»Sphere Tim Raue«: Der Berliner Fernsehturm bekommt Geschmack – und einen Preis
Mit dem neuen »Sphere Tim Raue« will der Berliner Spitzenkoch den Fernsehturm gastronomisch neu positionieren – jenseits von Touristensnack und Panorama-Bar. Ob das Konzept auch bei Berliner:innen ankommt, wird sich zeigen.
Der Berliner Fernsehturm war bislang vor allem ein Ort für Tourist:innen: Panoramablick, ein schneller Drink, vielleicht ein Foto mit Sonnenuntergang. Mit der Eröffnung des Restaurants »Sphere Tim Raue« will Sternekoch Tim Raue das ändern – und aus dem rotierenden Restaurant auf 207 Metern Höhe eine ernst zu nehmende Adresse für Berliner Gastronomie machen.
Ein ambitioniertes Ziel. Denn: Wer hier essen will, muss zunächst zahlen – und zwar doppelt. Eine Reservierung ist nur mit Fernsehturm-Ticket möglich, der Eintritt liegt bei 28,50 Euro pro Person. Oben angekommen, kostet eine Soljanka mit Schrippe 11,50 Euro, Königsberger Klopse oder Eisbein je 28 Euro. Für einige dürfte das eine Schwelle sein – nicht nur finanziell, sondern auch kulturell. »Ich weiß, das ist kein Ort für jeden Tag«, sagt Raue im Interview.
Es ist ein Ort, der zeigen soll, was Berlin ist – kulinarisch und geschichtlich.
Mehr als ein Touristenspot?
Raue will mehr als bloß Panorama-Gastronomie. Seine Gerichte sind eine bewusste Auseinandersetzung mit Berliner und Brandenburger Identität: Soljanka als Referenz an den Ostteil der Stadt, ein modernisiertes Schnitzel. Die Zutaten kommen aus der Region, das Menü ist bewusst bodenständig gehalten. Doch bleibt offen, ob dieses Konzept auch die Berliner:innen überzeugt, die sich seit Jahrzehnten eher selten im Turm blicken lassen.
»Der Fernsehturm ist Ost«, stellt Raue klar. »Und genau das wollten wir respektieren.« »Als mein kulinarischer Direktor Steve – gebürtiger Pankower – davon hörte, war ihm sofort klar: Das geht nur mit Haltung.« Raue spricht bewusst nicht von »Innovation«. Er versteht sich nicht als jemand, der die Branche revolutionieren will. »Ich lege etwas drauf. Das reicht mir.«
Dieser Gedanke zieht sich auch durch das Raumkonzept. So wurde mit Dittel-Architekten ein Design entwickelt, das den ursprünglichen Charakter des Fernsehturms aufgreift und in die Gegenwart überführt. Originalmöbel wurden überarbeitet, historische Elemente erhalten, ohne ins Nostalgische abzurutschen.
Eröffnung mit Haltung, nicht mit Spektakel
Wie dieses »Drauflegen« konkret aussieht, zeigte das Eröffnungsdinner am 4. Juni 2025. Das Menü begann mit einem Garnelencocktail »KaDeWe« – ein Rückgriff auf Raues erste prägende Gourmet-Erfahrung in Westberlin. Es folgte ein präzise komponierter Zander mit Schmorgurken und Estragonpüree, bevor mit der Soljanka ein zentraler Bestandteil des Konzepts auf den Tisch kam. Die pikante Suppe wurde, so Raue, in der Testphase regelrecht nachgeschärft:»Ich hab keine Verwurzelung dazu, aber das Feedback war klar: ›Da geht noch was, Chef.‹«
Der Hauptgang – Königsberger Klopse vom Kalb mit Roter Bete und Kartoffelpüree – war nicht nur technisch souverän, sondern auch emotional aufgeladen:»Die erinnern mich an meine Großmutter. Sie schaut jetzt hoffentlich von oben zu.« Abgerundet wurde das Menü durch eine Käsekuchenmousse »Tante Kathis« mit Rhabarber und salzigen Butterstreuseln.
Kein Ort für Show – sondern Konsequenz
Dass der Ton im Restaurant klar ist, zeigt sich nicht nur auf dem Teller. Raue ist bekannt für seine Präzision – und erwartet dieselbe von seinem Team.
Ich kämpfe bis zur letzten Sekunde. Für den Gast. Wer da nicht mitzieht, ist bei mir falsch.
Diese Haltung zeigt sich auch beim Thema vegane Küche. Für Raue ist das keine Option, sondern Notwendigkeit: »Wer heute keine vegane Option anbietet, verpasst eine ganze Generation.« Der Aufwand, ein vollständig veganes Menü zu entwickeln, sei hoch gewesen. Aber er hätte sich gelohnt.
Kann Berlin sich selbst schmecken?
Die Frage bleibt, ob sich das »Sphere Tim Raue« langfristig unter Ur-Berliner:innen etablieren kann – oder ob es ein gut gemachter, aber letztlich touristischer Showroom bleibt. Raue selbst ist Realist:»Wir werden uns hier beweisen müssen. Gegen das Bild vom Fernsehturm als Ort zum Gucken, nicht zum Essen.«
Berliner Fernsehturm, Panoramastraße 1A, 10178 Berlin
Öffnungszeiten: Täglich 9–23 Uhr
Eintritt: 28.50 Euro | Tischreservierung nur mit Turmticket Website: tv-turm.de