Champagner im Wandel der Zeit
Eleganz und festliche Momente – dafür steht symbolhaft der Champagner. Die Finesse dieses legendären Schaumweins beruht auf den einzigartigen, kreidehaltigen Böden der Region und der Kunst der Assemblage unterschiedlicher Jahrgänge und Rebsorten. Um die Erfolgsgeschichte des Champagners in die Zukunft zu führen, werden Anpassungen an den Klimawandel und nachhaltige Anbau- und Verarbeitungspraktiken eine zentrale Rolle spielen.
An der Départementale 10, südlich von Épernay, reiht sich wie Perlen auf einer Kette ein Grand-Cru-Ort an den nächsten. Städtchen und Dörfer wie Cramant, Avize, Oger und Le Mesnil-sur-Oger an der Côte des Blancs stehen für exzellenten Champagner, gewonnen ausschließlich aus Chardonnay-Trauben. An der Grenze zwischen Oger und Avize liegt die nach Südwesten ausgerichtete Einzellage »Voie d’Oger« in Avize. Die Domaine Doyard ehrt diese besondere Lage auf kalkhaltigem Boden mit ihrem »La Voie d’Oger 2016«.
»Mein Bruder Charles wollte diesen außergewöhnlichen Wein unverfälscht in die Flasche bringen«, erklärt Guillaume Doyard, der nach dem Tod seines Bruders 2017 gemeinsam mit seinem Vater das Weingut führt. Für die Doyards ist Champagner nicht nur irgendein Getränk, sondern wie für jeden Champenois erst einmal ein Wein. »Normalerweise reifen unsere Weine in Holzfässern«, so Doyard, »doch bei diesem im Stahltank ausgebauten Lagenchampagner wollen wir den reinen Charakter des Terroirs bewahren.« Bei der Verkostung offenbart dieser hoch bewertete Champagner eine mineralische Finesse und eine ausgeprägte, jahrgangstypische Säure.
Die Familie Doyard aus Vertus, einem Premier-Cru-Ort im südlichen Teil der Côte des Blancs, blickt auf eine Weinbautradition zurück, die bis ins 17. Jahrhundert reicht. Heute bewirtschaftet sie elf Hektar, davon zehn Hektar Chardonnay, auf erstklassigen Lagen. »Wir setzen auf nachhaltigen Weinbau und verwenden biologische und biodynamische Präparate«, betont Guillaume Doyard.
Einzellagen im Trend
Die Doyards sind Teil eines Trends in der Branche hin zu Einzellagen-Champagnern. Während Prestigelagen wie beispielsweise Krugs »Le Clos du Mesnil«, Bollingers »Vieilles Vignes Françaises« oder Philipponnats »Clos des Goisses« einem breiten Publikum bekannt sind, entdecken zunehmend auch kleinere Erzeuger den Wert von Einzellagen. Ein Beispiel dafür ist Bonnaire mit »Terres des Buissons« oder Drappier mit »Grande Sendrée«.
Wie der Trend zu Einzellagen gewinnt auch Nachhaltigkeit im An- und Ausbau immer mehr an Bedeutung. Bis 2030 sollen alle Champagnerhäuser ein Nachhaltigkeitslabel tragen. Auch LVMH, Mutterkonzern großer Marken wie Moët & Chandon, Veuve Clicquot und Dom Pérignon, hat sich dieser Bewegung verschrieben. 2022 eröffnete LVMH ein hochmodernes Forschungszentrum, das sich auf die Weiterentwicklung von Weinbau- und Produktionstechniken konzentriert. Dabei stehen Nachhaltigkeit, Innovation und Tradition im Fokus.
Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels verpflichten sich viele Häuser, ihren CO2- Fußabdruck zu minimieren und neue, umweltfreundliche Anbaumethoden zu entwickeln. Dabei zählt die biologische und biodynamische Zertifizierung zu den strengsten Standards im Weinbau. Bis Ende 2023 waren acht Prozent der gesamten Anbaufläche biologisch zertifiziert oder in Umstellung mit steigender Tendenz.
Louis Roederer geht mit gutem Beispiel voran. Die eigenen Weinberge sind fast zur Hälfte biologisch oder biodynamisch zertifiziert. Die Prestige-Cuvée »Roederer Cristal« besteht seit 2012 ausschließlich aus biodynamischen Trauben. »Die Umstellung bringt jedes Jahr spürbare Vorteile, sowohl für die Natur als auch für unsere Weine«, betont Jean-Baptiste Lecaillon, Chef de Cave bei Roederer. Der neu erschienene, hoch bewertete »Cristal 2015« überzeugt durch seine energetische Komplexität und sein außergewöhnliches Reifepotenzial.
Auch Leclerc Briant, einer der Pioniere der Biodynamik der Region, produziert kraftvolle Champagner, die aus einem ganzheitlichen Ansatz entstehen. Ein Highlight des Weinguts ist die Cuvée »Abyss«, die eine zusätzliche Reifezeit von zwölf bis 15 Monaten in 60 Meter tiefen Stollen vor der bretonischen Küste durchläuft.
