Einfach Spüren: Mit Non-Tracking zu mehr Achtsamkeit
Fühlen statt kontrollieren, Spaß statt Stress und Achtsamkeit statt Apps: Was hinter dem Non-Tracking-Trend steckt und weshalb er lebensverändernd sein kann.
Die 80er-Jahre waren eine wilde Zeit: Neue Musikstile entstanden, man trug Dauerwelle und aus Amerika schwappten viele Trends nach Europa, auch aus dem Fitnessbereich. Plötzlich beugte man in neonfarbenen Leggings die Knie und machte sich zu sogenannten »Dauerläufen« auf – natürlich mit einem Walkman, der den passenden Soundtrack von Madonna lieferte. Fiel der Blick aufs Handgelenk, dann höchstens um zu sehen, ob die Frottee-Schweißbänder noch sitzen.
Denn bevor ab den 2000ern die ersten GPS-Sportuhren und ab den 2010ern Fitness-Apps, Smartwatches und andere Wearables zur Aufzeichnung eigener Leistungen erhältlich waren, begnügten sich Freizeitsportler:innen oft damit, die Turnschuhe zu schnüren und eine Runde zu drehen, ganz nach Gefühl. Seit einigen Jahren bietet nun aber jedes große Technologieunternehmen Apps und Wearables an, längst jedoch nicht mehr nur zum Tracking von Puls, Tempo und Intensität beim Sport, sondern in allen Lebensbereichen.
Während Tracking dabei helfen kann, bewusstere Entscheidungen zu treffen, Gewohnheiten zu etablieren und bestimmte Ziele zu erreichen, birgt es aber auch Gefahren: Das Leben wird zu einer einzigen Jagd nach der Erreichung von Vorgaben und selbst so alltägliche Dingen wie Wassertrinken, Schlafen oder Essen sind dann mit einem Leistungsgedanken verbunden. Dazu kommt, dass mit Tracking-Tools, egal, ob auf der Uhr oder dem Handy, auch der ständige Vergleich Einzug in unser Leben gehalten hat. Rankings und Bestenlisten werden stolz auf Social Media geteilt, Challenges und Leaderboards können nicht nur ungesund übermotivierend, sondern auch demotivierend wirken. Schließlich ist es dem Selbstwert nicht zuträglich, wenn die Konkurrenz praktisch die ganze Welt ist. Mehrere aktuelle Studien beschäftigten sich bereits auf wissenschaftlicher Ebene mit der Frage, wie sich dauerndes Überprüfen, Optimieren und Tracken auswirken. Das Ergebnis: Übermäßiges Kontrollverhalten, perfektionistische Einstellungen, Essstörungen und verzerrte Körperwahrnehmung korrelieren stark mit der Verwendung von Tracking-Tools. Am häufigsten verwendet werden von deutschen Erwachsenen zwischen 20 und 50 Jahren Schrittzähler (61,4 Prozent), Sport-Apps (50,7 Prozent), Schlaf- (37 Prozent) und Kalorientracker (36 Prozent).
Mit Non-Tracking zu mehr Achtsamkeit
Glücklicherweise gibt es mit dem sogenannten Non-Tracking einen sehr einfachen Weg aus dieser Stressspirale. Dabei geht man bewusst durch den Tag, ohne sämtliche Parameter des Lebens zu überwachen. Gegessen wird, wenn man Hunger hat, mit Genuss und das, worauf man Lust hat. Ins Bett geht’s, wenn man müde ist. Schafft man mal keine acht Stunden Schlaf, ist das auch okay.
Umgelegt auf den Sport heißt das: einfach machen und Spaß haben. Statt sich auf Zahlen zu verlassen, hört man auf seinen Körper, etwa die Atmung oder den Herzschlag. Das Training soll (wieder) zum Erlebnis werden und nicht zu einem stressigen Zahlenspiel verkommen. Wer hin und wieder trackingfreie Tage einlegt, gelangt Schritt für Schritt zu mehr Körperbewusstsein und einem bedürfnisorientierteren Dasein. Das Ziel ist ein genussvolles und gesundes Leben ohne Optimierungszwang, dafür mit viel Achtsamkeit und Intuition.