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Hat man die Kontrolle über sein Leben verloren, wenn man vor dem Fernseher isst?

Gesundheit
Interview

Fernseher an, Abendessen auf dem Schoß – für viele gehört das zum Feierabend dazu. Doch wer regelmäßig vor dem TV isst, verliert leicht das Gefühl dafür, wann der Körper eigentlich satt ist. Diätologin Lena Gießwein erklärt, warum die gemütliche Couch-Routine langfristig zum Problem werden kann.

Nach einem langen Arbeitstag schnell etwas kochen, sich aufs Sofa setzen, Netflix einschalten und nebenbei essen. Für die einen ist das der Inbegriff von Entspannung, für die anderen der Anfang schlechter Angewohnheiten. Rund ums Essen gibt es viele Meinungen. Manche schwören auf gemeinsame Mahlzeiten am Esstisch, andere genießen ihr Abendessen am liebsten mit der Lieblingsserie. Doch macht Fernsehen beim Essen tatsächlich etwas mit unserem Essverhalten? Ernährungswissenschaftlerin Lena Gießwein erklärt, warum die Antwort nicht ganz so einfach ist.

Bin ich schon satt?

Grundsätzlich empfiehlt Gießwein, Mahlzeiten möglichst bewusst einzunehmen. »Es wäre gut, mit der vollen Aufmerksamkeit beim Essen zu sein«, sagt sie. Denn wer nebenbei einen Film schaut oder durch die Nachrichten zappt, nimmt vieles gar nicht richtig wahr: Wie schmeckt das Essen eigentlich? Bin ich schon satt? Habe ich langsam genug gegessen? Die Ablenkung sorgt nämlich dafür, dass nicht nur Geschmack und Geruch weniger bewusst wahrgenommen werden. Auch die Signale des Körpers geraten in den Hintergrund.

Genau das wirkt sich auch auf das Essverhalten aus. »Das Sättigungsgefühl tritt eher später ein, wenn man durch Fernsehen abgelenkt ist«, erklärt Gießwein. Beobachtungsstudien zeigen außerdem, dass vor allem Kinder und Jugendliche unter Ablenkung häufig größere Mengen essen. Sie nehmen ihre körpereigenen Signale später wahr und essen dadurch oft mehr, als sie eigentlich brauchen. Dabei braucht unser Körper ohnehin etwas Zeit, um Sättigung zu signalisieren. Erst rund 15 bis 20 Minuten nach Beginn einer Mahlzeit verarbeitet das Gehirn die entsprechenden Signale aus Magen und Darm. Wer währenddessen stark abgelenkt ist, achtet noch weniger auf diese Rückmeldungen und isst deshalb oft über den eigentlichen Hunger hinaus.

Keine Regel ohne Ausnahme

Ganz so eindeutig ist die Sache allerdings nicht. Es gibt Situationen, in denen Ablenkung beim Essen sogar hilfreich sein kann. Kinder, die nur sehr wenig essen oder Schwierigkeiten haben, genügend Energie aufzunehmen, könnten in Ausnahmefällen davon profitieren. Auch Erwachsene mit ADHS berichten laut Gießwein häufig, dass sie ohne zusätzliche Beschäftigung kaum zur Ruhe kommen und dadurch eher zu wenig essen. Fernsehen, Zeitunglesen oder andere Ablenkungen können das Essen dann erleichtern. Eine allgemeine Empfehlung sei das aber nicht.

Lena Gießwein ist Diätologin. Seit ihrem Fachhochschulabschluss im Jahr 2016 berät sie Menschen zu alltagstauglicher Ernährung – ohne Verbote und Diätzwang. Zu ihren Schwerpunkten zählen Kinderernährung, gewichtsneutrale Ernährungstherapie sowie ein entspannter Umgang mit Essen. Außerdem hält sie Vorträge und Kochworkshops für Unternehmen und Vereine. Ihr Anspruch: wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen verständlich und praxisnah vermitteln.

Fernsehen schlägt Zeitung

Nicht jede Ablenkung wirkt gleich stark. Während eine Zeitung oder ein Magazin vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit verlangt, beansprucht Fernsehen gleich mehrere Sinne. »Je mehr Sinne angesprochen werden, desto mehr Aufmerksamkeit braucht das«, erklärt Gießwein. Wer gleichzeitig sieht, hört und einer Handlung folgt, nimmt automatisch weniger vom eigentlichen Essen wahr.

Fernbedienung oder Autopilot?

Hat man also die Kontrolle über sein Leben verloren, wenn man regelmäßig vor dem Fernseher isst? Ganz so dramatisch sieht Gießwein das nicht. Entscheidend sei vielmehr, ob man sich bewusst dafür entscheidet oder ob das Essen vor dem Fernseher längst zur festen Routine geworden ist. Menschen, die ihr Essverhalten verbessern möchten, empfiehlt sie, zumindest eine Mahlzeit am Tag ohne Ablenkung zu essen. So könne man wieder besser wahrnehmen, wann Hunger und Sättigung eintreten.

Wer sich dagegen nach einem langen Tag bewusst für das Abendessen auf der Couch entscheidet, müsse kein schlechtes Gewissen haben. Problematisch werde es erst dann, wenn Essen und Fernsehen untrennbar zusammengehören und man sich kaum mehr vorstellen kann, ohne Bildschirm zu essen. »Ich glaube, diese bewusste Entscheidung ist entscheidend«, sagt Gießwein.

Eine Chipstüte auf der Couch: Gerade beim Fernsehen essen viele unbewusst mehr, als sie eigentlich vorhatten.
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Eine Chipstüte auf der Couch: Gerade beim Fernsehen essen viele unbewusst mehr, als sie eigentlich vorhatten.

Das Ende der Packung kommt schneller als der Abspann

Besonders tückisch wird es bei Snacks. Eine geöffnete Chipspackung verschwindet beim Fernsehen oft schneller als gedacht. Irgendwann greift man auf den Boden der Packung – und fragt sich, wann eigentlich alles leer geworden ist. Gießwein empfiehlt deshalb, Snacks oder auch das Abendessen bewusst zu portionieren. Wer sich eine Schüssel richtet und bei Bedarf noch einmal aufsteht, um Nachschlag zu holen, trifft diese Entscheidung viel bewusster, als wenn die ganze Packung neben einem liegt.

Die wichtigste Regel

Fernsehen beim Essen ist also weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Entscheidend ist, ob man bewusst entscheidet oder einfach einer Gewohnheit folgt. Oder wie Lena Gießwein es sinngemäß zusammenfasst: Wer sich hin und wieder für einen gemütlichen Fernsehabend mit Abendessen entscheidet, muss sich keine Sorgen machen. Wer dagegen gar nicht mehr ohne Bildschirm essen kann, sollte seine Gewohnheiten vielleicht einmal genauer hinterfragen.


Hannah Speyer
Hannah Speyer
Chefin vom Dienst Digital
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