Café Azzurro

Café Azzurro
© Herbert Hacker

Blaue Metamorphose: Kulinarischer Minimalismus mit hohem Qualitätsanspruch im »Café Azzurro«

Lokalkritik: Einst eine grottenschlechte Pizzeria, heute ein Tempel des gastronomischen Minimalismus. Über die eindrucksvolle Entwicklung des »Café Azzurro«, das alles andere ist als ein Kaffeehaus.

Die Einrichtung ist so karg, dass man unweigerlich an den stillen Charme einer Volksschulklasse denken muss. Die Tische und Stühle wirken wie aus einem Katalog minimalistischer Möblierung, irgendwie ist man froh, dass es sich tatsächlich um Tische und Stühle handelt. Auch die helle Holzvertäfelung und die abgekratzten Wände sind keinesfalls Ausdruck eines opulenten Lokal-Interieurs.

Als das »Cafe Azzurro« Ende des Vorjahres eröffnet wurde, waren die Vorschusslorbeeren in den Gazetten hymnisch. Nicht ganz ohne Grund. Denn inzwischen hat sich das Lokal am Rande des Wiener Urban Loritz Platzes tatsächlich zu einer der bemerkenswertesten und besten kulinarischen Adressen des siebenten Bezirks gemausert. Und der siebente Bezirk ist reich an guten Lokalen, Gasthäusern und Restaurants.

Mit einem Kaffeehaus hat das »Cafe Azzurro« überhaupt nichts zu tun. Lange Jahre wurden an dieser Stelle unter dem Namen »Pizzeria Azzurro« mediokere Teigfladen serviert, mit einem Qualitätsanspruch im untersten Bereich. Geblieben ist zum Glück nur der Name »Azzurro« – in rätselhafter Kombination mit der Bezeichnung Café.

Was dieses Nicht-Kaffeehaus aber so herausragend macht, hat viel mit den neuen Betreibern zu tun. Stephan Stahl und seine Frau Christina haben sich in den vergangenen Jahren mit ihrem wunderschönen Mini-Lokal »Kommod« in der Strozzigasse im achten Bezirk einen Namen gemacht. Stephan Stahl gilt längst als einer der talentiertesten Köche der Stadt. Im »Kommod« kocht derzeit sein Team auch ohne ihn, denn Stahl steht meist im »Cafe Azzurro« am Herd und sorgt dort für eine derart ungekünstelte Küche mit hohem Qualitätsanspruch und mit Gerichten, die atemberaubend minimalistisch sind, weit reduzierter noch als im »Kommod«.

Das Beef Tartare kommt mit einem Marknochen und ist perfekt abgemischt, die Jiddische Leber wurde von allem befreit, was nicht unbedingt notwendig ist und kommt als köstliches Lebermousse im Glas. Und das geschmorte Hendl mit knusprig gebratener Haut ist so radikal auf das Wesentliche reduziert, wie man das nirgendwo in dieser perfekten Schlichtheit bekommt. Als Alternative steht noch ein Saibling mit geschmorten Fenchel auf der Karte und als Dessert ein Rhabarbar-Gericht mit Mascarpone, sehr viel mehr ist da nicht, die Karte ist extrem klein, minimalistisch eben, auch wenn die Auswahl laufend verändert wird.

Restaurantleiterin und Sommelière Mara Feißt wacht über eine nicht minder bemerkenswerte Weinauswahl, reich an biodynamisch erzeugten Weinen und Naturweinen aus Frankreich und Österreich aber auch aus Deutschland mit Weinen von Spitzenwinzern wie Peter Jakob Kühn und Clemens Busch. Insgesamt ein unkonventionelles Weinsortiment, modern und preislich moderat kalkuliert. Passt wunderbar zum Interieur und zur Küche.

Schon erstaunlich, was aus einer belanglosen Pizzeria alles werden kann. Stahl und Feißt zelebrieren hier das uralte Motto »weniger ist mehr« und zeigen mit leidenschaftlicher Hingabe, wie vielmehr das Wenige haben kann. Selbst der oft geschmähte Urban Lorenz Platz erscheint einem nach dem Essen vom Schanigarten aus als eine blühende Gürtel-Oase. Und das heißt schon was.


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Herbert Hacker
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