Wie sich Argentiniens Geschichte am Rind erzählen lässt
Das Rindfleisch ist der Stolz Argentiniens. Einst beförderte es den wirtschaftlichen Aufstieg zu einem der reichsten Länder der Welt. Doch es steht auch für verpasste Chancen, die in den langsamen Niedergang führten. Die Geschichte der Rinderzucht führt tief hinein ins Schicksal und in die Seele Argentiniens.
Der Gaucho war ein raubeiniger Zeitgenosse mit einem schlechten Ruf. Neben Hut und Poncho trug er stets ein Messer bei sich und galt als Herumtreiber, der Recht im Zweifel mit Gewalt durchsetzte, seine Frau verprügelte und ein kärgliches, aber freies Leben außerhalb der Gesellschaft führte. Sein Zuhause war die Pampa, jene riesige, baumlose, fruchtbare Graslandschaft, die sich in einem weiten Bogen um den Río de la Plata ausdehnt und Argentinien zu einem der wohlhabendsten Länder der Erde machen sollte.
Wildes Land, umrankt von Mythen. Hier war der Gaucho nicht nur Macho, sondern auch Meister seines Fachs. Zu Pferde scheuchte er das freilaufende Vieh in wochenlangen Rodeos zusammen, oft im Auftrag eines Großgrundbesitzers, des Estancieros, und fing es mit seinen Boleadoras, Wurfsteinen am Lederriemen. Der Gaucho trieb schon Rinder über die Pampa, bevor Argentinien als Nation existierte. Und er gab ihr eine Identität, als der junge Staat um seinen Wesenskern rang.
Wer heute an Argentinien denkt, hat gleich ein saftiges Steak vor Augen. Sein Weltruhm beruht auf der herausragenden Fleischqualität. Die feuchte Pampa bietet ideale Weidebedingungen, sie wurde zur Quelle eines außerordentlichen Wohlstands.
Wildes Leben in der Pampa
Die Geschichte des argentinischen Rindfleisches beginnt mit der Ankunft der Spanier, die Pferde und Rinder nach Südamerika bringen. Die ausgewilderten Tiere vermehren sich ausgezeichnet. Bald ziehen gewaltige Rinderherden durch die Pampa. So entwickelt sich eine freie Weidewirtschaft ohne Zäune. Wenn die Tiere von den Gauchos zusammengetrieben sind, können sie gebrandmarkt werden. Die Brandzeichen markieren den Besitz.
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts werden die Rinder für ihr Fett und ihre Häute gejagt. Ihr Fleisch hat man seit jeher für den Eigenverzehr auf dem offenen Feuer gegrillt. Wirtschaftlich interessant wird es erst, als man damit beginnt, es in Fabriken, den Saladeros, zu salzen und zu konservieren. Pökelfleisch ist ein profitables Exportprodukt. So bringt die Viehzucht der Hafenstadt Buenos Aires und den angrenzenden Territorien einen bedeutenden Aufschwung.
Doch die Kolonialzeit neigt sich dem Ende zu. 1810 kommt es zur Revolution: Der spanische Vizekönig wird abgesetzt, die Unabhängigkeit folgt sechs Jahre später; aber kein funktionierender Nationalstaat. Und kein Frieden. Argentinien zerfällt in Provinzen mit regionalen Machthabern, Caudillos, die sich gegenseitig bekämpfen. Einer von ihnen, Juan Manuel de Rosas, reißt die Macht an sich. Der Diktator wird schließlich vertrieben und eine Verfassung beschlossen. Erst als Bartolomé Mitre 1862 zum ersten Präsidenten des vereinigten Argentiniens gewählt wird, kehrt Stabilität ein. Und die ist gut fürs Geschäft. Das Land steht vor einem beispiellosen Boom.
Argentiniens Agrarrevolution
Die Viehzüchter ersetzen die kreolischen Rinder langsam durch europäische Rassen wie Hereford und Aberdeen Angus. Sie säen Luzerne aus, die ihre Tiere kräftiger wachsen lassen als Pampasgras. Britisches Kapital finanziert ein Eisenbahnnetz, das erstmals die Ausfuhr von Kühl- und Gefrierfleisch mit Dampfschiffen nach Europa ermöglicht. Auch Schafswolle und vor allem Weizen werden zu wichtigen Exportgütern. Die Großgrundbesitzer bewirtschaften ihre Flächen im zyklischen Wechsel mit Rindern, Weizen und Luzernen. Und sie beginnen damit, ihre Weiden einzuzäunen, was die extensive Viehzucht zunehmend verdrängt. Der Gaucho muss sich als einfacher Hilfsarbeiter verdingen. Seine traditionelle Lebensweise, nun als barbarisch verschmäht, hat im neuen Wirtschaftswunder keinen Platz mehr.
Argentiniens Bevölkerungszahl explodiert. Zwischen 1870 und 1930 kommen Millionen europäische Einwanderer, vor allem aus Italien und Spanien. Sie bringen technischen Fortschritt für die Agrarrevolution. Argentinien steigt zu einer der reichsten Nationen der Welt auf, mit einem Lebensstandard vergleichbar mit Deutschland.
