Schweizerisch-österreichische Reifeprüfung
Große Weine sind immer lagerfähig und die Lagerfähigkeit wiederum kann ein Hinweis sein auf die Größe eines Weines. Diese Aussage untermauerte ein Walliser Heida bei einer Verkostung in Zürich jüngst eindrücklich.
Schon die Ankündigung der Verkostung hatte epischen Charakter: Unter dem Titel »3 Winzer - 4 Dekaden« präsentierten der Walliser Winzer Chosy Chanton, sowie dessen österreichische Kollegen Michael Gross (Steiermark) und Franz-Josef Gritsch (Wachau) Weine aus vier Jahrzehnten. Es gab vier Flights mit je einem Wein der Winzer aus den 10er-, den 0er-, den 90er- und den 80er-Jahren. Eine Vertikalverkostung wie diese – mit teilweise mehr als zehn Jahren Unterschied zwischen den Weinen – ist der ultimative Härtetest für einen Wein und seinen Macher. Gelingt die Reifeprüfung, gilt der Wein als groß, gelingt sie nicht, wird im besten Fall peinlich berührt geschwiegen. So viel vorab: Zum Schweigen hatte an diesem Tag in Zürich niemand einen Grund.
Bei den Gewächsen handelte es sich ausschließlich um Weißweine – Heida aus dem Wallis, Wachauer Grüner Veltliner und Sauvignon Blanc aus der Steiermark. Die Meinung, dass trockene Weißweine zur Reifung nicht geeignet wären, hält sich bis heute hartnäckig. Chanton, Gross, Gritsch und Andreas Etter, der die drei Winzer mit seiner Firma Jeroboam in der Schweiz vertritt, bewiesen an diesem Tag einmal mehr das Gegenteil.
Insbesondere bei den Weinen aus der Dekade von 1990 bis 2000 kam man ums Schwärmen kaum herum. Der Sauvignon Blanc Nussberg 1992, der noch Michael Gross’ Vater Alois gekeltert hatte, begeisterte mit seiner mineralisch-reifen Art, seinen blumigen Noten und dem weichen, harmonischen Gaumeneindruck. Der Grüner Veltliner Singerriedel aus demselben Jahr wirkte fast jugendlich-frisch, da laut Franz-Josef Gritsch damals in der Wachau noch weniger reif geerntet wurde - ein schlanker, honigduftiger Veltliner der eleganten Art.
Und dann war da noch der Heida. Chosy Chanton kultivierte die Sorte, die aus dem französischen Jura stammt und dort Savagnin heißt schon lange vor dem großen Anbauboom der letzten Jahre. »Zuerst war er nur im Oberwallis, vor allem zwischen Visp und Visperterminen zu finden«, erzählt Chanton. Vor einigen Jahren dann degustierte er mit Unterwalliser Kollegen einen 1997er. »Für viele war es unglaublich, dass wir einen so lagerfähigen Weißwein bei uns machen können.« Dieses Erlebnis hat den Boom des Heida im Wallis befeuert, heute hat fast jedes Weingut einen im Sortiment. Nach der Verkostung des 1996ers von Chanton in Zürich ging es uns ähnlich wie den Unterwalliser Winzern: Einen mehr als 20 Jahre gereiften Walliser Wein mit so viel Frische, Komplexität und Mineralik hatten wir bis heute noch nie im Glas.