Die Jagd und die Ethik
Über die moderne Jagd und wann das Tier zum Objekt zu werden droht.
Während viele sie als gewissenhaften Umgang mit der Natur betrachten, sehen andere in ihr einen Eingriff in die Natur, der mit den ethischen Werten kaum vereinbar sei: die Jagd. Einst war sie die essenzielle Lebensgrundlage, das erlegte Tier wurde zur Gänze verarbeitet: das Fleisch als Nahrungsquelle, das Fell zum Schutz vor Kälte, die Knochen für Werkzeuge und Waffen.
Nun ist der Mensch aber längst kein Jäger und Sammler mehr, der seine Mahlzeiten selbst erlegen müsste. Kein Wunder also, dass die Jagd heute mitunter skeptisch gesehen wird. Der Verein Grünes Kreuz lud zu einem runden Tisch, um über das Bild der Jägerschaft zu diskutieren und wie sich Ethik und moderne Jagd vereinbaren lassen.
Der Eingriff in die Natur
»Die Natur reguliert sich selbst.« Der Satz, der Miroslav Vodnansky, Wildtierökologe und Vize-Präsident des Vereins, am meisten ärgert, wenn er als Argument gegen die Jagd fällt. Denn diese Selbstregulierung geschieht bei überhöhten Beständen vor allem durch Hunger und Krankheiten, was für die betroffenen Tiere meist einen qualvollen Tod bedeutet. Dem beugt die Jagd vor, dämmt Seuchen und Krankheiten ein. Die Natur sich selbst zu überlassen, ist also mit viel Tierleid verbunden. Die Jagd, sagt Vodnansky, ist ein Eingriff in die Natur und die Tierwelt, aber sie trage zur Erhaltung des Öko-systems bei. Die Jagd ist also kein reines Hobby, mit ihr gehen viele Aufgaben und Verantwortungen einher. Hier kommt der sogenannte »Jagd-Kodex« ins Spiel. Er regelt den verantwortungsvollen Umgang mit Wildtieren und der Natur. Darin sind nicht nur gesetzliche, sondern auch moralische Grundsätze festgehalten.
Hüter oder Regulator
An oberster Stelle steht das Tierwohl. Jeder Jäger verpflichtet sich dazu, Wildtiere mit Respekt zu behandeln, es nur dann zu erlegen, wenn es notwendig und gerechtfertigt ist – und dabei darauf zu achten, dass das Tier nicht unnötig leidet. Ebenfalls verankert ist der Erhalt der Lebensräume. Die Jagd soll der Regulierung von Beständen dienen, damit das ökologische Gleichgewicht gewährleistet wird.
Dazu gehört auch, dass sich Jäger als Hüter der Natur verstehen und als solche Lebensräume pflegen, Flora und Fauna schützen und invasive Arten bekämpfen. »Früher wurde über den Jäger oft gesagt: Er ist ein Anwalt der Natur. Jetzt wird er verstärkt in die Funktion eines Regulators gedrängt. Er widmet sich den Aufgaben, die Forstwirtschaft, Landwirte und die Gesellschaft von ihm erwarten. Und ja – auch das um jeden Preis. Aber so sollte es nicht sein, denn so besteht die Gefahr, dass das Wild als wertgeschätztes Lebewesen auf der Strecke bleibt«, sagt Vodnansky.
Das Technik-Dilemma
Im Laufe der Zeit haben sich die technischen Hilfsmittel für die Jagd erheblich weiterentwickelt. Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras oder Drohnen erleichtern es, auch in der Dunkelheit Tiere zu erlegen. »Technik schafft Distanz und durch diese Distanz kann es leicht passieren, dass das Tier entnaturalisiert wird. Wenn das passiert, geht die respektvolle Beziehung zum Wildtier verloren«, erklärt Vodnansky.
Tiere würden zunehmend als Objekte wahrgenommen und das Schießen rücke in den Vordergrund. Kritisch sieht Vodnansky den Einsatz solcher Technik auch im Hinblick auf das Tierwohl, speziell die gestörte Nachtruhe. Die Jagd dürfe nicht zu der reinen Wildbestandsregulation verkommen. Man dürfe nicht das Wertvollste verraten, was man habe – den moralischen Kompass gegenüber dem Wildtier.
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