Anna Netrebko: »Bei uns wurde Wein getrunken, kein Wodka«
Anna Netrebko hält nichts davon, sich beim Essen zu kasteien. »Ich will nicht leiden, ich will glücklich sein«, sagt die Opernsängerin. Darum genießt sie es, mit Freunden und Familie zu schlemmen – wo auch immer sie gerade ist.
Mailand, Wien, Paris, New York, Sydney, Tel Aviv, London, Zürich, St. Petersburg, Dubai, Shanghai, Madrid, Tokio – überall ist Anna Netrebko schon auf der Bühne gestanden, überall hat sie das Publikum begeistert.
»Ich bin eine Reisende… von Stadt zu Stadt, von Land zu Land«, schreibt die Sängerin auf Instagram. Auf der sozialen Plattform lässt sie ihre Fans an ihrer Reise um die Welt teilhaben. Mehr noch, sie gibt ihnen das Gefühl, dabei sein zu können – bei Proben, Vorstellungen, Premierenfeiern, bei Familienfesten, beim Städtebummel mit Freundinnen, im Museum, beim Einkauf am Markt oder beim Pasta-Essen mit ihrem Sohn Tiago.
Wer der Sängerin auf den sozialen Medien folgt, sieht schnell, dass ihre Leidenschaft nicht nur der Oper gilt. Sie hat auch ein großes Faible für bildende Kunst, für Schmuck und Mode. In ausgefallenen Outfits und mit schrillen Brillen posiert sie gerne: »Ich kleide mich verrückt, weil ich verrückt bin«, sagte sie in einem Interview. Als »Shopaholic« (so nennt sie sich selbst) macht es ihr Spaß, sich immer wieder neu zu stylen und mit den verschiedensten Accessoires zu experimentieren: »Ich verleihe meinen Kleidern immer einen ausgefallenen Touch, so gefallen sie mir viel besser.«
Kochen für alle
Für gutes Essen hat die gesellige Künstlerin ebenfalls eine Schwäche: »Wenn ich das Essen nur nicht so lieben würde!«, sagt sie und lacht. Aber Netrebko hält ohnehin nichts davon, sich zu kasteien oder gar zu hungern, zumal das auch ihrer Stimme nicht guttut. »Und ich liebe es, Menschen zu bekochen. Manche sagen ja: Um etwas künstlerisch Wesentliches zu erschaffen, muss man leiden. Aber ich will nicht leiden, ich will glücklich sein!«
Gemeinsam mit Freunden und Familie zu tafeln, das machte Anna schon als Kind glücklich. Geboren und aufgewachsen ist sie in Krasnodar in der damaligen Sowjetunion. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester lebte sie in einem kleinen Haus mit Garten im Zentrum der Stadt: »Es gab Tomaten und anderes Gemüse, vor allem Obstbäume und ausgezeichnete Weintrauben – mein Vater machte herrlichen Wein. Bei uns, den Netrebkos, wurde immer Wein getrunken, kein Wodka.«
Gastfreundschaft wurde in der Familie großgeschrieben. Das Haus sei immer voller Menschen gewesen und die Stimmung am reich gedeckten Tisch ausgelassen, schreibt die Sopranistin in ihrem Buch »Der Geschmack meines Lebens«. Ihre Mutter verwöhnte alle mit Pelmeni, Wareniki, Borschtsch, Piroschki, Scharlotka und anderen Köstlichkeiten der russischen Küche. »Im Sommer gab es nicht so Deftiges, sondern viele Gemüsegerichte. Oder sie machte eine riesige Pfanne mit Rührei, Tomaten und vielen Kräutern. Sie war eine fantastische Köchin. Ja, man kann sagen, dass ich verwöhnt war, was das Essen betraf – in anderen Familien wurde nicht so toll gekocht.«
Bühne als Lebenselixier
Schon als kleines Kind liebte es Anna, sich zu verkleiden und zu singen. Mit zehn Jahren hatte sie mit dem Chor der Jungpioniere, der offiziellen sozialistischen Kinderorganisation, im Konzertsaal von Krasnodar ihren ersten Soloauftritt. Später sang sie in dieser Formation auch in Moldawien und anderen Städten an der Schwarzmeerküste. Spätestens da wurde ihr klar: »Ich will das Erlebnis der Bühne, den Jubel des Publikums nicht mehr missen. Sie ist mein Lebenselixier.«
Ihre außergewöhnliche Begabung blieb schon während ihres Gesangsstudiums in St. Petersburg nicht unbemerkt. Bald erhielt sie ein festes Engagement am Mariinski-Theater, und mit 24 Jahren feierte sie bereits an der San Francisco Opera ihr Debüt in den USA. An ihre ersten Eindrücke von der Neuen Welt erinnert sie sich noch gut: »Ich war völlig überwältigt – die helle Sonne Kaliforniens, die fröhlichen Menschen, deren Lebensfreude und Offenheit. Was für eine Erschütterung für ein postsowjetisches Mädchen!« Sehr gewöhnungsbedürftig waren für sie hingegen die amerikanisch-mexikanischen Gerichte. Weder Burger, Tacos oder Burritos, noch der »Hasensalat« schmeckten ihr. Einzig Crab Cakes mit viel Cocktailsauce und supersüßen Donuts ist es zu verdanken, dass die Russin an der Westküste satt wurde.
