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Female Future: Wie Medizin und Forschung den weiblichen Körper entdecken

Gesundheit
Self Care
Wellbeing

Der weibliche Körper ist ein Wunderwerk, der in Medizin und Forschung viel zu lange unbeachtet blieb. Die männliche Norm wird nun endlich infrage gestellt. Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin, erklärt, warum das so essenziell ist.

Die Gründe, warum genderspezifische Medizin erst in jüngerer Wissenschafts- und Forschungsgeschichte zum Thema wurde, erklären sich in erster Linie gesellschaftspolitisch. Einerseits mit dem historischen Weltbild: Der Mann wurde lange Zeit als Prototyp gesehen. Andererseits durch den Fakt, dass Frauen bis 1900 in Österreich nicht zum Medizinstudium zugelassen waren. Erst in den letzten Jahren gewinnt das Thema an Relevanz. Dabei kann der differenzierte Zugang über Leben und Tod – Gesundheit und Krankheit – entscheiden.

In der Vergangenheit wurden Studienergebnisse von männlichen Teilnehmern auf Frauen skaliert: Wie aussagekräftig sind derartige Ergebnisse und wie ist der Stand heute?

Alexandra Kautzky-Willer Gott sei Dank ist nicht alles bei den Geschlechtern komplett anders, sonst hätten wir noch weit mehr Nebenwirkungen. Aber es ist schon ein Fakt, dass Frauen eine bessere ­Lebensqualität hätten, wenn hier mehr Rücksicht genommen werden würde. Es gab Rückschläge beim Einbeziehen in Studien wie zum Beispiel durch die Folgen des Medikaments Contergan. Nach den vielen Fehlbildungen von Neugeborenen ließ man reproduktionsfähige Frauen außen vor, weil die Angst groß war, dass sich eine solche Tragödie wiederholen könnte. Eine Kehrtwende gab es in den 1990er-Jahren, als die amerikanische Kardiologin Bernadine Healy mit ihrer Publikation zum Yentl-Syndrom Aufmerksamkeit erregte. Es ging dabei darum, dass Frauen bei einem Herzinfarkt männliche Symptome präsentieren müssen, um ernst genommen zu werden. Obwohl sich diese oft ganz anders äußern wie zum Beispiel durch Schmerzen am Oberkiefer oder zwischen den Schulterblättern sowie durch Oberbauchschmerzen oder Übelkeit – und ­übrigens bis heute oft Fehldiagnosen wie Gastritis oder Zahnprobleme nach sich ­ziehen. Es ist traurig, dass hier selbst in der Kardiologie, dem Vorreiterfeld der Gendermedizin, immer noch Forschungsaufholbedarf besteht. Und trotz gesetzlicher ­Vorgaben ist die Medizin vom Vorgehen der Pharmaindustrie abhängig, die die ohnehin schon langwierigen und kostspieligen Forschungsverfahren nicht durch weitere Untergruppen, langwierigere Prozesse durch jüngere Frauen, die langsamer auf Wirkstoffe reagieren, und so weiter verkomplizieren und verteuern möchten. Fakt ist aber auch, dass Frauen besser informiert, kritischer und weniger risikofreudig hinsichtlich der Teilnahme an Studien sind. Sie wollen keine »Versuchskaninchen« sein, aber ohne Neues zu probieren, gibt es keinen Fortschritt. Dazu muss Frauen mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung entgegengebracht werden. Weil die Zeit in der Praxis fehlt, gehen sie öfter zu Wahlärzt:innen, obwohl sie finanziell oft schlechter gestellt sind als Männer. Bei Nebenwirkungen verzichten sie eher auf Medikamente, ihr Vertrauen in Ärzt:innen und die Zufriedenheit mit dem ­Gesundheitssystem sinken.

Ist genderorientierte Medizin im beruflichen Alltag – in Praxen und Spitälern – schon angekommen?

