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Die Frau, die Afrikas Küchen auf der ganzen Welt bekannt macht: Selassie Atadika

Interview
Köchin
Afrika
Starke Frauen

Selassie Atadika hat es sich zur Mission gemacht, der Welt die Küchen Afrikas näherzubringen. Die ghanaische Köchin kocht international, entwickelt Schokolade mit ihrer Organisation «Midunu» und erzählt Geschichten über afrikanische Traditionen, Zutaten und Produzent:innen. Im Gespräch mit Falstaff spricht sie über Essen als Identität, nachhaltige Wertschöpfung und darüber, warum afrikanische Küchen weltweit unterschätzt werden.

Falstaff: Selassie Atadika, Sie bewegen sich zwischen Gastronomie, kultureller Arbeit und Unternehmertum. Wie würden Sie Ihre eigene Rolle heute beschreiben?

Selassie Atadika: Ich bin Köchin, Produktentwicklerin und Übersetzerin. Nicht nur für Menschen ausserhalb Ghanas, sondern auch innerhalb des Kontinents. Mir geht es darum, Systeme zu schaffen und sichtbar zu machen, in denen die grossartigen Zutaten unseres Kontinents wahrgenommen werden. Ich suche Antworten auf Fragen wie «Wie entstehen kulturelle Werte?» und «Wie teilen wir Kultur – sowohl mit nicht-afrikanischen als auch mit afrikanischen Gemeinschaften?»

Wann wurde Ihnen klar, dass Essen für Sie nicht nur ein Handwerk ist, sondern auch ein Stück Identität?

Ich bin in Ghana geboren. Nach einem Putsch in den frühen 1980er-Jahren sind meine Familie und ich in die USA geflohen, wir mussten unsere Heimat verlassen. Essen war der wichtigste Teil unserer Identität, den wir mitnahmen. Meine Mutter war dabei meine grösste Inspiration. Sie improvisierte mit Zutaten aus lateinamerikanischen Läden, arbeitete mit Maisblättern für Tamales und stellte vieles selbst her, wenn es nicht verfügbar war. Sie wollte, dass wir uns in diesem neuen Umfeld sicher fühlen und zugleich ein Stück Heimat bewahren. Als ich vor elf Jahren nach Ghana zurückkehrte, stellte ich fest, dass viele Gerichte meiner Kindheit verschwunden waren. Deshalb möchte ich mit meinem Wirken sicherstellen, dass sie auch im Jahr 2050 noch existieren. Damit sie lebendig bleiben, müssen wir sie weiterentwickeln und neue Formen finden.

Sie gelten als Pionierin der «New African Cuisine». Wie definieren Sie dieses Konzept persönlich?

Viele verstehen darunter schlicht moderne afrikanische Küche. Doch Afrika besteht aus zahlreichen regionalen Küchen. Für mich bedeutet «New African Cuisine», dass Kultur, Gemeinschaft und Kulinarik zusammenkommen, ebenso wie Umwelt, Wirtschaft und Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch, dass die Frauen in den Dörfern, die diese Produkte herstellen, gut davon leben können. Wenn Menschen an einem Tisch zusammenkommen – die Person, die die Zutat angebaut hat, die Tante, die das Rezept bewahrt hat, die Konsumentinnen und die Lieferanten – dann entsteht echte Wertschöpfung am Ursprung.

Gibt es Zutaten aus Ghana oder Westafrika, die global noch immer unterschätzt werden?

Ja, es gibt sehr viele – und sie sind stark regional geprägt. Ich habe ursprünglich Geografie studiert. Es ist doch faszinierend, wie unterschiedliche Biome unterschiedliche Zutaten hervorbringen. Selbst innerhalb Ghanas gibt es eine enorme Vielfalt. Ein Beispiel ist Egusi, also Melonensamen. Sie sind typisch für unsere pflanzenbetonte Küche, die reich an Nüssen, Samen, Bohnen und pflanzlichen Proteinen ist. Leider fördern viele Länder vor allem Cash Crops für den Export wie Ananas, Mangos oder Cashews, anstatt die lokale Vielfalt zu fördern. Dabei gibt es so viele weitere Zutaten, die gerade erst entdeckt werden. Im Jahr 2050 wird jede vierte Person weltweit afrikanisch sein. Die Bedeutung des Kontinents wird sichtbarer – und somit auch unser Essen.

Welches Gericht bringt Sie nach Hause?

Ganz klar: Kenkey. Es besteht aus fermentiertem Mais, wird in Maisblättern gegart und mit verschiedenen Saucen serviert, etwa mit Chili-Tomaten-Sauce oder Shito, einer dunklen, scharfen Sauce aus getrocknetem Fisch, Garnelen, Ingwer und Knoblauch.

2014 haben Sie «Midunu» gegründet. Was war Ihre Gründungsvision?

Ich habe «Midunu» gegründet, um das kulinarische Erbe Afrikas zu feiern. Auf meinen Reisen durch 45 der 54 Länder Afrikas wurde mir klar: Was wir haben, ist aussergewöhnlich – doch viele wissen wenig darüber. Also begann ich intensiv zu recherchieren und dieses Wissen zu teilen – über Essen, in Vorträgen und mithilfe von Produkten wie Schokolade, die einen niederschwelligen Zugang haben.

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Was wünschen Sie sich vom Rest der Welt?

Dass sie neugierig bleiben. Sie haben bisher nur die Spitze des Eisbergs gekostet. Afrikas Aromenwelt ist riesig.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich die globale Repräsentation der afrikanischen Küche?

Sie bedeutet mir sehr viel, weil dabei mehrere Dinge gleichzeitig geschehen: Zutaten werden respektiert, ebenso wie die Menschen, die sie anbauen und die Traditionen, die sie tragen. So entsteht eine nachhaltige Grundlage für kommende Generationen. Das, was ich als Kind gegessen habe, soll auch in hundert Jahren noch existieren. Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent mit tausend Geschichten.


Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
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