360-Grad-Haltung
Zugegeben, gemessen an klassischen europäischen Gourmettempeln
ist diese Lage mindestens unkonventionell. Manch einer mag zunächst die Nase rümpfen, denn der Weg ins
»Zilte« führt nicht diskret durch einen Nebeneingang,
sondern mitten durchs dicht bevölkerte Museumsfoyer – vorbei an wuseligen Schulklassen mit Rucksäcken, Rentnergruppen mit Audioguides und Touristen in Funktionskleidung. Jedenfalls zur Mittagszeit. Ein Empfangsherr filtert mit geübtem Blick potenzielle Feinschmecker aus dem Besucherpulk und geleitet sie diskret zum Aufzug.
Oben wird schnell klar, warum Geunes sein Restaurant ausgerechnet unter dem Dach eines Museums angesiedelt hat. Durch die Panoramafenster entfaltet sich ein 360-Grad-Blick über Hafen, Schelde und Skyline.»Dieser Weitblick ist mehr als ein nettes Extra. Für mich ist er ein Sinnbild dafür, wie wir hier denken und kochen«, sagt Geunes – und lenkt die von der Aussicht überwältigten Ankömmlinge damit galant hin zum eigentlichen Grund ihres Besuchs: das, was er ihnen gleich, Gang für Gang, auf makellosen Porzellantellern offenbart.
Als Koch ist Geunes eine Ausnahmeerscheinung – nicht zuletzt, weil er zwar in verschiedenen Küchen lernte, aber nie eine formale Ausbildung absolvierte. Sondern sich den Feinschliff im Selbststudium verpasste. »Ich war lange der Underdog«, erinnert er sich. »Viele haben auf mich erabgeschaut. Als 2004 der erste Stern kam, begann sich das Blatt zu wenden. Und mit dem zweiten 2008 war die Sache eigentlich klar.«Anfang 2021, mitten in der Pandemie, erhielt das »Zilte« dann den dritten.