Bier: Herber Spiegel der Gesellschaft
Bier fungiert nicht nur als Durstlöscher – es offenbart sich auch als präziser Seismograph gesellschaftlicher Strömungen. Die wachsende Beliebtheit alkoholfreier Varianten oder die Renaissance traditioneller Bierstile zeugen eindrucksvoll von dieser besonderen Eigenschaft. Falstaff geht dem Phänomen auf den Grund – und liefert die besten Food-Pairing-Tipps zum Bier.
Die Zeiten für Brauereien waren auch schon rosiger – nicht nur, aber auch in der Schweiz. Wie der Brauereiverband Ende 2024 mitteilte, sank der Bierabsatz im Braujahr 2023/2024 um 1,6 Prozent. Erstmals seit Messbeginn konsumierte die Schweizer Bevölkerung weniger als 50 Liter Bier pro Kopf und Jahr – 1990/91 waren es noch 71 Liter. Für den aktuellen Rückgang nennt der Brauereiverband mehrere Gründe: Gestiegene Energiepreise, höhere Lebenshaltungskosten, ungünstige Wetterbedingungen und die unsichere globale Sicherheitslage hätten den Bierkonsum gedämpft – zudem seien Nachwirkungen der Corona-Massnahmen noch immer spürbar.
Hinzu komme die «No-Safe-Level»-Debatte der WHO, die in Verbindung mit dem bemerkenswerten Erfolg alkoholfreier Biere steht. Während der Absatz traditioneller Biere kontinuierlich sinkt, verzeichnete das alkoholfreie Segment einen Zuwachs von 12 Prozent im Zeitraum vom 1. Oktober 2023 bis 30. September 2024. Der Marktanteil alkoholfreier Biere am gesamten Biermarkt in der Schweiz liegt inzwischen bei sieben Prozent – 2010 waren es noch keine 2,5 Prozent.
Der Einsatz von Getreide verbindet! Pizza oder Pinsa begleitet ein klassisches Lager umso besser, je milder der Belag ist («Pizza Margarita»). Deftigere Versionen, etwa mit Prosciutto oder Salami, verlangen nach «Dark Lager».
Die Analysen des Brauereiverbandes zu den aktuellen Entwicklungen und deren gesellschaftlichen Ursachen sind umfassend und grösstenteils nachvollziehbar. Im Umkehrschluss lässt sich feststellen: Anhand der Entwicklungen auf dem Biermarkt lassen sich auch gesellschaftliche Tendenzen ablesen – ein Phänomen, das keineswegs neu ist. Doch warum eignet sich gerade Bier als soziologisches Barometer, während Wein, Mineralwasser oder Kaffee dieses Potenzial weniger stark entfalten?
Bodenständiges Bier
Selbstverständlich spiegeln auch andere Getränke- und Wirtschaftsbereiche gesellschaftliche Entwicklungen wider. So eignen sich durchaus auch der Wein- oder Kaffeemarkt für solche Betrachtungen. Trends wie Specialty Coffee, Natural Wine und Craft Beer basieren letztlich alle auf derselben Sehnsucht nach Einzigartigkeit und Authentizität. Dennoch gibt es mehrere Gründe, warum Bier als gesellschaftlicher Indikator besonders aussagekräftig ist: Entscheidend ist sicherlich, dass Bier in allen Bevölkerungsschichten konsumiert wird – ein bodenständiges Genussmittel, das seit jeher eng mit kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen verknüpft ist.
Bier zählt zu den ältesten von Menschen hergestellten Getränken überhaupt. Die frühesten archäologischen Nachweise für Bierbrauen stammen aus der Raqefet-Höhle in Israel, wo rund 13.000 Jahre alte Spuren bierähnlicher Getränke entdeckt wurden, vermutlich für rituelle Zwecke hergestellt. Bereits vor Jahrtausenden war Bier somit ein wesentlicher Bestandteil kultischer und sozialer Rituale. Während es in früheren Zeiten wahrscheinlich eher privilegierten Schichten vorbehalten war, entwickelte es sich im Laufe der Zeit zum Massengetränk und wurde dadurch zu einem wichtigen Medium sozialer Interaktion.
