Rad-, Wander- & Weingenuss im Burgenalnd
Abseits der hohen Berge bietet das Burgenland in einer historisch spannenden Grenzregion heute fast unlimitierte Möglichkeiten für ausgedehnten Rad-, Wander- und Weingenuss.
Das Burgenland beginnt leise. Wer sich ihm vom Westen kommend annähert, merkt oft erst spät, dass sich etwas verändert hat: Das Land wird weiter, der Himmel größer, die Zeit dehnt sich. Der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel erzählt von dieser Landschaft in leisen, präzisen Bildern: Salzlacken, Schilf, Vögel, Gänse, Steppenrinder, weiter im Süden Wellen aus Weingärten und traditionsreichen Kellergassen.
Es ist eine Atmosphäre, die sich ständig verändert und – bei genauem Hinsehen – verdichtet. Wie der Wein von Süßweinspezialist Alois Kracher, eine Institution rot-weiß-roter Kelterkunst aus Illmitz im Seewinkel. Aus den Rebsorten Welschriesling, Chardonnay, Traminer, Scheurebe, Muskat-Ottonel und hin und wieder auch Zweigelt kreierte er jedes Jahr zehn bis 15 verschiedene Trockenbeerenauslesen in zwei verschiedenen Ausbaustilistiken. Sohn Gerhard setzt diese Tradition fort. Natürlicher Mitarbeiter ist der ständig feucht-warme Witterungswechsel, der den notwendigen Grauschimmel auf den Trauben entstehen lässt, den es braucht, um Süßweine dieser Noblesse produzieren zu können.
Hier, am östlichsten Rand Österreichs war die Grenze nie nur Linie, sondern immer auch Geschichte. Wo einst der »Eiserne Vorhang« West- und Osteuropa hermetisch voneinander trennte, verläuft heute mit dem »Iron Curtain Trail« einer von Europas längsten Radwegen. Über insgesamt 10.000 Kilometer zieht er sich von der Barentssee in Finnland bis an die bulgarisch-türkische Grenze. Fast 300 Kilometer davon umfasst der burgenländische Abschnitt zwischen Kittsee, St. Margarethen, Andau und St. Gotthard in Ungarn. Dank der absoluten Abwesenheit von Steigungen sind die fünf Tagesetappen ein Eldorado für genussorientierte Radfahrer.
Der Radweg führt entlang des ehemaligen »Eisernen Vorhangs« und vorbei an idyllischen Weinstockzeilen.
Man kann die Geschichte aber auch hinter sich lassen und über Halbturn nach Weiden am See weiterradeln. Verdiente Endpunkte: Oliver Wiegands »Zur blauen Gans«. Er hat sich einer nachhaltigen, unprätentiösen und ehrlichen Küchenlinie auf höchstem Niveau verschrieben. Oder »Das Fritz«, wo Fischsuppe, Spanferkel mit Chilikraut, regionalen Antipasti, Gemüse-Tapas oder Tatar von Fisch und Fleisch beziehungsweise Neuinterpretationen der pannonischen Küche offeriert werden. Patron Fritz Tösch segelt mit seinen beiden Töchtern Judith und Vera auf einem von jahrelanger Erfahrung und jugendlichen Innovationen geprägten Kurs. Eine ebenso außergewöhnliche Architektur bietet den Rahmen für eine eigene Marina, Seeterrasse, Oberdeck und eine ins Restaurant integrierte, gekühlte »Weinwand«.
Immer im Blick: der Neusiedler See – kein klassisch österreichischer See mit alpiner Dramatik, sondern eine flache, schilfumrahmte Wasserfläche, die mehr Horizont als Tiefe bietet. Morgens liegt er still im Licht der aufgehenden Sonne. Ein Spiegel für Zugvögel und Radfahrer, für Segelboote und Gedanken. Es lässt sich beispielsweise hinterfragen, warum einem der Wind zwischen Illmitz und Podersdorf ausgerechnet heute ins Gesicht bläst. Aber wenn es stimmt, dass »Gegenwind den Charakter« formt, dann geht dieser Nachmittag immerhin als Persönlichkeitsschulung durch. Bleibt zumindest mehr Zeit, die Landschaft zu genießen.
