Indiens Weinwelt im Aufschwung
Der Weinbau dieses vielfältigen, exotischen Landes steckt in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen, aber es ist unübersehbar, dass indischer Wein ein großes Zukunftspotenzial hat. Im Moment ist der Export minimal, außerhalb des Subkontinents ist – mit Ausnahme von Produkten des großen Weingutes Sula – kaum eine Flasche zu finden. Bei einem Besuch des Landes ist der indische Wein in der führenden Gastronomie bereits gut vertreten und das zu leistbaren Preisen. Das Gros der Weine ist sauber gemacht und zeigt guten Sortencharakter.
Vieles der ursprünglichen Weinkultur Indiens liegt verborgen in der dunklen Nacht der langen Geschichte des Subkontinents. Man vermutet die Anfänge in der Bronzezeit: Kaufleute aus Persien hatten die Pflege der Rebe ins Land gebracht. Aus verschiedenen, insbesondere religiösen Gründen hielt sich die Produktion von alkoholischen Getränken in Indien in Grenzen, einen Höhepunkt erreichte der Weinbau unter den britischen Kolonialherren.
Zum Anfang des 20. Jahrhunderts fand die zerstörerische Reblaus den Weg nach Indien, später war es die politische Führung des Landes, die den Weinbau zum Stillstand brachte. Erst in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstand eine Mittelklasse in der indischen Gesellschaft, die der westliche Lifestyle dazu motivierte, sich für moderaten Weinkonsum zu interessieren. Da aber der importierte Wein sehr hohen Importzöllen unterworfen war, öffnete sich für den indischen Weinbau ein neues Fenster. Beherzte Unternehmer machten sich auf die Suche nach den passenden Standorten und begannen Sorten und Stile zu erproben, die ihren Landsleuten munden. Man griff zu den international gut eingeführten Varietäten und so dominieren heute die französischen Klassiker das Geschehen: In Weiß sind es Chardonnay, Sauvignon Blanc und Chenin Blanc, in Rot Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir und immer mehr der würzige Syrah.
Der Weinkonsum in Indien ist in kontinuierlichem Wachstum begriffen. Allein in den Jahren von 2007 bis 2014 hat er sich auf 190.000 Hektoliter verzehnfacht. Auch die Inlandsproduktion hat sich im gleichen Zeitraum verdoppelt und erreichte bereits vor zehn Jahren 175.000 Hektoliter. Die Rebflächen sind allein von 2018 bis 2023 von 150.000 auf 180.000 Hektar gewachsen und sind heute größer als jene von Chile oder Australien. Allerdings werden in Indien zu 90 Prozent Speisetrauben oder Rosinen hergestellt, was die Produktionsmenge von Tafelweinen deutlich relativiert. Im Jahr 2020 lag die erzeugte Weinmenge bei etwa 200.000 Hektoliter (2,2 Millionen Zwölfer-Kisten), etwas weniger als einem Zehntel der österreichischen Durchschnittsproduktion, der Export liegt etwa bei zehn Prozent.
Die indische Bevölkerung spricht alkoholischen Getränken in weit geringeren Mengen zu, als das in westlichen Ländern der Fall ist, und wenn, dann bevorzugen die Inder Spirituosen. Auf sie entfallen 98 Prozent, auf Wein nur zwei Prozent der Konsumation. Lustig wird es, wenn man das auf den Pro-Kopf-Konsum am Subkontinent umlegt. Das wären stolze neun Milliliter Wein im Jahr – der Franzose trinkt das 8000-Fache. Dank wachsenden Wohlstands und auch durch den Zustrom von Touristen ist leicht nachvollziehbar, warum die Weinproduktion Indiens in einem stetigen Aufschwung ist.
Wellness am Weingut
Der Titel der indischen »Weinmetropole« gebührt zweifellos Nashik im Bundesstaat Maharashtra, nicht allzu weit von Mumbai entfernt. In dieser Region haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte an die 50 Weingüter angesiedelt. Darunter befinden sich einige der wichtigsten und größten Weinkellereien das Landes, wie Sula Vineyards, das als eines der wenigen indischen Güter auch über einen globalen Vertrieb verfügt. Früh hatten sich die Eigentümer fachkundige Unterstützung gesichert. Seit 2014 ist hier in Nashik auch der LVMH-Konzern mit Chandon India erfolgreich zugange, zahlreiche Weingüter mit sehr guter nationaler Reputation wie York oder Soma Wine Village haben sich hier in der Region von Gangapur Dam eingerichtet. Ein Besuch bei einem Weingut ist in Indien als ein komplettes Gourmet-Erlebnis konzipiert, neben den üblichen Weinverkostungsangeboten gibt es Restaurant, Hotel, Spa und Wellness. Ein Kurzurlaub beim Wein ist für viele Inder der erste Kontakt mit vergorenem Rebensaft in ihrem Leben.
