Dr. Rebekka Reinhard: Was ist schön?
Nie war der Druck, gut auszusehen, größer als heute. Ohne perfekte ästhetische Selbstinszenierung geht (fast) nichts mehr. Für Instandsetzung und Optimierung von Wimpern, Lippen und Gesäß mobilisieren schon Fünfzehnjährige Visagistinnen und Beauty-Docs.
Wer im Wettbewerb um den bestdefinierten Oberschenkel, den stylishsten Po oder die symmetrischste Nase den Siegerinnenpokal einheimsen will, muss sich ins Zeug legen. Wer das Wort Mikrodermabrasion noch nie gehört hat und nicht weiß, was ein »Barbie Neck« ist (ein mittels Botoxinjektion geschmälerter Hals), hat schon verloren. Meisterin der Schönheit der Extreme und berühmteste Symptomträgerin zugleich all dessen, was »Enhancement« hergibt, ist selbstverständlich Kim Kardashian. Ihr Instagram-Account fungiert als Dokumentationszentrum ihrer körperlichen Verwandlungskünste: Jeder Post, jede Story triumphiert über Schwäche und Verletzlichkeit und beweist die Macht des Gemachten, den Lohn des endlosen harten Optimierungstrainings. Millionen Mädchen und Frauen versuchen (bewusst oder unbewusst), es Influencer:innen wie Kim Kardashian gleichzutun. Stellen wir die philosophische Grundfrage: Warum? Schönheit war seit jeher ein Versprechen von Glück. Wir hoffen, ein besseres Leben zu haben, indem wir uns um unsere Attraktivität sorgen. In einer Zeit, in der es aufgrund immer neuer ökologischer, ökonomischer und militärischer Krisen keine Rückkehr zur alten Normalität zu geben scheint und die Unsicherheit steigt, sehnen wir uns nach einem stabilen, erfolgssicheren Gegenprogramm. Der Grund, weshalb wir uns eine perfekte Nase anschaffen oder einen optimal flachen Bauch, ist der gleiche wie der, weshalb wir Äpfel aus biologischem Anbau kaufen oder Insekten retten: Wir wollen das Gefühl haben, richtig zu liegen. Alles uns Mögliche dafür zu tun, anerkannt, wertgeschätzt, geliebt zu werden. Dafür zu sorgen, aus diesem Leben etwas Schönes und Gutes zu machen.
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Einer der berühmtesten Philosophen der griechischen Antike war Diogenes. Die Athener nannten ihn »Hund« (kyon), weil er sich von Abfällen ernährte und freiwillig in einer Tonne schlief. Sein extrem »hässliches« Auftreten ist ein Gegenbild zum Schönheitskult unserer Tage – es erinnert uns daran, dass auch wir das rechte Maß verloren haben. »Wozu also lebt ihr, wenn ihr euch nicht darum sorgt, schön zu leben?«, fragte Diogenes. Für ihn wie für alle Philosophen seiner Zeit hieß Schönheit (kalogathia), die Zeit und die Freiheit zu besitzen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die innere Schönheit, welche auf einer ethischen Haltung fußt und in Form eines alterslosen Charismas täglich wächst, je öfter man sich darin übt, Gutes zu tun. Wie wird man ein innerlich schöner, guter und glücklicher Mensch? Es ist nicht nötig, dass Sie Ihren Mietvertrag kündigen und in eine Tonne ziehen. Es geht nicht darum, wie gut Sie sind, sein sollten oder müssten, um als »gut« durchzugehen. Ethik ist (anders als der Kampf um äußere Attraktivität) kein Exzellenzwettbewerb. Die einzige Frage, auf die es ankommt, ist: Was kann ich jetzt Gutes tun? Man fängt bei sich selbst an und tut es. So einfach ist das. Gutes geschieht nicht, wenn ich es durchdenke, darüber lese oder schreibe. Es passiert nicht irgendwann, wenn sich ein Slot in »meinem« Kalender ergibt. Das ganz banale Gute passiert immer nur im Jetzt. In voll konzentriertem Zustand. Wenn Sie in diesem Augenblick einen Freund anrufen, sich seine Probleme und Sorgen anhören, ihm (Lebens-)Zeit schenken, ohne gedanklich zu Ihrem Hamster oder Ihren Kontoauszügen abzudriften, kriegen Sie keine ebenmäßigere Haut. Dafür gewinnen sie ein Stück Unendlichkeit, das Ihrem Alltag so viel Sinn und Wert schenkt, wie es das Feedback auf Ihr Hairstyling nie könnte. Stellen Sie sich vor: Sie gehen in eine Drogerie Waschmittel kaufen, und die Dame an der Kasse lächelt Sie an. Sie stehen vor ihr, sie schaut Sie an, und in diesem Moment können Sie nicht anders, als zurückzulächeln, mit ihr in Resonanz zu treten, sich mit ihr verbunden zu fühlen. Freundlichkeit ist Teil des ganz banalen Guten. Sie ist eine ethische Basistugend, mit der sie in einer stinknormalen Drogerie einen winzigen, aber wichtigen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten können. Denn in diesem Moment vergessen Sie alle Unsicherheit und Angst, allen Neid und Hass … Das ganz banale Gute – ihre Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Wärme – die
Sie im ganz Kleinen nach außen tragen, tagtäglich, auf einer ganz persönlichen, lokalen, vorpolitischen Ebene, macht nicht nur andere ganz »schön« glücklich, sondern auch Sie selbst. Probieren Sie es aus. Jetzt. Und immer wieder.
Dr. Rebekka Reinhard promovierte 2001 an der FU Berlin über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Die Gründerin und Chefredakteurin des Magazins »human« über Mensch und KI ist seit 2007 international als Speakerin für Unternehmen aller Branchen unterwegs. Zudem ist sie »SPIEGEL«-Bestseller-Autorin, u. a. »Die Sinn-Diät« (2009), »Wach denken« (2020) und »Die Zentrale der Zuständigkeiten. 20 Überlebensstrategien für Frauen zwischen Wollen, Sollen und Müssen« (2022). Ihr neues Buch heißt »Die Kunst, gut zu sein. Der innere Kompass für ein Leben, das auch in Krisenzeiten glücklich macht«.
Sung-Hee Seewald