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Warum Mozart ohne Reisen nicht leben konnte

Kunst & Kulinarik
Salzburg

Wolfgang Amadeus Mozart liebte es, zu reisen, denn seine Geburtsstadt Salzburg war ihm verhasst. Heimische Spezialitäten wie Sauerkraut und Leberknödel vermisste der geniale Komponist jedoch in der Ferne sehr.

Wolfgang Amadeus Mozart wurde 35 Jahre, zehn Monate und neun Tage alt. Zehn Jahre, zwei Monate und acht Tage – also weit über ein Drittel seines Lebens – verbrachte er auf Reisen. Der gebürtige Salzburger liebte es, auf Achse zu sein, mehr noch: er war überzeugt, dass er unterwegs sein müsse, um nicht zu verkümmern. »ein Mensch von mittelmäßigem Talent bleibt immer mittelmäßig, er mag reisen oder nicht – aber ein Mensch von superioren Talent (welches ich mir selbst, ohne gottlos zu seyn, nicht absprechen kann) wird – schlecht, wenn er immer in den nehmlichen Ort bleibt«, schrieb er seinem Vater Leopold 1778 aus Paris. Dieser drängte seinen Sohn, nach Salzburg zurückzukehren, um seine Stelle als Hoforganist beim Erzbischof Colloredo anzutreten.

Doch Mozart widerstrebte nichtsmehr als das. Salzburg war ihm viel zu eng geworden.  Kein Wunder: Schon mit sechs Jahren hatte er Wien kennengelernt und in den folgenden Jahren ganz Westeuropa und Italien. Der Bub genoss es, jeden Tag Neues zu erleben. So sehr sogar, dass er sich – im Unterschied zu seinem Vater – weder von langen, beschwerlichen Kutschenfahrten noch von verlausten Absteigen, saurem Wein, schlechtem Essen oder Durchfällen die Laune verderben ließ. 

Dem passionierten Briefeschreiber Leopold Mozart verdanken wir, dass wir aufs genaueste Bescheid wissen, was sein Sohn und er auf den vielen gemeinsamen Reisen erlebt haben. Und ein nicht unwesentlicher Teil seiner Schilderungen handelt von ihrer Verköstigung, den einfachen Wirtshäusern, privaten Essenseinladungen und Empfängen in Adelshäusern.

Reisen ja, aber nicht zum Vergnügen

Am 9. Juni 1763 brach die gesamte Familie Mozart zu ihrer ersten großen Europa- Tournee auf. Erklärtes Ziel von Leopold war es, seine beiden musikalischen Wunderkinder Nannerl und Wolfgang an den europäischen Höfen zu präsentieren – und mit ihren Darbietungen möglichst viel Geld zu verdienen.

Schon aus Bad Salzig am Rhein, dem ersten Zwischenstopp der dreieinhalb Jahre dauernden Reise, schrieb er seinem Freund, dem Spezereiwarenhändler Lorenz Hagenauer: »Ich bekam das beste Zimmer, eine Suppe, einen guten Rhein Salmen und Butter, Wein hatte ich genug selbst bey mir, sonst hätten wir schlechten trinken müssen.« Das wäre für den »grimmigen Säufer«, wie sich Mozart Senior selbst nannte, eine schwer zu verschmerzende Beeinträchtigung gewesen. Vorsorglich hatte er deshalb immer ein paar gute Bouteillen im Gepäck.

Für seine Kinder waren die folgenden Jahre ungemein strapaziös. Ob in München, Augsburg, Heidelberg, Mainz, Frankfurt, Koblenz, Köln, Aachen, oder Brüssel, überall hatten sie ein Konzert nach dem anderen zu absolvieren. Schließlich musste die Reisekasse laufend aufgefüllt werden. Nebenbei komponierte der kleine Musicus mehrere Sonaten für Klavier und Violine, um den Pariser Hochadel mit eigenen Werken zu beeindrucken.

