Josef Pröll im Interview: »Der Schuss ist der kürzeste Teil des Handwerks«
Niederösterreichs Landesjägermeister Josef Pröll über die steigende Beliebtheit der Jagd, rücksichtslose Wanderer und deliziöse Feldhasen.
Schon in seiner Jugend in Niederösterreich, erzählt Josef Pröll, sei die Jagd fixer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens im Dorf gewesen. Während des Studiums erwachte auch in ihm die Leidenschaft und er legte die Jagdprüfung ab. Heute vertritt er (seit mittlerweile fast 15 Jahren) als niederösterreichischer Landesjägermeister die Interessen von rund 37.000 Jägerinnen und Jägern. Das nötige politische Gespür, das Pröll als einstiger Vizekanzler, Finanzminister und ÖVP-Chef mitbringt, kann da nur helfen.
Falstaff: Erst unlängst sorgte ein westösterreichischer Politiker für negative Schlagzeilen – nicht politischer, sondern jagdlicher Natur. Schaden derartige Vorkommnisse dem Image der Jäger?
Josef Pröll: Die Jagd kommt durch solche Dinge in die öffentliche Diskussion. Dieser Diskussion stellen wir uns, wir haben nichts zu verbergen. Österreichweit gibt es 120.000 Jäger, in Niederösterreich haben wir erstmals die 37.000er-Marke geknackt. Ich bin lange genug in der Politik gewesen und in der Wirtschaft tätig, um zu wissen, dass sich unter eine so große Gruppe auch immer auffällige Persönlichkeiten mischen. Das muss man aushalten. Ich betone die positiven Aspekte: Wir sind eine stark wachsende Gruppe, die eine wichtige Aufgabe in der heimischen Kulturlandschaft übernimmt.
Die Zahl der Jäger wächst. Muss man in das Wehklagen jener, die das schlechte Image der Jagd beklagen, also gar nicht einstimmen?
Nein. Man muss sich keine Sorgen um uns machen. Wenige Bevölkerungsgruppen, die eine Aufgabe in unserer Gesellschaft übernehmen, können auf eine so lange, eigentlich jahrtausendealte Tradition zurückblicken wie wir Jäger. Der Mensch war Jäger, bevor er Bauer war. Früher ging es um die Nahrungsbeschaffung, die ohne uns Jäger nicht denkbar war. Heute haben wir ganz andere Aufgaben, für die sich glücklicherweise immer mehr Menschen faszinieren. Wir werden immer weiblicher und immer jünger. Da darf man selbstbewusst kommunizieren, was wir jeden Tag leisten.
Worin liegen denn nun aktuell die wichtigsten Aufgaben des Jägers?
Ich lebe seit dem Studium in der Stadt und bin auch ein leidenschaftlicher Städter geworden. Hier höre ich oft einen Satz: »Ihr schießt's ja das Wild.« Töten und erlegen – diese Begriffe ordnen die Menschen also der Jägerschaft zu. Wir Jäger hingegen wissen, dass 99 Prozent des Jäger-Seins nichts mit dem Abschuss zu tun haben: Es geht um die Hege und das Beobachten des Wildes und des Reviers, um die Frage der winterlichen Notfütterung, um den Umgang mit Krankheitsfällen. Die Jagd bietet das ganze Jahr über eine erfüllende Aufgabe in der Natur. Der Moment des Erlegens ist der kürzeste Teil unseres Handwerks.
Der Jagdverband NÖ widmet sich besonders dem Thema Biodiversität. Weshalb?
Wir sind dem Wild verpflichtet – das ist unsere Kernkompetenz. Aber wer dem Wild verpflichtet ist, muss sich auch überlegen, welche Herausforderungen sich daraus ergeben. Und da sehen wir: Es geht um intakte Lebensräume. Wir merken, dass sich die Natur verändert. Wir haben riesige Kalamitätsschäden durch den Borkenkäfer. Durch den Klimawandel kommt es zum Ansteigen der Baumgrenzen und zur Umstellung der Baumarten, das ist eine Herausforderung für die Waldwirtschaft. Das alles – bin hin zu Hochwassern – hat Auswirkungen auf das Wild. Daher müssen wir Jäger uns um klimafitte Wälder bemühen und gemeinsam mit den Landwirten agieren. Auch, indem wir Biodiversitätsstreifen in der Landwirtschaft schaffen, die dem Wild als Rückzugsräume dienen. Ohne diese Neugestaltung der Lebensräume hat das Wild keine Zukunft. Mit unserer Kampagne wollen wir die breite Öffentlichkeit sensibilisieren, vor allem all jene Menschen, die die Wälder in ihrer Freizeit nutzen.
Mit Mountainbikern, Joggern und Wanderern im Wald haben die Jäger wenig Freude. Stimmt's?
Die Freizeitnutzer müssen ihren Beitrag zum Schutz des Wildes leisten. Man kann nicht einfach in die Lebensräume der Tiere eindringen, in der Nacht mit Stirnlampen in die Einstände der Tiere laufen oder es aus dem Winterschlaf reißen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Wir wollen niemandem gesunde Bewegung in der Natur verbieten, im Gegenteil. Aber man kann ein paar Regeln befolgen und alles ist gut: Auf den Wegen bleiben, die Hunde nicht frei laufen lassen, die Nacht Nacht sein lassen. Kurzum: Wer sich mit Vernunft in der Natur bewegt, hat schon viel geleistet. Ich merke leider immer wieder, dass nur wenige jener Menschen, die sich seit Corona aufgemacht haben, die Natur zu erobern, auch eine echte Ahnung von dieser haben. Das ist eigentlich erschreckend.