Frauen haben mit Menstruation, Schwangerschaft, Stillphase und Menopause besondere Lebensphasen. Es wären auch neue Grenzwerte bei bestimmten Biomarkern nötig, doch die Forschung hat hier noch zu wenig Evidenz. Oft sind Nebenwirkungen bekannt und Dosierungen werden angepasst, aber das sind nur »softe« Varianten der Gendermedizin. Es braucht mehr Forschung, mehr Lehre, mehr Umsetzung.

Wie bedeutend sind unterschiedliche ­Enzyme, Hormone und verschiedene ­Organgrößen im Körper von Frauen und Männern für die Behandlung von Krankheiten und die Schmerzmedikation?

Die biologischen Unterschiede bei Geschlechtschromosomen und Sexualhormonen spielen ebenso eine Rolle wie der unterschiedliche Leberstoffwechsel. Frauen haben zum Beispiel schon bei geringeren Alkoholmengen mit toxischen Effekten zu kämpfen. Auch bei Medikamenten zeigen sich ein höherer Wirkspiegel und ein langsamerer Abbau von Inhaltsstoffen. Auch die Nieren arbeiten unterschiedlich. Das Mikrobiom setzt sich anders zusammen und ist sehr abhängig von der Ernährung. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Frauen von der Natur – vor allem bis zur Menopause – bevorzugt sind, weil sie weniger anfällig für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind, ein besseres Immunsystem und eine günstigere Fettverteilung haben. Die Fettansammlung an Oberschenkeln und Hüften ist besser als bei Männern, die eher zu Bauchfett neigen. Demgegenüber stehen Lebensstil und -umstände, Umweltbelastungen, psychische ­Belastungen, Stress, Traumatisierungen und Mehrfachbelastungen, die eher Depressionen und Ängste auslösen. Änderungen in letzter Zeit sind auch durch die vermehrte Aufnahme von Toxinen durch Nikotin und einen gestiegenen Alkoholkonsum zu beobachten, die höhere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebsraten bedingen.

© Alexander Krivitskiy/ Unsplash
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So unterscheiden sich Frauen von Männern

Gene: Frauen haben zwei X-, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Während auf einem X-Chromosom mehr als 1.000 Gene liegen, passen auf das Y weniger als 100. Genetisch im Vorteil, können Frauen einen Gendefekt über ihr zweites X-Chromosom ausgleichen.

Stoffwechsel: Bestimmte Enzyme, die für den Abbau von Medikamenten in der Leber und im Darm wichtig sind, sind bei Frauen weniger aktiv als bei Männern. Aufgrund dessen verstoffwechseln Frauen lang-samer. Dies kann bei gleicher Dosis zu höheren Wirkstoffkonzentrationen im Körper von Frauen führen, was wiederum stärkere Nebenwirkungen zur Folge haben kann, da die Wirkung länger anhalten kann.

Körperbau: Auch bei nicht Offensichtlichem unterscheiden sich die Geschlechter deutlich. Ein Beispiel: Die Harnwege und die Harnröhre der Frau sind kürzer, weshalb sie häufiger an Harnwegsinfektionen leiden.

Zur Person

Seit 2002 ist Alexandra Kautzky-Willer Leiterin der Diabetesambulanz, Lipidambulanz und Adipositasambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin III. 2010 wurde sie die erste Professorin für Gendermedizin in Österreich an der MedUni Wien. In einem Langzeitnachsorgeprojekt bei Frauen nach Schwangerschaftsdiabetes entdeckte sie, dass sich die Entstehung der Diabetes bei Frauen von der bei Männern unterscheidet. Frauen weisen häufiger eine gestörte Glukosetoleranz sowie frühzeitig Inflammationsmarker und Veränderungen in der Gerinnung auf. Frauen mit Diabetes weisen zudem mehr kardiovaskuläre Risikofaktoren auf.

Erschienen in
Falstaff Happy Life Magazin 2/2025

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Michaela Hocek
Autor
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