Zum Inhalt springen
© Chasa Montana Hotel & Spa

Präsident von Relais & Châteaux: «Luxus bedeutet nicht mehr nur Marmor im Badezimmer»

Interview
Luxus
Hotel
Schweiz

Laurent Gardinier, Präsident von Relais & Châteaux, spricht mit Falstaff über den Wandel von Luxus, die sinnliche Realität hinter perfekten Bildern und darüber, weshalb menschliche Unvollkommenheit auch in der Luxuswelt ihren Platz hat.

Herr Gardinier, Sie stehen an der Spitze eines der renommiertesten internationalen Netzwerke für Hotellerie und Gastronomie. Hat sich Ihr persönliches Verständnis von Luxus in den vergangenen Jahren verändert?

Laurent Gardinier: Ja, durchaus. Mein Verständnis von Luxus hat sich über viele Jahre entwickelt, besonders stark aber in den vergangenen fünf Jahren. Heute geht es bei Luxus viel stärker um Erfahrung, Sinnlichkeit und Emotion. Alles, was mit einem echten Erlebnis verbunden ist, hat an Bedeutung gewonnen. Luxus ist für uns etwas Ganzheitliches. Es geht nicht nur um ein schönes Zimmer oder sichtbare Zeichen von Wohlstand. Es geht um den Ort, die Küche, den Service, die Menschen, die Geschichte eines Hauses und die Art, wie Gäste empfangen werden. Diese Entwicklung beschreibt eine neue Art, Luxus zu verstehen.

«Relais & Châteaux» ist nicht nur ein Hotelverbund, sondern auch ein starkes kulinarisches Netzwerk. Welche Rolle spielen Köch:innen für die Identität Ihres Hauses?

Die Gastronomie spielt eine Schlüsselrolle. Sie ist Teil des Ursprungs und der DNA von «Relais & Châteaux». Unsere Vereinigung ist wahrscheinlich eines der grössten kulinarischen Netzwerke weltweit. Lange Zeit wurde Gastronomie bloss als Service eines Hotels verstanden. Heute ist sie oft ein zentraler Bestandteil eines Destination-Hotels. Sie kann ein Haus prägen, seine Identität stärken und die gesamte Erfahrung der Gäste verändern. Gastronomie schafft zudem eine besondere Verbindung zwischen Gastgeber:innen und Gästen. In den Gerichten spiegeln sich die Persönlichkeit, die Herkunft und die Werte einer Köchin oder eines Kochs wider und machen ein Reiseziel auf einzigartige Weise erlebbar.

Gäste entdecken Hotels und Restaurants heute oft über Instagram, TikTok oder Online-Guides. Wie stark beeinflussen soziale Medien die Erwartungen an Luxushotellerie und Spitzengastronomie?

Die Herausforderung ist, dass soziale Medien nur Bilder zeigen. Dadurch wird auch Gastronomie immer visueller und «instagrammable». Manchmal wird ein Gericht so inszeniert, dass es auf einem Bild gut aussieht – doch das bedeutet nicht automatisch, dass es auch gut schmeckt. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, Authentizität bleibt entscheidend. Soziale Medien sind ein wichtiges Werkzeug, dürfen aber nicht zum eigentlichen Ziel werden. Denn ein Bild zeigt nie die ganze Realität. Wo Menschlichkeit ist, gibt es auch Unvollkommenheit. Genau das macht ein Erlebnis oft erinnerungswürdig. Natürlich streben wir nach Perfektion – aber nicht auf Kosten der Echtheit.

Mit 22 Mitgliedern ist die Schweiz ein wichtiger Markt für «Relais & Châteaux». Welche Rolle spielt die Schweizer Hotellerie innerhalb des internationalen Netzwerks?

Die Schweiz ist für uns ein sehr bedeutendes Land. Sie ist ein direkter Nachbar und hat eine besondere Stellung in der internationalen Hotellerie. Einige der besten Hotelfachschulen der Welt befinden sich in der Schweiz, etwa in Lausanne. Auch die «Grande Hotellerie» wurde hier wesentlich mitgeprägt.

Wo sehen Sie in der Schweiz noch Potenzial?

Wir beobachten die Entwicklung in der Schweiz sehr genau. Rund die Hälfte der Gäste in unseren Schweizer Häusern kommt aus der Schweiz selbst. Dazu kommen viele Gäste aus den USA, Deutschland und Frankreich. Es gibt hier weiterhin viel Potenzial.

