Quinoa und Co: Wie super ist das »Superfood« wirklich?
In den letzten Jahren haben sogenannte »Superfoods« wie Quinoa, Amaranth und Chia sowie andere Pflanzen aus den Andenregionen Südamerikas weltweit an Popularität gewonnen. Doch bergen sie außergewöhnliche Vorteile? Und welche Folgen hat die zunehmende Nachfrage vor Ort?
Superfoods sind häufig mit einem beinahe medizinischen Nimbus umgeben. Verpackungen und Werbung suggerieren, dass sie Krankheiten vorbeugen, das Immunsystem stärken oder gar hormonelle Balance schaffen könnten. Doch wie belastbar sind diese Aussagen wirklich? Der Begriff Superfood wird zwar bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts verwendet, eine offizielle, wissenschaftliche oder rechtlich bindende Begriffsdefinition gibt es jedoch nicht. Im allgemeinen Verständnis – sei es vom Oxford Dictionary oder EUFIC, dem Europäischen Informationszentrum für Lebensmittel – versteht man darunter Lebensmittel, die aufgrund eines höheren Nährstoffgehalts einen stärkeren Nutzen für Gesundheit und Wohlbefinden haben als andere Lebensmittel. Das mag vergleichsweise zutreffen, die oft außergewöhnlichen Gesundheitszuschreibungen basieren allerdings oft auf nur schwacher wissenschaftlicher Beweislage. Dessen ungeachtet erreichen diese Lebensmittel häufig ein glänzendes Marketing-Image, das zu hohen Preisen ohne nennenswertem Mehrwert führt. Dabei gibt es kein einziges Lebensmittel, das alleine »gesund« oder gar »super gesund« ist. Wichtiger als einzelne Nahrungsmittel sind Kombinationen, Zubereitung und Portionsgrößen – die gesamten Essgewohnheiten eben, so auch der Tenor aller Fachgesellschaften im deutschsprachigen Raum.
Das Gold der Inkas
Dennoch lohnt ein Blick auf ein paar der sogenannten Superfoods aus den Anden. So eignen sich die Pseudocerealien Amaranth und Quinoa nicht nur für alle, die auf Gluten verzichten. Die Körner der Inkas liefern reichlich Eiweiß, Ballaststoffe und Mineralstoffe wie Magnesium und Eisen (wie der bei uns heimische, ebenfalls glutenfreie Buchweizen). Damit sind die Pseudocerealien auch für jene ein interessanter Nährstofflieferant, die sich vorwiegend pflanzlich ernähren. Der nussige Geschmack und die mannigfachen Zubereitungsvarianten – von Suppen über Aufläufe bis hin zu Süßspeisen – finden ohnehin zahlreiche Freunde. Etwa auch, wenn Pito – das Mehl aus gerösteten Quinoakörnern – zu Palatschinken und Kuchen verarbeitet wird. Sowohl Quinoa als auch Amaranth werden zwischenzeitlich von einigen Pionieren auch in Europa kultiviert. Der Anbau im deutschsprachigen Raum ist derzeit jedoch noch eine Nische und die Produkte werden vorrangig über Direktvermarktung vertrieben.
Chia: der Leinsamen Südamerikas
Mit ihrem Gehalt an Ballaststoffen, Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren sollen Chia-Samen die Verdauung fördern, den Blutzucker regulieren und Bluthochdruck senken. Bisher liegen jedoch keine von der EU genehmigten gesundheitsbezogenen Aussagen (Health Claims) für Chia-Produkte vor. Nur der hohe Ballaststoffgehalt darf herausgehoben werden. Was die Omega-3-Fettsäuren betrifft, so gilt – wie bei Leinsamen: Sie machen zwar mehr als die Hälfte der enthaltenen Fettsäuren aus, sind dem Körper aber nur dann zugänglich, wenn die Samen geschrotet oder sehr gut zerkaut wurden.
Tarwi – die Anden-Lupine
Lupinen sind in nahezu allen Regionen der Welt verbreitet und zählen zu den Hülsenfrüchten. Neben der Anden-Lupine werden auch die weiße, gelbe und blaue Lupine rund um den Globus angebaut. Im Ackerbau sind sie wertvoll, weil sie, wie andere Hülsenfrüchte, durch eine Symbiose mit Knöllchenbakterien Luftstickstoff binden und somit als Dünger wirken und den Boden verbessern. Besonders für vegan oder vegetarisch lebende Menschen kann die Lupine als Eiweißquelle von Interesse sein. Zwar sind Eiweißgehalt und -qualität etwas geringer als bei tierischen Produkten und Soja, durch die Kombination mit Getreide und/oder Kartoffeln lässt sich die Ausbeute aber deutlich steigern. Darüber hinaus liefern Lupinen wertvolle ungesättigte Fettsäuren und reichlich Ballaststoffe. Ihre Gehalte an Folat, Magnesium, Eisen sowie Zink sind bemerkenswert und sie gelten als eine Quelle für Kalzium. Auch Lupinen sind glutenfrei. Ihr Geschmack wird als neutral bis leicht nussig, grasig, bohnig oder bitter beschrieben.
Grundnahrungsmittel bei kargen Bedingungen
Als Knollengemüse werden in den Anden neben Kartoffeln auch Oka (der knollige Sauerklee bzw. Yam), Mashua (die knollige Kapuzinerkresse) und Olluco angebaut. Gemein ist ihnen, dass sie auf einer Höhe von 3000 bis 4000 Meter gedeihen – in Gegenden, in denen die Kartoffel aus klimatischen Gründen keine Chance mehr hat. Dort bilden die Knollen dieser Pflanzen ein Grundnahrungsmittel, das gekocht, geröstet, als Brei, in Suppen oder etwa als Pfannengericht nicht nur sättigende Stärke liefert, sondern – wie die Kartoffel – für die Versorgung mit Vitamin C relevant ist. Während Mashua aufgrund des eher eigenwilligen Geruchs und Geschmacks mehr Zukunft als Viehfutter zugesprochen wird, waren Ollucos archäologischen Funden zufolge bereits vor der Inkazeit ein beliebtes Nahrungsmittel.
Folgen des globalen Booms
So bereichernd die Erweiterung des kulinarischen Spektrums auch ist: Steigt die weltweite Nachfrage nach einzelnen Lebensmitteln, löst das in den Anbauregionen meist tiefgreifende Veränderungen aus. Eine Ausweitung der Anbauflächen und intensive Kultivierung haben häufig Bodenerosion und eine verringerte Bodenfruchtbarkeit zur Folge. Kleinbauern werden von Großbetrieben verdrängt. Für die ärmere Bevölkerung werden die einstigen Grundnahrungsmittel oftmals zu teuer. Angesichts der zusätzlich nicht exklusiven Gesundheitsvorteile kann man entweder zu Lebensmitteln mit ähnlichen Eigenschaften und Nährwerten greifen, etwa zu Buchweizen, Leinsamen, der heimischen Lupine oder Topinambur. Oder man wählt in unseren Breiten angebauten Amaranth und Quinoa. Noch beschränkt sich diese Produktion zwar auf wenige Landwirte, das Potenzial für eine lohnende Kultivierung ist aber auch unter den Vorzeichen der Klimaveränderungen durchaus vorhanden.