Die Anpassungsschwierigkeiten an die Kulinarik anderer Länder haben sich im Laufe der langen Karriere von Anna Netrebko längst gelegt: »Zum Glück bin ich nicht wählerisch und liebe jede Küche, egal ob italienisch oder japanisch«, sagte sie in einem Falstaff-Tischgespräch. »Das Wichtigste für mich ist Abwechslung! Zwei Wochen nur japanisches Essen, das wäre nichts für mich.«
Jeden Tag Pasta
Sobald die Künstlerin jedoch die Heimat Verdis, Puccinis und Rossinis betritt, beginnt für sie »die italienische Diät«. Und an diese hält sie sich sklavisch, egal ob sie in einer einfachen Taverne oder einem Sterne-Restaurant speist: »Ich esse jeden Tag Pasta, manchmal auch Pizza und Meeresfrüchte, aber unbedingt jeden Tag Pasta mit Sauce aus rohen, geriebenen Tomaten – darin kann ich mich eingraben. Ja, ich bin ein Tomatenfreak.«
Wann immer Netrebko an der Scala in Mailand arbeitet, muss sie ihren Aufenthalt auch für einen Spaziergang auf der Via Montenapoleone nutzen, schließlich finden sich dort die Stores der berühmten italienischen Modelabels Salvatore Ferragamo, Prada, Gucci und Fratelli Rossetti. »Ich liebe es, dort zu flanieren und zu stöbern, besonders im Dezember, kurz vor Weihnachten.«
In Salzburg hingegen hält sich die Sängerin am liebsten während der Sommermonate in der Festspielzeit auf. Ihren großen Durchbruch feierte die Sopranistin an der Seite von Thomas Hampson in der Stadt an der Salzach 2002 als Donna Anna in Mozarts »Don Giovanni«. Diese legendäre Produktion blieb Zuschauern wie Kritikern nicht nur wegen der atemberaubend singenden Russin in Erinnerung, sondern auch wegen des außergewöhnlichen Bühnenbildes: einem überdimensionalen Palmers-Plakat, auf dem fünf Frauen – auf dem Bauch liegend und nur mit Strümpfen bekleidet – zu sehen waren.
Dieses Debüt habe alles geändert, sagt Netrebko. Salzburg hat von Anfang an zu den Lieblingsorten der Sängerin gezählt. Sie liebt die Berge und die Seen, und sie lässt sich auch immer wieder mit neuen Geschmackskombinationen überraschen: »Wild mit Preiselbeerkonfitüre, das kannte ich zuvor nicht.«
Zu einer ungewollten Unterbrechung ihrer Erfolgsstory kam es jedoch mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Als die gebürtige Russin sich in einer Erklärung zwar gegen den Krieg aussprach, jedoch nicht zu Wladimir Putin auf Distanz ging, setzten viele Opernhäuser die Zusammenarbeit mit ihr aus. Allerdings nicht lange. Schon nach wenigen Monaten hießen die meisten Intendanten die »Jahrhundertstimme« wieder willkommen. Mit Ausnahme der Metropolitan Opera in New York tritt sie heute wieder an allen renommierten Häusern auf und ist so gefragt wie eh und je.
Wien – kulinarisches Paradies
Seit vielen Jahren hat Netrebko ihren Wohnsitz in Wien. Diese Stadt sei für ihre Familie und sie der beste Platz zum Leben, sagt sie. Nur eines stört sie hier: »Dieser ewige Wind in Wien – er soll endlich aufhören.« Allzu sehr dürfte die temperamentvolle Sängerin unter der manchmal stürmischen Wetterlage allerdings nicht leiden, weiß sie doch zu gut, dass es wohl an keinem anderen Ort ein so opernbegeistertes Publikum gibt wie hier.
Und noch etwas versüßt ihr die Aufenthalte in der österreichischen Hauptstadt: Die Wiener Küche. »Was ich an ihr so liebe? Wiener Schnitzel natürlich, Rindssuppe, Gulasch, Marillenknödel, Palatschinken mit Marillenmarmelade – die mache ich auch selbst und flambiere sie gerne.«
So gerne es sich Anna schmecken lässt; an Tagen, an denen sie am Abend auftritt, überlegt sie sich ganz genau, was sie zu sich nimmt, und vielmehr noch, was nicht. Zum einen darf das Essen nicht deftig und nicht scharf sein, damit es nicht schwer im Magen liegt. Zum anderen muss die Kost der Sopranistin genügend Energie spenden, um ausreichend Kraft für lange, anstrengende Partien zu haben. »Meist esse ich Proteinreiches oder ein einfaches Pasta-Gericht, aber ohne Zwiebel oder Knoblauch – aber nur aus Höflichkeit meinen Gesangspartnern gegenüber. Manche sind sehr sensibel.«
Steckbrief Anna Netrebko
Weltstar der Oper mit herausragender Bühnenpräsenz und vielseitigem Repertoire.
• Anna Netrebko gehört dank ihrer einzigartigen Stimme und Bühnenpräsenz zu den erfolgreichsten Opernsängerinnen unserer Zeit.
• Sie wurde am 18. September 1971 in der südrussischen Stadt Krasnodar geboren. Mit 16 Jahren zog sie nach St. Petersburg (damals noch Leningrad) und studierte Gesang am Sankt Petersburg Konservatorium. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie 2002 bei den Salzburger Festspielen als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni. Als erste klassische Künstlerin reihte sie das Time Magazine 2007 unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt. 2008 verlieh ihr Präsident Wladimir Putin die Auszeichnung »Volkskünstlerin Russlands«.
• Seit 2006 hat Netrebko auch die österreichische Staatsbürgerschaft. 2008 kam ihr Sohn Tiago zur Welt. Der Vater ist Bariton Erwin Schrott. 2015 heiratete sie den Tenor Yusif Eyvazov. Das Paar trennte sich 2024.
• Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 kündigten viele Opernhäuser die Verträge mit Netrebko, weil sich die »Volkskünstlerin Russlands« nicht von Wladimir Putin distanzierte. Mittlerweile singt die Sopranistin wieder an fast allen renommierten Opernhäusern, ist aber – wie zuletzt in London – immer wieder mit Protesten konfrontiert.