Rotwein-Revier
Allein ist man dabei nicht. Der Seewinkel ist auch bei rund 300 – teilweise seltenen – Vogelarten hochbeliebt. So wird das Radfahren zu einem vielstimmigen Dialog mit der Natur. Sie zwingt einem auf liebevolle Art ihren Rhythmus auf und belohnt einen dafür mit atemberaubenden Ausblicken. Die nächste Zieladresse ist angesichts dessen vielsagend: »Zur Dankbarkeit« nennt sich das Gasthaus in Podersdorf, das seit fünf Generationen von der Familie Lentsch bewirtschaftet wird und laut Hauschronik eine bewegte Vorgeschichte als von Zisterzienser-Mönchen errichtetes »ebenerdiges Schloss« und späterer Wohnsitz eines preußischen Grafen erlebt hat. Der heutige Küchenchef Josef Roiss hat indes als Nachfahre eines Podersdorfer Fassbinders, Winzers und Wirts sowie einer Weinviertler Weinbäuerin ein ererbtes Gespür für die authentischen Aromen der Produkte der regionalen Landwirtschaft. Das schmeckt man.
Es sind aber nicht die einzigen kulinarischen Zielhäfen, die man rund um den Neusiedler See anlaufen kann. Da wären das »Stadtgasthaus« am Nyikospark in Neusiedl, das zur Zeit Kaiser Franz Josephs Offizierskasino für die örtliche Kaserne war. Oder an der Westseite des Sees Max Stiegls schon legendäre, alles verarbeitende und pannonisch geprägte Küche im »Gut Purbach«. Oder der »Rusterhof« in Österreichs kleinster Statutarstadt, oder das von Stephanie und Eduard Tscheppe mit Hingabe und tiefem Verständnis für naturnahe Bewirtschaftung betriebene »Gut Oggau« in der ältesten Rotweingemeinde Österreichs.
Der Neusiedler See bietet damit insgesamt eine kulinarische Auswahl, die das umfassende Weinangebot der Region vielseitig ergänzt. Kompakt genießen lässt es sich in Andau, wo Erich Scheiblhofer sein Traditionsweingut zu einem umfassenden Genussressort ausgebaut hat. In »The Scheiblhofer World« in Sichtweite zur ungarischen Grenze wird nicht nur auf über hundert Hektar pro Jahr das rund zwei Millionen Flaschen umfassende Wein-Sortiment produziert, sondern im »Infinity«-Restaurant des integrierten Hotels auch exquisites Fine Dining geboten.
Wein: Blaufränkischland
Auf den schwereren Lehmböden des Mittelburgenlands, aber auch nördlich des Rosaliagebirges wachsen Trauben der autochthonen Rebsorte Blaufränkisch, die Weine mit besonderer Fruchttiefe und Länge hervorbringen. Ganz im Süden des Burgenlandes bietet der Eisenberg mit seinem speziellen Boden und einem etwas kühleren Klima optimale Voraussetzungen für elegante, feingliedrige und charaktervolle Blaufränkische, die von feinster Mineralik getragen werden.
Den Römern auf der Spur
Bewegt man sich etwas weg vom See, wartet der abwechslungsreiche Rest des insgesamt 3300 Kilometer langen Radwegenetzes, das das Burgenland durchzieht. Zum Vergleich: Gerade einmal 143 Kilometer Schnellstraßen und Autobahnen gibt es in diesem Bundesland. So verläuft zwischen Neusiedler See im Osten und Leithagebirge im Westen der Kirschblütenradweg, wo im Frühjahr Tausende Kirschbäume für blühende, duftende Alleen sorgen. Im Süden erreicht man über Deutschkreuz die Thermenregion an der steirisch-burgenländischen Grenze. Eine eigens ausgeschilderte »Paradiesroute« führt auf rund 260 Kilometern durch waldreiche Abschnitte rund um den Geschriebenstein, durch Weingärten und idyllische Flusslandschaften entlang der Raab, Pinka und Lafnitz. Auch eine aufgelassene alte Bahntrasse erlebt hier als Radweg ihren zweiten Frühling. Von Schachendorf über Großpetersdorf und Oberwart wartet mit der Pralinenmanufaktur Spiegel bei Bad Tatzmannsdorf ein würdiges Routenziel.