Müssen wir in Österreich Angst vor dem bösen Wolf haben?
Ich bin in Sorge, weil manche glauben, dass man die Wolfsbestände ungezügelt wachsen lassen kann – und das in einer so dicht besiedelten Kulturlandschaft, wie wir sie in Österreich haben. Ich halte es für klug, dass die EU den Schutzstatus des Wolfes senken wird.
Können Sie sich erinnern, wie bei Ihnen die Leidenschaft für die Jagd geweckt wurde?
Es war ein schleichender Prozess. Ich bin im Weinviertel auf einem Bauernhof aufgewachsen, auf dem es Landwirtschaft und Weinbau gab. Jäger gab es allerdings keine in der Familie. Dennoch war die Jagd in unserem Ort integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – mit dem Höhepunkt der Herbstjagd auf das Niederwild, mit herrlichem Wildbret. Und irgendwann, es war während des Studiums, ist auch in mir die Leidenschaft erwacht und ich habe die Jagdprüfung mit Freunden abgelegt.
Die Jagdprüfung ist nicht ganz einfach. Würden Sie sie heute noch bestehen? Oder verhält es sich wie mit der Führerscheinprüfung, vor der langjährige Autofahrer gehörig Respekt haben...
Durch die regelmäßige Auseinandersetzung mit der Jagd ist das Thema natürlich sehr präsent bei mir. Also ja, ich würde sie sicher wieder schaffen. Aber es stimmt: Die Prüfung ist mit ihren drei Säulen – Jagdpraxis und Ökologie, Jagdrecht und sicherer Umgang mit der Waffe – eine echte Herausforderung. Die Durchfallquote liegt daher auch bei 25 bis 30 Prozent pro Kurs.
Wie oft schaffen Sie es selbst, auf die Jagd zu gehen?
Meine Frau sagt, zu oft. Ich habe das dringende Bedürfnis zu sagen: Zu selten. Also wird es in Summe wohl genau richtig sein. Ich versuche jedenfalls, zwei bis drei Mal im Monat mit Freunden zur Jagd zu kommen.
Ihre schönste eigene Erinnerung an die Jagd?
Es ist keine einzelne Erinnerung. Ich liebe den Sonnenaufgang. Es ist immer wieder ergreifend, am Hochstand zu sitzen und zu erleben, wie der Tag anbricht. Wenn dann noch ein Wild austritt und man es erlegen kann, ist es ein besonderer Höhepunkt.
Hat Josef Pröll einen Rezepttipp für alle Wildliebhaber?
Ja, es gibt ein Tier, das zu Unrecht von den Wildkarten verschwunden ist. Während Reh, Hirsch und Wildschwein in der Gastronomie zum Glück allgegenwärtig sind und sogar beim Grillen immer beliebter werden, ist der Feldhase fast in Vergessenheit geraten. Das ist schade, weil er gemeinsam mit dem Rebhuhn und dem Fasan ein Markenzeichen unserer Region ist. Richtig zubereitet, ist der Feldhase eine echte Delikatesse.
Wo wird mehr gelogen: In der Politik oder nach der Jagd?
Beides probiert – ein Vergleich.
Im Einsatz für die Biodiversität
Der Jagdverband Niederösterreich will mittels Kampagne die Öffentlichkeit sensibilisieren.
Lebensräume
»Lebensräume schaffen« lautet der Titel jener Info-Kampagne, mit der der niederösterreichische Jagdverband die Öffentlichkeit für seine Arbeit sensibilisieren will: Blühflächen, Wildäcker, Bäume Sträucher und Feuchtbiotope – die Jägerinnen und Jäger schaffen alljährlich wertvollen Lebensraum für Wildtiere. Eine Arbeit, die weitgehend im Hintergrund stattfindet. Von den Hochlagen im Gebirge bis in die Niederungen im Marchfeld säen, pflanzen und pflegen die Jäger Blüh- und Stilllegungsflächen, Wildäcker, Gewässerrandstreifen und Hecken, legen aber auch Wasserstellen wie Tränken, Teiche und kleine Seen an. Davon profitieren nicht nur die verschiedensten Tierarten (vom Insekt bis hin zum großen Rothirsch), sondern auch die reichhaltige Kulturlandschaft in Niederösterreich. Für das Wild sind die Lebensräume in Notzeiten – im Winter, im Sommer während Hitzeperioden oder unmittelbar nach der Ernte – wichtige Rückzugsgebiete.
Projekte
Im Zuge der »Wildökolandaktion« wurden seit 1967 rund 4200 Projekte umgesetzt. Dabei wurden auf 1.683 Hektar rund 3,65 Millionen Sträucher und Bäume gepflanzt. Das entspricht in einer Reihe ausgepflanzt der Wegstrecke von Wien nach Athen. Langfristige Maßnahmen setzen die Jägerinnen und Jäger auch in den Niederwild-Versuchsrevieren des NÖ Jagdverbands sowie in zahlreichen anderen Niederwildrevieren in Niederösterreich. Ziel ist es hier, nachhaltige Maßnahmen zu setzen, um Lebensräume zu schaffen und das Niederwild ausreichend mit natürlicher Äsung und Wasser zu versorgen. Ein wesentlicher Punkt in den Niederwild-Versuchsrevieren ist die wissenschaftliche Begleitung der gesetzten Maßnahmen. Dadurch profitieren auch andere Reviere von den gewonnenen Erkenntnissen.