»Gamba Zamba«: Wird Hannover zu Europas Garnelen-Hochburg?
Zwei Gründer holen die White Tiger Garnele nach Deutschland – und stellen dabei eine ganze Industrie infrage. Kann das funktionieren?
Sie sind blau, fleischig, voller Geschmack mit feinem Salzwasseraroma – und kommen tatsächlich aus Deutschland: White Tiger Garnelen, die in der Nähe von Hannover, direkt am Steinhuder Meer, schlüpfen und aufwachsen. In einer Aquafarm von 4500 Quadratmeter Größe schwimmen sie in Bassins mit 1.260.000 Liter Wasser – so groß wie 6000 Badewannen. Das Besondere: Die Garnelen wachsen ohne Antibiotika und Chemie auf – in einer tropischen Kreislaufanlage: Das Wasser zirkuliert in einem geschlossenen System, wird biologisch und mechanisch gereinigt und kommt fast vollständig wieder zum Einsatz.
Bokeloh am Steinhuder Meer – das ist ziemlich weit weg vom eigentlichen Lebensraum der White Tiger Garnelen. Die sind nämlich im Südpazifik zu Hause. Und haben eine weite Anreise, bis sie auf deutschen Tellern landen. Den weiten Weg bis zum Genuss wollten David Gebhard und Florian Gösling verkürzen – mit einer Aquafarm in der norddeutschen Tiefebene. Beide Jungunternehmer, die sich schon aus Studentenzeiten kennen, war es wichtig, dass die Tiere so naturnah wie möglich und ohne Stress aufwachsen und sich paaren. Und nicht so, wie es wohl oft in indischen oder indonesischen Aquakulturen gehandhabt wird. Da werden den Muttertieren bei lebendigem Leib die Stilaugen abgeschnitten, damit sie im Stress mehr Eier produzieren. Dazu kommt vor allem in asiatischen Garnelenzuchtanlagen noch massenweise Hormone, Antibiotika und andere Chemikalien zum Einsatz, die das Wachstum fördern und Krankheiten hemmen sollen.
Stress schmeckt man
In Bokeloh in der Region Hannover auf einen stillgelegte Kali- und Salzareal haben David Gebhard und Florian Gösling in den letzten sechs Jahren geforscht und getüftelt – bis ihnen etwas gelang, was in Deutschland einmalig ist: Garnelen nicht nur aufzuziehen, sondern auch zu züchten. Im Gegensatz zu anderen deutschen Garnelenfarmen. Die beziehen ihre Babylarven nämlich meist aus den USA. Bis die hier landen, sind die Jungtiere erheblichem Stress ausgeliefert. Und das schmeckt man.
Vier bis sechs Monate brauchen die White Tiger Garnelen, um ausgewachsen zu sein und die richtige Größe zum Verzehr zu haben. Bis dahin leben sie im Salzwasser, das mit der Abwärme eines Kraftwerks aus der Nachbarschaft auf kuschelige 29 Grad erhitzt wird. 700 Tonnen Shrimps wollen David Gebhard und Florian Gösling im Jahr »ernten«, in der größten Garnelenfarm Europas. Nachhaltig produziert, regional und gesund.
Das meistgezüchtete Tier der Welt
20 Millionen Euro haben der Jurist und der Ingenieur – beide schon in Studienzeiten bekennende Foodfans – für ihr Unternehmen eingesammelt, um jetzt in der supermodernen Anlage die White Tiger Shrimps nachhaltig und ohne Chemie heranwachsen zu lassen. Die Chance ist groß, dass das gut investiertes Geld war. Laut dem Alfred-Wegener-Institut essen Deutsche rund 50.000 Tonnen Garnelen pro Jahr. Bei einer handelsüblichen Größe von etwa 20 Gramm pro Tier sind das etwa 2,5 Milliarden Tieren jährlich. Zum Vergleich: 2024 wurden in Deutschland rund 654 Millionen Hühner geschlachtet. Garnelen sind tatsächlich das meistgezüchtete Tier der Welt.
An die regionale Krustentierware mit der knackigen Textur und dezenter Süße kommen Feinschmecker ganz leicht heran. Seit kurzem liefert das Duo die blauen Premium-Garnelen unter dem Namen »Gamba Zamba« in Supermärkte wie Rewe oder Edeka. Oder man kann sie sich nach Hause schicken lassen, fangfrisch schockgefrostet – und ganz ohne Ramba Zamba.