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»German World Cuisine«: Verschläft Deutschland sein kulinarisches Potenzial?

Deutschland
Kulinarik
Kritik

Nirgendwo sonst in Europa geben Menschen so wenig für Lebensmittel aus wie in Deutschland, dessen Bewohner nicht gerade als Genuss-Experten gelten. Dabei ist das Land durch den Multikulturalismus auch in der Kulinarik einzigartig. Ein Ehrenrettungsversuch.

Ja, ja, die Deutschen sind Kostverächter und Genussverweigerer, ihre Lieblingsgerichte sind Viel und Billig. Deutsche bestellen Dönertaschen »ohne scharf«, stehen aber Migration und Migranten mit Grammatikproblemen kritisch gegenüber. Und deutsche Feinschmecker? Sprechen selten laut über ihr Faible – oder entschuldigen sich im Gespräch augenzwinkernd für ihr Manko. Genuss ist dem Deutschen so suspekt und bodenständiges Essen eine so urdeutsche Tugend, dass man sogar Emmanuel Macron auf Staatsbesuch mit Matjesbrötchen fütterte. Als es Kanzlerkandidat Martin Schulz vor Jahren wagte, in einem Restaurant in Brüssel Foie gras zu bestellen, hätte er seine Ambitionen gleich in Sauternes ersäufen können.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Noch in den Fünfzigerjahren waren die Deutschen in puncto Essen so verunsichert, dass ihnen der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Theaterschauspieler als Fernsehkoch vorsetzen konnte: Clemens Wilmenrod, der Erfinder des Toast Hawaii. Tante-Emma-Läden deckten sich vorsorglich mit den Zutaten ein, die er in seiner wöchentlichen Sendung benutzt hatte. Er zog ein Millionenpublikum vor die Bildschirme und spickte seine Kreationen mit teils frei erfundenen Anekdoten. Was er vorkochte, liest sich heute wie Satire: »Arabisches Reiterfleisch«, »Gewitterwürstchen« oder »Käsebissen rotes Kaninchen« – in Brühe aufgelöster Käse mit Zwiebeln und Ketchup …

Bier, Brot, Bratwurst

In den Siebzigern konnte das deutsche Genussvakuum dann von einem Kritikerdiktat gefüllt werden, als könne man in Deutschland nur auf Zeitungspapier und nicht am Esstisch klug über Essen und Trinken diskutieren. In Gesprächen über Kulinarik fällt noch heute im Grunde immer der Satz: »Aber ich verstehe ja nichts von der Sache« – warum machen die Deutschen sich bei dem Thema nur so klein? Klar, sie werden auch gerne in eine Schublade gesteckt. Trinken Deutsche vormittags Bier, dann ist es Sauferei, trinken Italiener vormittags Prosecco, ist es Lifestyle. Aber einen Hang zum frivolen Hedonismus kann man dem Völkchen nicht attestieren. Woran liegt das nur? An der Historie?

Als sich Frankreich jedenfalls schon als Nationalstaat verstand, wurden um die deutschen Herzogtümer noch die Zäune erhöht. Nirgends auf der Welt gibt es wahrscheinlich mehr Variantenreichtum bei der Bezeichnung eines Hacksteaks: Bulette, Frikadelle, Fleischküchle, Fleischpflanzerl, Fleischkloß, Bratklops oder Gewiegtesbrutl. Gilt in Frankreich ein Bœuf bourguignon als Nationalgericht mit regionalem Hintergrund, ziehen Labskaus, Leberkäse, Königsberger Klopse oder Saumagen eine klare Grenze zwischen Nord, Süd, Ost und West. Den einzigen Nationalstaatsmoment erlebte man in Deutschland mit dem Kaiserreich, womit die Festzeltkultur mit den drei großen Bs einherging: Bier, Brot, Bratwurst. Wofür sich die Deutschen heute rühmen und in der Welt berühmt sind.

Es lebe der Multikulturalismus

Kleinstaaterei, Religion, Kriege, Hunger, Entbehrungen, Wirtschaftswunder, Einwanderung, Reise- und Fresswelle: Zerrissen wurde die deutsche Genießerseele. Endgültig aber alle Bänder zur Nationalküche kappen die Einflüsse der Grenzgebiete. Die Frankfurter Soße soll ihren Vorgänger in Frankreich haben, das Gulasch in Ungarn. Das Schnitzel hat seinen Ursprung in Konstantinopel. Labskaus geht auf die Briten zurück. Sauerkraut schwappte über die Mongolei und die Ostgebiete herüber. Die Gabel kam aus dem Orient zu uns. Marzipan, Lebkuchen, Christstollen: Die Zutaten, Techniken oder Ideen der Spezialitäten sind außerhalb unserer Grenzen zu suchen. Und jetzt kommt’s: Das ist großartig!

Die Tragödie ist doch, dass die Deutschen ihre größte kulinarische Stärke als ihre größte Schwäche begreifen: den Multikulturalismus des Landes, durch Regionen, Einwanderung, Handel und Austausch. Was wäre die venezianische Küche ohne die orientalischen Impulse? Was wäre die französische Küche ohne die italienischen Impulse, als Katharina von Medici an den französischen Königshof heiratete? Sorry to say: Der einzige Unterschied zwischen Döner-und Maultaschen sind nichts anderes als 500 Jahre, denn die Vorläufer der Maultaschen waren ziemlich sicher Schlutzkrapfen oder auch Pelmeni, die mit österreichischen Einwanderern oder der Heirat russischer Prinzessinnen nach Württemberg kamen.

»German World Cuisine«

Würden die Deutschen nur einmal versuchen, aus diesem Vorteil Kapital zu schlagen, dann gäbe es in diesem Land längst sagenumwobene türkische, polnische, syrische, rumänische oder italienische Restaurants. Wohlstand, Technikfreude und Innovationslust der Deutschen würden die blühende Ess-Multikultur weiter befeuern – und die ganze Welt irgendwann nach Deutschland reisen, um die deutsche Weltküche, die »German World Cuisine«, einmal selbst zu erleben. GWC anstatt BBB. Die Krux: Für eine blühende Esskultur muss sich die Bevölkerung hinter ihrer Esskultur versammeln. Dazu braucht es Nationalstolz, Genusslust, Rückgrat – und keine kulinarische Duckmäuserei.

 

In Deutschland wäre ein kulinarischer Schatz zu heben. Das haben nur die Deutschen noch nicht mitbekommen.

 

Sind also nur Hopfen und Malz bei den Deutschen gewonnen und alles andere verloren? Nein. Wer glaubt, die Deutschen seien keine Genussmenschen, der hat noch nie im Mai den Spargelenthusiasmus im Land gespürt. Das Kilo elf Euro? Was soll der Geiz?! In der Hochküche kann Deutschland gar mit einer der facettenreichsten, präzisesten, ja, besten Fine-Dining-Szenen der Welt aufwarten. Nur beherzter dürfte sie sein, mutiger, selbstbewusster, aber welche Küche ist perfekt? Dazu die Bierhauskultur, die Regional- und Weltküchen. In Deutschland wäre ein kulinarischer Schatz zu heben. Das haben nur die Deutschen noch nicht mitbekommen. Also Kopf hoch und ran an die Buletten. Bratklöpse. Fleischküchle …


Hannes Finkbeiner
Autor
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