In der Schweiz wurden über Jahrzehnte hinweg Meinungen am Stammtisch bei einer oder mehreren «Stangen» ausgetauscht. Man diskutierte, stritt oder besiegelte auch mal einen Vertrag per Handschlag. Diese Funktion des Biers als Katalysator sozialer Kontakte hat sich seit den 1990er-Jahren drastisch gewandelt und findet heute vorwiegend im privaten Bereich statt. Die traditionellen Stammtische kennt man in den meisten Regionen nur noch aus Erzählungen. Wer heutzutage ein Problem hat, trägt dieses seltener in ein Lokal und damit in die Öffentlichkeit, sondern sucht individuelle Lösungswege – auch dies ein Zeichen unserer Zeit: Individualität steht für viele Menschen so stark im Mittelpunkt wie nie zuvor.
Gesundheitsbewusste Generation Z
Die sich wandelnden Konsumgewohnheiten werden in der Genusswelt derzeit intensiv diskutiert – im Fokus steht insbesondere die Generation Z, also jene Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden. Ihr ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein gilt als massgeblicher Faktor für den Erfolg alkoholfreier und alkoholreduzierter Biere. Häufig übersehen wird dabei, dass diese Generation gleichzeitig grossen Wert auf Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit und Authentizität legt. Dies wiederum könnte erklären, warum Produkte mit authentischen Werten und traditionelle Bierstile momentan eine Renaissance erleben.
Das Münchner Helle aus Deutschland beispielsweise befindet sich international auf Erfolgskurs, ebenso wie Schweizer Brauereien, die genau diese Werte verkörpern. Hierzu zählen etwa die traditionelle St. Galler Brauerei Schützengarten, die sich erfolgreich mit dem Label Slow Brewing positioniert, oder die Brauerei Pilgrim, die mit ihren Spezialitätenbieren aus der einzigen Klosterbrauerei der Schweiz bewusst auf traditionelle Werte setzt. Beide Brauereien präsentierten ihre Erzeugnisse erfolgreich bei der Falstaff- Bier-Trophy 2025, die einen Überblick über das Schaffen von Brauereien in Österreich, Deutschland und der Schweiz gibt.
Auch im grösseren Massstab ist die Rückbesinnung auf traditionelle Stile und Geschmacksrichtungen deutlich erkennbar. Die lange Zeit boomende Kategorie IPA spielte bei der Austragung 2025 eine nahezu untergeordnete Rolle. Dies dürfte allerdings nicht ausschliesslich auf veränderte Konsumgewohnheiten zurückzuführen sein, sondern auch auf die Situation am Rohstoffmarkt: Hopfen gilt als teuerste Bierzutat, und gerade für kleinere Brauereien ist die Beschaffung besonderer aromatischer Hopfensorten für IPAs und ähnliche Bierstile zunehmend schwierig und kostspielig geworden.
Die Schweiz scheint in diesem Bereich jedoch gut aufgestellt zu sein: Im Vergleich zu den benachbarten deutschsprachigen Ländern sind hierzulande sowohl die Verfügbarkeit als auch die Qualität dieser Bierstile nach wie vor erstklassig. Dies belegen einige der bestbewerteten Biere der diesjährigen Wettbewerbe, darunter die hocharomatischen, naturtrüben IPAs in den markanten Dosen der Zürcher Brauerei Tingel Tangel Beer, die Kreationen der Brauerei im Berg aus Weisslingen im Zürcher Oberland oder die Spezialitäten der Brauerei Hopfenfisch aus Neftenbach bei Winterthur.
Nachhaltigkeit als Zukunftstrend
Als übergreifender Trend im Biersektor gilt gegenwärtig das verstärkte Engagement für Nachhaltigkeit – sowohl bei Grossbrauereien als auch bei kleineren Produzenten weltweit. Dieser Wandel manifestiert sich im wachsenden Angebot an Biobieren, der Optimierung von Produktionsmethoden sowie innovativen Ansätzen wie dem Upcycling von Brauabfällen – ein Bereich, in dem Schweizer Brauereien, wie zum Beispiel Locher mit ihren Brewbee-Produkten, eine Vorreiterrolle einnehmen.
Diese Entwicklungen verdeutlichen: Schweizer Brauereien erweisen sich als innovativ und anpassungsfähig, gleichzeitig sind sie bestens gerüstet für kommende Herausforderungen – sei es durch ihren Fokus auf Regionalität oder durch die gelungene Verbindung von Tradition und Moderne. So bleibt das Hopfengetränk auch in Zukunft ein zuverlässiger Spiegel gesellschaftlicher Strömungen und ein kulturelles Gut, das weit mehr ist als nur ein erfrischendes Getränk.