Champagner aus -Piwi-Sorten
Auch beim Comité Champagne zeigt man sich innovativ. Durch die 2022 neu zugelassene pilzwiderstandsfähige Rebsorte »Voltis« möchte man sowohl hinsichtlich Nachhaltigkeitsaspekten als auch des Klimawandels einen zusätzlichen Beitrag leisten. Die Rebsorte ist im kontrollierten Versuchsanbau zugelassen und darf maximal zu zehn Prozent in einem Champagnergrundwein verwendet werden.
Ein weiterer wichtiger Trend ist die Premiumisierung des Champagnermarkts. Die Exportzahlen in den Jahren 2023 und 2024 zeigen, dass der Absatz von Massenchampagnern sinkt, während hochwertige Cuvées und Jahrgangschampagner immer begehrter werden. In Deutschland machen diese hochwertigen Champagner 13 Prozent des Marktwertes aus.
Die Einnahmeverluste im Vergleich zu den Boomjahren 2021 und 2022 können dadurch etwas abgefedert werden. Trotzdem ist der Rückgang der weltweiten Absatzzahlen – besonders auch im heimischen Frankreich – unübersehbar. Die Champagne befindet sich wieder auf dem Exportniveau von 2019. Wirtschaftliche Krisen und teils stark gestiegene Flaschenpreise lassen manche Konsumenten auf günstigere Alternativen ausweichen.
Qualitativ bleibt die Zukunft der Prestige-Cuvées vielversprechend. Pommery überzeugte mit »Louise« 2005 und 2006, und Charles Heidsieck beeindruckte mit dem »Blanc des Millénaires 2014«. Namhafte, renommierte Häuser wie Bollinger mit »Grande Année«, Moët & Chandon mit »Grand Vintage«, Dom Pérignon und Pol Roger mit »Sir Winston Churchill« haben ihre Jahrgangs-Prestige-Cuvées aus 2015 erfolgreich auf den Markt gebracht. Die durchwegs überdurchschnittlichen Verkostungsergebnisse zeugen von einem großartigen Champagnerjahr mit gutem Reifepotenzial.
Im Gegensatz zu den Jahrgangschampagnern setzen einige Produzenten bei ihren Prestige-Cuvées auf eine Komposition verschiedener Jahrgänge und Reserveweine, was den Weinen zusätzliche Tiefe verleiht. Ein herausragendes Beispiel ist der Grand Siècle »Iteration N° 24«, der Chardonnay und Pinot aus den Jahren 2007, 2006 und 2004 vereint. Das Ergebnis ist ein Champagner mit beeindruckender Intensität und lang anhaltender Gaumenfreude. Auch bei Krug strebt man mit dem »172ème Édition« Brut NV nach Perfektion und verwendet neben Weinen aus dem Basisjahr 2016 einen Anteil von 46 Prozent Reserveweinen aus zehn verschiedenen Jahrgängen. »Dieses Zusammenspiel ist wie ein Orchester, das die Symphonie der Champagne spielt«, erklärt Kellermeisterin Julie Cavil. Ein gelungenes Beispiel von Fülle, Frische und Ausgewogenheit.
Vielseitige Rosé-Champagner
Deutschland bleibt einer der größten Abnehmer von Rosé-Champagner mit einem Exportwert von 19 Prozent. Bei der Herstellung gibt es verschiedene Methoden, darunter der »Rosé d’Assemblage«, ein Verschnitt aus Weiß- und Rotwein vor der Abfüllung. Bei den Jahrgangsrosés konnten Weine wie der »2017 Roederer Rosé Brut«, »2004 Louise Rosé Brut« sowie Charles Heidsieck mit dem »Rosé Réserve Brut« Spitzenpositionen erreichen.
Eine weitere Herstellungsart, die »Macération« oder »Saignée-Methode«, ermöglicht es, Aromen und Farbe durch die Mazeration der Traubenschalen zu gewinnen. Diese Technik erfordert eine ständige Überwachung der Farbintensität und großes Fingerspitzengefühl von den Kellermeisterinnen und Kellermeistern. Sie wird daher häufig von kleineren Erzeugern angewendet. In diesem Jahr konnten jedoch auch größere Produzenten wie Duval-Leroy mit »Femme de Champagne Rosé Saignée Brut« und Laurent Perrier mit »Alexandra« überzeugen.
Rosé-Champagner von Winzern wie Eric Rodez und Leclerc Briant fanden besondere Anerkennung. Diese intensiveren Champagner sind hervorragende Begleiter zu kräftigen Speisen.
Insgesamt bleibt Champagner ein Symbol für Eleganz und Lebensfreude mit einzigartiger und unübertroffener Finesse. Trotz eines schwierigen Jahres 2024, geprägt von Regen, Hagel und Frost, stellt sich die Region kreativ auf den Klimawandel und seine Herausforderungen ein. Sie setzt verstärkt auf nachhaltige Produktion ohne Kompromisse bei Qualität und Geschmack. Genießer können sich weiterhin auf neue, innovative Champagnererlebnisse freuen, die Tradition und Moderne perfekt vereinen.
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