Abscheuliches Trinkwasser aus der Seine

Tatsächlich erhielten die Mozarts bald eine Einladung von Ludwig XV. zu einem Festessen auf Schloss Choisy. Die Hochnäsigkeit, mit der Madame de Pompadour, die Geliebte des Königs, ihnen begegnete, erzürnte Leopold sehr. Aber Poulardenkoteletts, gebratene Täubchen im Ganzen, Truthahn in Champagnersauce, Carrée von Lamm mit Sorbet und viele andere Köstlichkeiten, die bei diesen königlichen Soupees aufgetischt wurden, dürften die Familie wenigstens für die kulinarischen Enttäuschungen entschädigt haben, die sie bis dahin in der Stadt an der Seine erlebt hatte.

Besonders empörte sich Leopold über die »crepirten Fische«, die, wie er meinte, halbverdorben zu unverschämten Preisen angeboten wurden. »Das abscheulichste hier ist aber das Trinkwasser, das so aus der Seine (so abscheulich aussieht) geholt wird.« Nachdem die gesamte Familie auf das Seine-Wasser mit schweren Durchfällen reagiert hatte, tranken jedenfalls die Mozart-Eltern nur mehr Wein.

London – ein Genuss

Viel wohler als in Paris fühlten sich die Mozarts in London. Drei Tage nach ihrer Ankunft wurden sie bereits von King George III. und seiner Frau Sophie Charlotte empfangen. Die Königin erwies den Gästen aus Salzburg den gebührenden Respekt, sprach sie doch, wie Leopold seinem Freund Hagenauer stolz berichtete, seinen Sohn nur mit »Master Wolfgang« an. Verzückt war er auch von Englands Küche: »Die Speisen sind ungemein nahrhaft, substantios und kräftig; das Rindfleisch, Kalbfleisch und Lammfleisch besser und schöner als man es in der Welt finden kann. (…) Das Bier, deren man in verschiedenen Gattungen haben kann, ist ganz erstaunlich starck und gut.« Befremdet hat Vater Mozart allerdings, dass in England nicht nur Erwachsene zum Alkohol greifen: »Die Kinder und die Magd trinken leichtes Bier und haben die Freyheit nach belieben zu dem Fässe zu gehen den ganzen Tag hindurch; denn hier trinkt niemand Wasser. Herr und Frau trinken Starckbier.«

Als passionierter Weintrinker war für Mozarts Vater Bier stets zweite Wahl. Als er 1769 mit seinem Sohn nach Italien aufbrach, machte er in Kaitl bei Reichenhall Halt: »Um 1 Uhr sind wir im Kalterl angelangt und haben unter grausammen Gestank ein eingemachtes Kalbfleisch zum Mittagsmahl genohmen. Dazu tranken wir ein paar Trunk gutes Bier, dann der Wein war ein Laxiertrankl«, schrieb er seiner Frau. Über 4000 kräftezehrende Kilometer legten Vater und Sohn in den folgenden Monaten in harten Pferdekutschen zurück. Die Wegstrecke zwischen Florenz und Rom empfand Leopold als Zumutung: »Stelle dir nur ein meistens ungebautes Land vor, und die abscheulichsten Wirtshausser, Unflath, nichts zu Essen als zum Glück da und dort Eyer und Broccoli.« Auch an Neapel missfiel ihm fast alles – das gottlose Volk, die schlechte Erziehung der Kinder, die Bettler. Einzig die Vielfalt an Früchten und Blumen hebt er positiv hervor. Im Unterschied zu seinem Vater jammert Wolferl in seinen Briefen nie. Im Gegenteil: »Ich bin auch noch lebendig, und bin beständig lustieg wie allzeit, und reise gern«, schreibt er aus Neapel.