Wellness ist hier kein Luxusversprechen, sondern eine Fortsetzung der Landschaft – sei es im warmen Wasser der Thermen oder als Wanderkulisse. Die vielen Naturparke warten mit spannenden Themenwegen, wie etwa der Weinstraßenwanderung im südburgenländischen Pinkatal, dem Kirschblütenweg entlang des Leithagebirges im Norden oder dem »Bernsteintrail«, der sich wie ein roter Faden vom Norden bis in den Süden des Burgenlands spannt. Entlang der insgesamt 300 Kilometer folgt er von Carnuntum im Norden bis nach St. Martin an der Raab im Süden der einstigen römischen Handelsroute, auf der im Altertum wertvoller Bernstein vom Baltikum bis an die Adria transportiert wurde. Heute warten zahlreiche Kulturdenkmäler und Naturschönheiten sowie zahlreiche der besten (Rot-)Weinlagen Österreichs. Dieser Mix bringt genussintensive Rast-, Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten auf den dreizehn Etappen des Weges.
Ab durch die Mitte
Im Mittelburgenland teilt er sich eine kurze Strecke mit dem »WeinSteinWeg«. Nein, mit einem gefallenen Hollywood-Regisseur hat das nichts zu tun, vielmehr führt der Weg Wanderer zwischen den Rebzeilen vorbei an Marterln und Kapellen durchs sogenannte Blaufränkischland. Der Name dieser Region im Mittelburgenland ist Programm: Die Weinbauern hegen und pflegen rund um Deutschkreuz, Lutzmannsburg und Neckenmarkt vorrangig die Rebsorte Blaufränkisch. Beispielsweise Patrick Bayer, der hier das von seinem Vater Heribert aufgebaute, unkonventionelle Weingut als Fixgröße für außergewöhnliche Weine – wie die Cuvée »In Signo Leonis« (»Im Zeichen des Löwen«) – etabliert hat, oder das Weingut Tesch. Auf dessen Rieden an der Grenze zu Ungarn wachsen und reifen kräftig-fruchtige Trauben auf Muschelkalk, schweren Tonböden und kargem Glimmerschiefer, die vom speziellen Mikroklima im Schatten des Ödenburger Gebirges profitieren.
Der Weg selbst ist mit großen, lokal gesammelten Sandsteinen markiert und gut befestigt. Zwischen drei und fünf Stunden ist man auf der wahlweise zwölf oder 18 Kilometer langen, überraschend hügeligen Runde unterwegs, passiert dabei schöne Aussichtspunkte Richtung Bucklige Welt auf der einen und die Pannonische Tiefebene auf der anderen Seite, beziehungsweise kommt an einem unübersehbar hohen, ehemaligen ungarischen Wachturm vorbei, den die Gemeinde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gekauft hatte und später als mahnendes Relikt an diese Zeit mitten in die Weingärten pflanzte.
Im nur knapp zwanzig Kilometer entfernten Eisenstadt versucht sich das Burgenland, einen urbanen Touch zu geben. Doch auch hier herrscht ein anderes Maß. Das Schloss Esterházy erhebt sich selbstbewusst über der Stadt, barock und doch erstaunlich nahbar. Joseph Haydn hat hier gearbeitet, komponiert und gelebt; seine Musik scheint noch immer durch die Räume zu ziehen, besonders an Sommerabenden, wenn Konzerte den Innenhof füllen. Eisenstadt ist kein Museum, sondern eine Stadt, die ihre Geschichte nutzt, ohne in ihr zu erstarren.