa Ae« – frei übersetzt: »Nicht von dieser Welt! Der Beste!« – was letztlich zur Namensgebung »Mai Tai« führte (aus maitaʻi, Tahitianisch für »gut« oder »exzellent«). Bergeron selbst betonte später immer wieder und durchaus vehement seine Urheberschaft. Das hatte Gründe, denn mit dem bereits erwähnten Donn Beach kommt tatsächlich ein weiterer möglicher Erfinder ins Spiel, der diese Ehre für sich beanspruchte.
Donn Beach, geboren als Ernest Gantt, gehört zudem unbestritten zu den Urvätern der amerikanischen Tiki-Kultur. Sein »Don the Beachcomber«-Imperium, das er ab 1933 etablierte, war in vielerlei Hinsicht prägend für das Genre. Beach selbst und später besonders seine Witwe behaupteten, dass er bereits in den 1930er-Jahren einen Drink namens »Mai Tai« bzw. sehr ähnliche rum-basierte Cocktails serviert habe – lange bevor Bergeron seinen klassischen Mai Tai kreierte. Beweisen lässt sich das zwar nicht, bekannt ist aber, dass Drinks wie Beachs Q.B. Cooler – eine Mischung aus jamaikanischem und kubanischem Rum, Limette, Grapefruit, Cointreau, Falernum, Pernod und Angostura – Bestandteil seines Repertoires waren und unbestreitbar stilistische Ähnlichkeiten mit dem Mai Tai aufweisen. Einige Zeitzeugen behaupten zudem, Bergeron habe beim Besuch von Beachs Etablissements Ideen für seine eigenen exotischen Cocktails aufgegriffen. Ob Beach den Namen »Mai Tai« wirklich zuerst nutzte oder ob sein Mix den eigentlichen Mai Tai nur inspirierte, ist bis heute strittig. Unabhängig von den konkurrierenden Ursprungserzählungen setzte sich Bergerons Rezept in der internationalen Barkultur durch. In den 1950er-Jahren wurde der Mai Tai durch Bergerons Zusammenarbeit mit der »Matson Steamship Company« und dem Einsatz in Hotels wie dem Royal Hawaiian in Waikiki berühmt – wo der Drink mit zusätzlichen Fruchtsäften verfeinert und variiert wurde.