Restaurantkritik: Wie merkwürdig ist das »merk&würdig« wirklich?
Ein neues Lokal im »Stuwervierterl« mit dem sonderbaren Namen »merk&würdig« will in vielerlei Hinsicht unkonventionell und lässig erscheinen. Atmosphärisch gelingt das ganz gut, was die Küche betrifft, ist aber noch Luft nach oben.
Das neue Projekt von Gastronom Roland Soyka (er betreibt unter anderem ganz in der Nähe das »Stuwer Beisl«, wo er klassische Wiener Küche und Neuinterpretationen von Langos servieren lässt) will vieles zugleich sein: Aperobar, Bistro und legeres Fine Dining. An einer eher unscheinbaren Ecke der Ausstellungsstraße hat das Lokal kürzlich eröffnet und befindet sich aktuell noch im Soft-Opening. Und das lässt sich nicht verbergen: Die Eingangstür hängt noch etwas wackelig in den Angeln weshalb gerade ein Handwerker lautstark Montagearbeiten verrichtet. Und dann sind da noch die tatsächlich etwas merkwürdigen Toiletten: gut versteckt hinter massiven Kühlraumtüren mit industriellem Charme – eigenwillig, ja, aber durchaus sympathisch. So wie das ganze Lokal: Speisekarten und Weinkühler hängen an Ketten von der Decke, sichtbare Lüftungsrohre durchziehen den Raum, eine knallgelbe Wand dient als Getränkekarte. Merkwürdig? Durchaus. Aber gerade deshalb auch irgendwie charmant.
Ein guter Anfang
Los geht es mit Oshibori. Für alle, die es nicht kennen: das sind warme oder kalte Handtücher, die zum Gedeck serviert werden. Dazu gibt’s Sauerteigbrot, geschlagene Rohmilchbutter, Pickles, Sodawasser und ein Glas Schaumwein – alles zusammen um 15 Euro. Kann man machen und ist nicht alltäglich.
Weiter geht es mit der Green d’Antan-Tomate, Stracciatella und Passionsfrucht. Ein Gericht, das nach mediterraner Leichtigkeit klingt. Das Problem: Die Tomaten schmecken so, als hätten sie nicht allzu viel Sonne gesehen. Die Passionsfrucht hingegen dominiert – laut, säuerlich und ohne Rücksicht. Auch die Goldforelle mit Kohlrabi, Austern und Kren klingt mutig, ist aber dennoch nicht viel mehr als brav. Das enttäuscht ein wenig, man hat sich irgendwie mehr erwartet. Beim Kräuterseitling mit Sellerie zeigt sich ein ähnliches Bild: die Karte verspricht Spannung, das Gericht serviert milde Wohlfühlküche. Etwas eindimensional und was die fein geschnittenen Kräuterseitlinge betrifft: radikal geschmacksarm.
Erst das Bavette mit Brokkoli und Café de Paris Hollandaise lässt kurz aufatmen. Schön, dass es hier überhaupt dieses gute Stück Flanksteak gibt (aus dem Bauchlappen unterhalb des Rinderfilets), doch auch hier dominiert geschmackliche Zurückhaltung und das Ergebnis entspricht nicht ganz den Erwartungen.
Zum Glück gab’s Dessert
Und zwar gleich zwei. Das erste: gefrorener Weizengrieß mit Erdbeeren – kühl, zart und auf einem glänzenden Spiegel aus Erdbeersauce angerichtet. Die Texturen spielen schön zusammen, der Grieß ist samtig, die Säure der Beeren sorgen für Balance, und optisch ist das Ganze fein sommerlich abgestimmt. Das zweite Dessert: Zwiebel, Mandel, weiße Schokolade. Klingt freaky, ist es auch. Merkwürdig – im besten Sinne.
Fazit: Atmosphärisch ist das Lokal durchaus gelungen. Man spürt, dass hier jemand eine Vision hatte. Nur auf dem Teller fehlt dieser Anspruch noch. Die Gerichte sind ordentlich, aber vorsichtig. Die eindeutige Handschrift der Küche fehlt (noch). Noch ist Soft Opening. Das merkt man, verzeiht man aber auch. Vielleicht braucht’s einfach noch ein bisschen Zeit, bis auch der Teller so merkwürdig wird wie das ganze Lokal.