Zigarren: Terroir des Tabaks
Selbst langjährigen Zigarrenfreunden ist nicht bewusst, dass es vom Samen bis zum fertigen Longfiller Jahre dauert. Jedes Erntejahr stellt eine neue Herausforderung für die Master Blender dar, die für geschmackliche Harmonie sorgen.
Zigarrenliebhaber sind vielfach Traditionalisten. Dass sie den vertrauten Geschmack »ihrer« Marke genießen können, gleicht aber einem kleinen Wunder. Denn die sich ständig ändernden klimatischen Bedingungen wirken sich auf die Anbaugebiete und damit auf den Tabak aus. So beginnt der Weg durch die sechs Fertigungsschritte einer handgerollten Zigarre jedes Jahr von neuem.
In großzügigen Gewächshäusern bereiten etwa Spezialisten in der Dominikanischen Republik die Pflanzen für die bekannte Marke Davidoff vor. Zeigen sich die ersten Blüten, werden diese gekappt, damit sämtliche Nährstoffe in die Blätter gepumpt werden. Um deren Kraft und Geschmack geht es in den Tabakplantagen. Robuste Pflanzen überstehen die in der Karibik üblichen Wetterkapriolen, die auf die Aussaat der Setzlinge im Oktober folgen. Denn geerntet wird frühestens drei Monate später.
Die im Schatten wachsen
Die Tabakkultivierung erinnert ebenso an den Weinbau wie die Teegärten. An Letztere etwa bei der Empfindlichkeit gegen Staunässe, aber auch der Beschattung der Anbauflächen. Sie findet sich beim japanischen Matcha wie auch amerikanischen Zigarrentabaken. Die Blattmasse soll bei diesen »Shade grown«-Varianten durch die Verhüllung mit feinen Netzen anwachsen. Im Idealfall ergibt dieser »Schattentabak« goldbraune Deckblätter mit wenig erkennbaren Blattadern. In der prallen Sonne stehender Tabak entwickelt kräftigere Blätter, aber auch dickere Adern, die wiederum mehr Nikotin enthalten. Lässt man sie lange genug bei hohen Temperaturen fermentieren, dann ergeben die »Sun grown«-Tabake die dunklen Maduro-Deckblätter. Im direkten Vergleich sind sie – passenderweise Schokolade-dunklen – intensiver im Geschmack.
Ironischerweise ist der beliebte »Connecticut Shade«, der vor allem für leichtere Zigarren verwendet wird, besonders anspruchsvoll in der Kultivierung. Was mit einen Grund dafür darstellt, dass viele dieser Tabake heute nicht aus Connecticut, Massachusetts und Teilen Vermonts stammen, sondern aus Ecuador. In der dortigen Provinz Los Ríos entfällt das künstliche Einnetzen, zudem ist der Boden rund um die Stadt Quevedo vulkanischen Ursprungs. Die US-Ostküste mit ihren Sandböden lässt zu viel Wasser zwar auch schnell versickern, Tabakpflanzen lieben aber die reichlichen Nährstoffe vulkanischer Formationen: Stickstoff, Phosphor, Kalium, Schwefel und Magnesium. Weitere Anbaugebiete mit diesen Voraussetzungen stehen hinter dem Ruf, den Vuelta Abajo (Kuba), Esteli und Jalapa (Nicaragua) oder die »Deckblatt-Provinz« Deli (Indonesien) genießen.
Boden schmecken können
Denn der Tabak – und hier wäre die Analogie zum Weinbau – gibt das »Terroir« in der fertigen Zigarre gut wieder. Ähnlich wie zum Beispiel Burgundersorten Kalkböden lieben, Riesling aber Schiefer, wachsen nicht überall, wo gute Einlageblätter gedeihen, auch ideale Deckblätter. Allein in der Dominikanischen Republik, dem größten Zigarrenland, unterscheidet man 15 verschiedene Anbauzonen mit eigener Kombination aus Mikroklima und Bodentypen. Deshalb haben sich neben den »Puros« (alle Bestandteile aus einem Anbauland) auch die Zigarren-Blends als Pendant zu Rotwein-Cuvées entwickelt. Nicaragua steht beispielsweise für eine intensivere Gaumenstimulation. Das kennzeichnet etwa die schwarze Banderole von Davidoffs Nicaragua-Linie an »Puros«. Während für die neue »Escurio (10th Anniversary Limited Edition) cremige dominikanische Tabaksorten mit den würzigen brasilianischen Tabaksorten kombiniert wurden.
Faustregeln zeigen den Einfluss der Bodenchemie auf den Geschmack: Hoher Stickstoffgehalt etwa zieht mehr Nikotin und damit eine höhere Stärke der fertigen Zigarre nach sich. Für süßere Eindrücke beim Rauchen ist das Verhältnis von Kalzium zu Magnesium ausschlaggebend. Zu wenig Magnesium lässt die Zigarre zu bitter werden. Ein Indikator für versierte Aficionados ist dabei die Farbe der Asche. Je weißer sie ist, desto mehr Nährstoffe bekam die Tabakpflanze!
