Handsense statt Unkrautvertilger: »Ruländer«-Winzer Alexander und Reinhold Schneider aus Endingen am Kaiserstuhl.

Handsense statt Unkrautvertilger: »Ruländer«-Winzer Alexander und Reinhold Schneider aus Endingen am Kaiserstuhl.
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Goldenes Handwerk: Die Grauburgunder Trophy 2023

Wie es bei einigen Rebsortenfamilien der Fall ist, gibt es auch von den Burgundern eine Spielart mit bronzefarbener Beerenhaut. Der »graue« Burgunder erfreut sich unverminderter Beliebtheit. Und ist stilistisch vielfältiger denn je.

Als die Blindprobe vorüber war, sprudelten die Kommentare aus den Mitgliedern des Falstaff-Verkostungspanels nur so heraus, und sie gingen alle in dieselbe Richtung:

So unterschied­liche Weine, ein so breites Spektrum an Weinstilen hatten wir bei einer und derselben Rebsorte noch nie im Glas.

Der Grauburgunder ist ein Chamäleon – und das nicht nur der Farbpalette wegen, die von blassen Farben über Strohgelb mit rötlich spielenden Reflexen und über ein mehr oder weniger helles Goldgelb bis zu Lachsrosa und Ziegelrot reicht. Äls ähnlich variabel erwiesen sich auch die Gaumenstrukturen: Zu den Stellschrauben, an denen die Winzer momentan am liebsten drehen, zählt die Frage des Maischekontakts. Werden die Trauben sofort abgepresst, wird der Wein eher hell in der Farbe und geschmeidig am Gaumen ohne größere Gerbstoff­gehalte. Bleibt die Maische vor dem Pressen etwas stehen oder lässt man gar die Gärung an der Maische geschehen, dann werden natürlich sukzessive mehr und mehr Farb- und Gerbstoffe aus den Beerenschalen gelöst: Der Wein wird rötlicher und phenolischer.

Eine zweite Dimension, die den Stil des Grauburgunders prägt, ist das Lese­regime. Je mehr goldfarbenen Anteil die Weinfarbe hat, desto mehr kann man davon ausgehen, dass auch überreife Trauben im Spiel waren. Das ist ein Spiel mit dem Feuer: In den Siebziger- und Achtzigerjahren, als der Grauburgunder noch als »Ruländer« etikettiert wurde, waren die mit Botrytisanteil gekelterten Weine für ihre plumpe Art gefürchtet. Wer aber das Spiel beherrscht wie Familie Schneider aus Endingen, schafft würzige, dichte Wein-Originale mit Seltenheitswert. Reinhold Schneider ist übrigens nie von der Bezeichnung »Ruländer« abgewichen, so werden die Weine auch heute noch bezeichnet. Punktgleich mit seinem Ruländer »Floh« waren nach Feinwertung und Stechen zwei weitere große Archetypen: der bissige, phenolische Henkenberg von Konrad Salwey aus Oberrotweil und der Öligkeit und Extraktsüße mit Stoff verbindende Wein des Weinguts Bernhart aus Schweigen/Pfalz.

ZUR GANZEN TROPHY

Der 1. Platz

2021 »Floh« Ruländer Spätlese trocken – 94 Falstaff-Punkte, ex aequo
Weingut Reinhold und Cornelia Schneider, Endingen am Kaiserstuhl

13,5 Vol.-%, NK. Mittleres Gelb. Etwas Holzwürze zunächst im Duft, auch Röstaromen, Erdnussschalen, Kastanienpüree, Birne und Melone stiften den fruchtigen Beitrag. Am Gaumen entwickelt sich aus einer kräftigen Struktur mit geschmeidigem Fond eine von Extrakt und Mineralik getragene Spannung, weiche Säure, ganz leicht anklingende Ruländer-Süße, hat Tiefe, Länge und Perspektive.

weingutschneider.com, 16 Euro

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2022 »FG« Sonnenberg Grauburgunder VDP.Erste Lage – 94 Falstaff-Punkte, ex aequo
Weingut Bernhart, Schweigen-Rechtenbach

13,5 Vol.-%, NK. Das Goldgelb wird von roten Farbpixeln belebt. Getragene Nase mit feinem Rauch, Melone, Birne, Quitte, leicht geröstete Maronen, grünliche Walnuss. Auch getragen am Gaumen mit Fülle und Kraft, weich in der Textur, der dichte Extrakt und die engmaschigen Phenole sorgen für Schub, feine Würze, die typische Kalkmineralik ist die prägende Signatur, lang und talentiert mit Perspektive. 

weingut-bernhart.de, 20,50 Euro

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2020 Henkenberg Grauburgunder – 94 Falstaff-Punkte, ex aequo
Weingut Salwey, Oberrotweil

13 Vol.-%, NK. Ein blasses Goldgelb. Der Duft zeigt Aromen von Trockenfrüchten, Haselnuss, feuchtem Stein. Im Mund ist der Wein dicht und stoffig, er hat Biss und Adstringenz, fokussiert stärker auf die Mineralik als auf die Frucht, obwohl auch extraktsüße Motive vorhanden sind. Zuletzt salzig.

salwey.de, 39 Euro

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Sortenprofil


Grauburgunder

Spontane Mutationen haben im Lauf der Jahrhunderte die genetische Ausstattung unserer bekannten Rebsorten immer wieder erweitert – darum gibt es beispielsweise auch roten Riesling oder blauen Silvaner. Auch ein Farbwechsel hin zu bronzefarbenen Beeren ist häufig: So wurde Spätburgunder (Pinot Noir) zu Grauburgunder (Pinot Gris). Auch von Grenache oder Sauvignon gibt es Farbvarianten in »Gris«.

Aromenspektrum

Der Grauburgunder ist zuallererst Burgunder – und zeigt die typischen beerigen Aromen der Pinot-Familie. Charakteristisch ist aber auch ein Duft nach Charentaismelone. Wenn Überreife-Lesegut verwendet wurde, treten Aromen von Honig und Trockenfrüchten hinzu.


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Erschienen in
Falstaff Nr. 09/2023

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Othmar Kiem
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Chefredakteur Falstaff Italien
Simon Staffler
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