Keine zwei Autostunden von Nashik entfernt liegen die heiligen Tempel von Shirdi, die schon immer Gläubige in Massen anlockten. Manche von ihnen werden vielleicht in Zukunft auch einen kleinen Zwischenstopp im neu entstandenen Reich des Bacchus einlegen. Neben Nashik spielt auch Pune eine wichtige Rolle für indischen Weinbau, auch wenn die Gegend eher für Hightech, IT und Autoindustrie berühmt ist. Gleich im Osten der Stadt liegen die Rieden von Burkegaon, andere Subregionen wie Roti sind bekannt für frischen Weißwein, Baramati für stoffigen Shiraz. Auf den Böden von Akluj wächst Chardonnay, Müller- Thurgau, aber auch Sangiovese. Wichtige Betriebe hier sind Four Season Vineyards, Fratelli Wines oder Deccan Plateau.
Die Kraft des Südens
Karnataka ist neben Maharashtra das zweite wichtige Standbein des indischen Weinbaus. Hier reicht das Klima von tropisch-heiß im Norden bis mild-tropisch im Süden. Grob einteilen lässt sich das Gebiet in fünf Zonen: Bangalore, den Süden, Hampi Hills, Bijapur und Nord-Karnataka. Internationale Aufmerksamkeit erregte im Jahr 2010 die Nachricht, dass der französische Berater Stéphane Derenoncourt aus Bordeaux die önologische Betreuung von Alpine Winery übernahm. Das 400 Hektar große Weingut liegt in Mysore District im Bundesstaat Karnataka, der im Südwesten Indiens in der Umgebung von Bangalore liegt. Hier hat Raghavendra Gowda, dessen Familie sich zuvor auf die Herstellung von Spirituosen spezialisierte, sein Weinrefugium geschaffen, das ebenso touristische Einrichtungen, ein Spa und eine Sommelierschule beherbergt.
Das Fundament des neuzeitlichen Weinbaus legte in den Achtzigerjahren Kanwal Grover mit seinem wegweisenden Weingut Grover Zampa, es gilt als das älteste der qualitativ interessanten Weingüter und wurde einst von Michel Rolland beraten. Die Weingärten befinden sich in den Nandi Hills auf rund 900 Meter Seehöhe. Auf Kalksteinböden und verwittertem Gneis wachsen hier Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Shiraz.
Klein, aber fein
Weitere interessante Erzeuger in dieser Zone sind Bangalore Soma und die SDU Winery mit dem italienischen Winemaker Andrea Valentinuzzi, der die DEVA-Weinlinie konzipierte. Eine aufstrebende Zone sind die Hampi Hills, hier erzeugt am Zusammenfluss von Bhadra und Tunga River ein exzellentes Boutiqueweingut mit dem etwas sperrigen Namen KRSMA Estates einige der vielleicht besten Weine Indiens aus Cabernet Sauvignon und Sauvignon Blanc. Das Weinbaugebiet ähnelt mit seinen »rolling stones«, den großen, runden Kieselsteinen, ein wenig jenem von Châteauneuf-du-Pape. Klein, aber fein ist auch die Maxime von ID Halli, ein weiteres Garagenweingut etwa 30 Kilometer außerhalb der Stadt Gauribidanur.
Nordkarnatka und Bijapur liegen weiter von der Küste entfernt, das trockene und warme Klima ermöglicht eine hohe Traubenreife. Hier kaufen viele Weingüter ihre Trauben für ihre mittlere Range an Weinen, die im Inland abgesetzt werden. Das Anbaugebiet liegt nahe an Andhra Pradesh und Goa, wo dank des Tourismus mehr Wein konsumiert wird als in anderen Regionen Indiens. Zu den bedeutenden Betrieben hier gehören Elite Vintage Winery und Nisarga Vineyards.
Zwei Ernten pro Jahr
Der Weinbau unter den klimatischen Rahmenbedingungen der Subtropen gestaltet sich hier völlig anders als in den europäischen und kontinentalen Gebieten. Zwischen Mai und September bringt der südwestliche Monsun große Niederschlagsmengen, gepaart mit hohen Temperaturen. Im Winter gibt es keinen Regen, tagsüber liegt die Temperatur bei bis zu 35, nachts bei etwa 15 Grad Celsius.
Es gibt hier pro Jahr zwei Ernten, die Rebe durchlebt keine Ruhephase. Die qualitativ interessantere Traubenqualität folgt auf den Schnitt nach dem Monsun im August. Bis Dezember nehmen die Temperaturen ab, um dann im Frühjahr zur Traubenreife unter trockenen Bedingungen konsequent zuzunehmen.
Die Weingärten in Nashik liegen auf einer Seehöhe von etwa 600 Meter, jene der südlichen Gebiete bei Bangalore eher auf 900 Meter. Neben den bereits angesprochenen Rebsorten zeigen abhängig von Terroir und Niederschlagsmengen auch Riesling, Viognier und Gewürztraminer sowie Malbec, Sangiovese und Tempranillo gute Erfolge.