»Priming« für die Qualität
Doch ehe es so weit ist, muss erst einmal die Ernte erfolgen. »Aber immer erst, wenn die Pflanzen uns signalisieren, dass sie so weit sind«, erklärt Hamlet Espinal, Leiter der globalen Produktion bei Oettinger Davidoff. »Wenn die Pflanze beginnt, sich Richtung Boden zu neigen, starten wir mit der Ernte.« Diese läuft vielfach ähnlich wie im Weinbau in mehreren Durchgängen ab. Diese »Priming« genannte Methode ermöglicht eine bessere Selektion gemäß der Reife und somit späteren Stärke der Tabakblätter. Aus Sicht der Tabakfarmer wird dabei von unten nach oben geerntet. Die untersten Blätter alias »Volado« sind am leichtesten im Geschmack und werden mit Stärke 1 klassifiziert. Der mittlere Trieb trägt den Namen »Seco« und weist auch eine höhere Stärke auf. Praktisch alle Zigarren enthalten Anteile aus diesen Ernten. Auf Seco (Stärke 2) folgt dann noch das obere Blatt »Ligero« – es gibt die Kraft und Würze. Ganz selten verwendet man noch jene über diesen Stärke-3-Blätter wachsenden »Medio Tiempo«-Blätter.
Unabhängig von der Klassifizierung ist der nächste Schritt hin zur Zigarre für alle Tabake gleich: Sie kommen in die Trockenscheunen (»Curing Barns«), in denen sie für mehrere Wochen bei rund 25 Grad getrocknet werden.
Die doppelte Fermentation
Hier bildet sich der erste Geschmack aus, den der entscheidende nächste Schritt festigt, die Fermentation. Fünf oder mehr Tabakblätter werden zu einem Bündel, der »Gavilla«, verbunden. Gemeinsam bilden sie einen Stapel, in dem sich schnell Hitze entwickelt. Bei rund 44 Grad im Zentrum der »Pilones« werden die Haufen neu geschichtet. So gären über mehrere Wochen alle Blätter gleich. Danach erfolgt die Zuordnung der Blätter: Was Deckblatt (»Wrapper«), Umblatt (»Binder«) und Einlage (»Filler«) wird, entscheiden die Experten. Denn nun folgt die zweite Fermentation – ihre Dauer liegt bei einem Monat. In noch größeren, aber nun »reinsortigen« Stapeln prägen sich die Aromen am stärksten aus.
Anschließend werden die Blätter bis zur Verwendung weiter gelagert. Je länger sie reifen, desto komplexer ist in der Regel das Aromenspiel – von einem halben Jahr bis zu einem Jahrzehnt ist alles möglich. Allerdings beeinflusst diese Lagerung auch den Preis.
Geheime Mischverhältnisse
Auch wenn die Folklore des Zigarrenrollens für viele Geschichten Anlass gibt: »Star« in der Zigarrenproduktion ist der »Master Blender«. Er sucht die passenden Chargen aus dem Lager und erstellt den Produktionsplan. »Wie beim Wein erzählt jeder Tabak von seinem Terroir – Sonne, Erde, Zeit. Meine Aufgabe ist es, diese Geschichten zur harmonischen Komposition zu verweben«, erklärt Pedro Pablo Pérez, Master Blender bei Davidoff. Seine geheime Mischung bekommen dann die Zigarrenroller in die Hand. Aus vier bis fünf Blättern entsteht so trotz gleicher Basispflanze, der Nicotiana tabacum, die unendliche Geschmacksvielfalt der Handgerollten. Für den »Binder« nehmen die Roller (»Torcedores«) in der Regel ein Volado-Blatt. Hier ist nicht das Aroma, sondern der später gute Abbrand entscheidend, den dieses Umblatt fördert. Darauf liegend wird die Einlage zur Röhre geformt, mit der Chaveta, dem Wiegemesser, als einzigem Hilfsmittel.
Ist der Zigarrenroller zufrieden, kappt er den Kopf des Bündels, das nun in einer hölzernen Tabakpresse in Form gebracht wird. Allerdings kann immer noch viel passieren. Denn es fehlt noch das Deckblatt. Es ist die Visitenkarte, die der Kenner prüft: Bei Rissen auf der Oberfläche des Wrappers lässt er die Finger davon. Denn dann entweicht beim Rauchen Geschmack – und dazu trägt ein Deckblatt mehr als die Hälfte bei! Hier kommt auch wieder die Farbe ins Spiel. Wurde ein Deckblatt besonders lange der Sonne ausgesetzt, hat es mehr Zucker und Öle zu bieten.
Im letzten Produktionsschritt wird das vorgeformte Bündel auf das Deckblatt gelegt und vom Fuß der Zigarre beginnend ummantelt. Ein kleines Stück des Deckblatts wird als Kappe abgeschnitten und über den Kopf der Zigarre geklebt. Die fertige Zigarre wird anschließend noch auf Länge geschnitten, mit Banderolen versehen und verpackt – in jene Schatzkistchen, auf die Genießer in Europa schon sehnsüchtig warten.