Buenos Aires bekommt Boulevards und Stadtpaläste, wird zum »Paris Südamerikas«. Für frische Luft fährt die Oberschicht nach Mar del Plata, in Country Clubs nach britischem Vorbild. Das Land der begnadeten Reiter entdeckt das Polospiel für sich. In der Hauptstadt wird im Jahr 1888 der auch heute noch renommierte Hurlingham Club gegründet. Nicht nur Städter begeistert der elitäre Sport, auch die Rinderbarone auf ihren Landsitzen. Die Argentinier züchten eine eigene Pferderasse aus Criollos und englischen Vollblütern. Das Proletariat hat für so etwas keine Zeit, es schuftet in den Schlachthöfen und Kühlhäusern unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen.
Argentinisches Rindfleisch ist auf dem Weltmarkt gefragt und symbolisiert den Reichtum des Landes. Dabei macht es nur einen Teil der Agrarexporte aus. »Ohne den großlandwirtschaftlichen Anbau von Getreide hätte es den Boom nicht gegeben«, sagt Sandra Carreras, Argentinien-Expertin am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin; und auch nicht ohne die europäischen Einwanderer. Sie fordern zunehmend politische Rechte ein. Was dazu beiträgt, dass sich Argentinien im frühen 20. Jahrhundert mit seiner nationalen Identität beschäftigt: Wer sind wir überhaupt?
Die Antwort liefert eine bekannte Figur. Intellektuelle rehabilitieren den Gaucho, der alle erstrebenswerten Eigenschaften der Nation in sich vereint: Stolz, Integrität, Stärke, Kampfgeist, Desinteresse an materiellen Dingen. Eine propagandistische Verklärung. »Man befreite den Gaucho von seiner aufständischen und oft gewalttätigen Komponente, um eine idealisierte Vergangenheit zu erschaffen«, sagt Carreras.
Eine Grenze wird erreicht
Fleisch und Getreide machen Ende der 1920er-Jahre rund 95 Prozent der argentinischen Ausfuhren aus, das meiste geht nach Westeuropa. Die Exporte sind das Rückgrat des argentinischen Wirtschaftsmodells. Und seine Achillesferse. Durch die Weltwirtschaftskrise bricht die Nachfrage nach Rindfleisch und Weizen ein, die Abhängigkeit vom Ausland rächt sich. Die Demokratie scheitert, das Militär übernimmt.
In den 1930er-Jahren ist die natürliche Grenze der landwirtschaftlichen Produktion erreicht. »Argentinien versuchte, eine eigene Industrie aufzubauen, um weniger abhängig von teuren Importen zu werden«, sagt Carreras. Das funktioniert einige Jahre gut, etwa in der ersten Amtszeit von Juan Perón. Doch die eigene Industrie wird nie konkurrenzfähig mit denen anderer hochentwickelter Volkswirtschaften.
Eine verhängnisvolle Abhängigkeit
Das Dilemma Argentiniens beschreibt Carreras so: Die Agrarprodukte, deren Export das Land reich machte, werden auch stark von der einheimischen Bevölkerung gebraucht. Die Produzenten müssen den lukrativen Exportpreis erzielen, um gewinnbringend arbeiten zu können. Das heißt, dass sie ihr Getreide und Fleisch auch im Inland teuer verkaufen müssen. Um sich die teureren Nahrungsmittel leisten zu können, benötigt die Bevölkerung eine Lohnsteigerung – und fordert sie auch. »So wurden Inflationszyklen immer wieder neu gestartet«, sagt Carreras. »Man hat es versäumt, Exportprodukte zu entwickeln, die nicht mit der inländischen Nachfrage konkurrieren.« Hinzukommen die schwache Industrie, eine instabile Währung, Kapitalflucht und Korruption. Die politische Diskussion in Argentinien dreht sich seit Jahrzehnten um eine Frage: Soll es feste Preise für Grundnahrungsmittel geben oder nicht? Und in Argentinien schließt das eben das Rindfleisch mit ein.
Man könnte also sagen: Das Rindfleisch ist der Stolz der Nation, aber auch Symbol eines Mangels. Es steht für eine verhängnisvolle Abhängigkeit, die das Land bis heute lähmt. Argentinien scheint in einem ewigen Kreislauf aus Protektionismus, Subventionen, Verschuldung, Inflation und Wirtschaftskrisen gefangen. Nun soll Javier Milei, der Präsident mit der Kettensäge, diesen Kreislauf durchbrechen.
Wie einst der Gaucho auf seinem Pferd reitet Milei freiheitlich gegen alles, was ihm nach staatlicher Bevormundung riecht. Wie lange ihm die Argentinier folgen, wird sich zeigen. Die Figur des Gauchos, sagt Historikerin Carreras, sei nicht mehr unbedingt eine Identifikationsfigur für die Argentinier. Die Gaucho-Kultur wird aber hübsch für Touristen vermarktet, in Estancia-Unterkünften und beim Asado am Lagerfeuer. Die Einheimischen können sich das geliebte Steak längst nicht mehr jeden Tag leisten. Viele Menschen sind zuletzt in die Armut gerutscht. Was bleibt, ist der Stolz auf das Rindfleisch. »Die Argentinier haben eine besondere Verbindung zum Asado, die man zum Weizen nicht hat, obwohl das Land als Kornkammer der Welt galt«, sagt Carreras. Sie glaubt, dass sich darin auch Wehmut und Nostalgie ausdrücken. »Man denkt an die Zeiten zurück, in denen das Leben besser war.«