Was muss ein Haus mitbringen, um bei «Relais & Châteaux» aufgenommen zu werden? Und wie funktioniert der Aufnahmeprozess?

Ein Haus bewirbt sich zunächst bei uns. Danach prüfen wir die Website und alle verfügbaren Informationen sehr sorgfältig. Die erste Frage lautet immer: Passt dieses Haus zu unseren Werten? Wenn das der Fall ist, schicken wir eine Inspektorin oder einen Inspektor vor Ort. Die anonyme Prüfung umfasst mehrere hundert Kriterien – sowohl zur Qualität als auch zur Übereinstimmung mit unseren Werten. Anschliessend wird ein Bericht erstellt. Dieser Bericht geht an eine Netzwerkkommission, die das Dossier vorbereitet. Die finale Entscheidung trifft dann das Board. Dieses besteht aus rund 20 Mitgliedern aus verschiedenen Ländern, darunter auch ein Schweizer Mitglied. Am Ende entscheidet die Mehrheit.

Wie exklusiv ist diese Aufnahme? Und was sind Gründe für eine Ablehnung?

Wir erhalten rund 600 Bewerbungen pro Jahr. Davon werden lediglich etwa 25 bis 30 Häuser aufgenommen. Die Auswahl ist also sehr streng. Ein häufiger Grund für eine Ablehnung ist, dass ein Haus zwar qualitativ interessant ist, aber nicht vollständig zu unseren Werten passt. Manchmal zeigt auch der Inspektionsbericht, dass bestimmte Standards noch nicht erreicht werden. Es geht dabei nicht nur um Luxus im klassischen Sinn, sondern um das gesamte Erlebnis; um Authentizität, Gastfreundschaft, Qualität und Persönlichkeit des Hauses.

Was sind Ihre wichtigsten Prioritäten bis 2030?

Unsere Strategie ist im Kern sehr klar. Erstens wollen wir die Qualität unseres Netzwerks weiterhin mit denselben hohen Standards überprüfen und sichern. Zweitens wollen wir unsere Nachhaltigkeitsstrategie in allen 65 Ländern, in denen wir vertreten sind, weiter umsetzen. Drittens wollen wir unser Netzwerk in Regionen weiterentwickeln, in denen wir heute noch nicht so stark vertreten sind. Dazu gehören Südostasien, Indien und China.

«Relais & Châteaux» spricht von zwölf Nachhaltigkeitsverpflichtungen. Welche davon sind für die Hotellerie besonders wichtig?

Unsere Nachhaltigkeitsstrategie beruht auf mehreren grossen Säulen. Wir setzen uns dafür ein, die Gastfreundschafts- und Kulinariktraditionen der Welt zu bewahren, zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität beizutragen und möchten uns für eine menschlichere Welt starkmachen. Gleichzeitig verfolgen wir das Ziel, langfristig einen neutralen ökologischen Fussabdruck zu erreichen bis 2040. Ich möchte dabei keinen einzelnen Punkt über die anderen stellen. Nachhaltigkeit ist wie eine Mauer aus vielen kleinen Steinen. Man braucht jeden einzelnen Stein, damit die Mauer stabil steht. Jeder Schritt ist wichtig. Dabei geht es auch um die Menschen. In unserem Netzwerk arbeiten rund 42 000 Menschen. Sie gut zu behandeln, ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil von Nachhaltigkeit.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was wird 2030 noch als Luxus gelten – und was vielleicht nicht mehr?

Das ist schwer vorherzusagen, ich bin kein Guru. Aber der grosse Trend ist klar: Luxus bedeutet nicht mehr nur Marmor im Badezimmer oder hochwertige Stoffe im Zimmer. Luxus wird ganzheitlicher verstanden. Er umfasst Service, Gastronomie, Landschaft, Architektur und die Möglichkeit, die Welt auf höchstem Qualitätsniveau zu entdecken. Wir werden weiterhin in der Luxusbranche tätig sein. Aber es wird ein Luxus sein, den Menschen wirklich spüren – sowohl unsere Gäste als auch die Menschen, die in unseren Häusern arbeiten.

relaischateaux.com


Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
Mehr zum Thema
1 / 12