Steckbrief Wolfgang Amadeus Mozart


  • Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart gehört zu den berühmtesten Komponisten der Musikgeschichte. In seinem kurzen Leben schuf er über 620 Werke, darunter 41 Sinfonien, 27 Klavierkonzerte und 22 Opern. Die Zauberflöte, Don Giovanni und La nozze di Figaro zählen weltweit zu den meistaufgeführten.
  • Mozart wurde am 27. Jänner 1756 in Salzburg geboren. Sein Vater Leopold war selbst Komponist und unterrichtet seinen Sohn und seine Tochter Nannerl von frühestem Kindesalter an. Als Wolfgang sechs Jahre alt war, begann sein Vater, ausgedehnte Reisen mit ihm zu machen, um sein »Wunderkind« berühmt zu machen.   

  • Von 1779 bis 1781 war Mozart am Hof des Erzbischof Hieronymus von Colloredo als Hoforganist in Salzburg tätig, nachdem er im Ausland keine andere Anstellung gefunden hatte. Doch es kam zum Bruch mit dem Erzbischof, und von da an lebte Mozart als freischaffender Komponist in Wien. 1782 heiratete er – gegen den Willen seines Vaters – Constanze Weber. Von ihren sechs Kindern überlebten nur zwei.

  • Im Dezember 1787 wurde er zum k. k. Hof-Musik-Compositeur ernannt. Aufgrund seines überaus aufwendigen Lebensstils hatte Mozart große finanzielle Probleme. Bis zum Ende seines Lebens komponierte er ununterbrochen. Zuletzt arbeitete er an einem Requiem, das er jedoch nicht vollenden konnte. Am 5. Dezember 1791 starb er mit nur 35 Jahren.

Leberknödel und Sauerkraut in Mailand

So wenig Wolferl Salzburg vermisste, so sehr sehnte er sich nach der heimischen Küche. Dementsprechend groß war die Freude, als die aus Salzburg stammende Marianne d’Asti von Astenburg Sohn und Vater in ihrem Haus in Mailand im Jänner 1771 mit salzburgerischen Spezialitäten verwöhnte: »Am Donnerstag speisten wir bey der Madame v. Astenburg, oder ehemals Trogermariandl, die uns mit Leberknödl und Sauerkraut, so sich der Wolfgang ausgebetten, nebstbey aber mit anderen guten speisen, darunter ein herrlicher Capaun und Fasan, aufs prächtigste bewirthet hat.«

Ähnlich begeistert schrieb der Patron viele Jahre später seiner Tochter Nannerl aus Wien, wohin er 1785 hingefahren war, um seinen Sohn zu besuchen: »Es wurden nichts als Fleischspeisen aufgetragen, und der Fasan war zur Zuspeise im Kraut, das Übrige war fürstlich, am Ende Austern, das herrliche Confect, und viele Bouteillen Champagner-Wein nicht zu vergessen.« Keine Frage: Wolfgang wollte seinen Vater beeindrucken und gleichzeitig überzeugen, dass seine Entscheidung, Salzburg den Rücken zu kehren und sich als freischaffender Komponist in Wien niederzulassen, goldrichtig gewesen war.

Tatsächlich war der geniale Compositeur in seinen ersten Jahren in der Residenzstadt der Habsburger – auch wirtschaftlich – überaus erfolgreich. Allein seine Maßlosigkeit und seine hohen Spielschulden wurden ihm zum Verhängnis. Ohne die Darlehen seiner Freunde wäre Mozart am Ende seines Lebens nicht mehr in der Lage gewesen, seine Familie zu ernähren. Viel zu früh, am 5. Dezember 1791 kurz nach Mitternacht starb Mozart völlig verarmt und vereinsamt. Seine letzten Briefe zeigen, wie sehr den einstigen Lebemann trübe Gedanken plagten. Aber auch, dass nichts seine Stimmung so sehr erhellen konnte wie ein köstliches Essen. Am 8. Oktober schreibt er seiner Frau: »Izt habe ich ein kostbares Stück Hausen (Fisch) zu leib genommen.« Anderentags: »Ein halbes Kapaunel ließ ich mir herrlich schmecken.« Und kurz darauf: »Carbonadeln! – che gusto!«


Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 1/2026

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Judith Hecht
Autor
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