«Garda Wine Stories»: Garda DOC blickt auf die Zukunft des Weinkonsums
Bei den «Garda Wine Stories» diskutierte das Konsortium Garda DOC mit internationalen Expert:innen über Weine mit niedrigem natürlichem Alkoholgehalt, neue Exportchancen und die Zukunft einer Herkunftsbezeichnung, die mehr zu bieten hat, als viele erwarten.
Vom 4. bis 5. Juni 2026 fanden an den Ufern des Gardasees die «Garda Wine Stories» statt: zwei Tage mit Seminaren, Verkostungen und Gesprächen zwischen der Dogana Veneta in Lazise und der Rocca di Lonato del Garda. Teilgenommen haben Expert:innen aus London, München und Wien. Im Mittelpunkt stand ein Thema, das die internationale Weinwelt zunehmend beschäftigt: Weine mit niedrigem natürlichem Alkoholgehalt und ihre Rolle in der Zukunft des globalen Konsums.
Die mutigste Herkunftsbezeichnung
Der Vorsitzende des Konsortiums Garda DOC, der Önologe Paolo Fiorini, eröffnete die Veranstaltung am 4. Juni mit Zahlen, die die Dynamik der Herkunftsbezeichnung zeugen. Seit der Reform 2016 ist die Produktion von gut zehn Millionen auf über 23 Millionen Flaschen im Jahr 2025 gestiegen. Angeführt wird Garda DOC vom Pinot Grigio mit 8,1 Millionen Flaschen. Besonders grosses Potenzial sieht Fiorini jedoch im Garda Bianco, dessen Absatz von 800.000 Flaschen im Jahr 2022 auf zwei Millionen Flaschen im Jahr 2025 wuchs. Insgesamt entfallen 89 Prozent der Produktion auf weisse Rebsorten, verteilt auf 2358 Hektar gemeldete Rebfläche.
Internationales Interesse weckt vor allem eine Neuerung: Ab der Weinlese 2025 ist Garda DOC die erste italienische DOC, die Weissweine mit einem natürlichen Alkoholgehalt von neun Volumenprozent zulässt – ohne Entalkoholisierung. Möglich wird dies durch gezielte Arbeit im Weinberg, insbesondere mit Garganega, einer spät reifenden Rebsorte. Die Anpassung der Produktionsvorschriften könnte damit auch für den italienischen Weinbau neue Wege öffnen.
Wir müssen mutiger sein als andere Herkunftsbezeichnungen. Wir müssen neue Produkte anbieten und die Marke stärken, denn wenn wir als Herkunftsbezeichnung nicht stark genug sind, wird der Markt versuchen, uns vom Markt zu verdrängen.
– Paolo Fiorini, Präsident des Konsortiums
NoLo oder «natürlich leicht»: Das ist nicht dasselbe
Professor Eugenio Pomarici von der Universität Padua machte deutlich, dass Produkte mit niedrigem oder keinem Alkoholgehalt oft ähnlich wirken, sich technisch und rechtlich aber stark unterscheiden. Entalkoholisierte Weine dürfen unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin als Wein gelten. Getränke auf Basis von entalkoholisiertem Wein hingegen dürfen diese Bezeichnung nicht tragen. Eine eigene Kategorie bilden Weine mit niedrigem natürlichem Alkoholgehalt: Sie werden nicht entalkoholisiert, sondern entstehen durch gezielte Entscheidungen im Weinberg.
Genau hier positioniert sich Garda DOC mit seinen neuen Weissweinen mit neun Volumenprozent Alkohol. Sie bewahren alkoholische Gärung, Herkunft und Identität – und unterscheiden sich damit klar vom klassischen NoLo-Segment. Dieses wächst zwar international, bleibt aber eine Nische: In Italien macht es weniger als 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes aus, während die Anteile in Deutschland, den USA und Grossbritannien deutlich höher liegen. Hinzu kommt, dass Entalkoholisierung teuer und energieintensiv ist. Für Garda DOC ist der Weg über natürlich leichtere Weine deshalb auch eine wirtschaftlich interessante Alternative.
Drei Stimmen aus Europa
Das internationale Podium zeigte, wie unterschiedlich Europas Märkte auf leichte Weine blicken. Patrick Schmitt, Chefredakteur von The Drinks Business und Master of Wine, verwies auf Grossbritannien, wo Wein seit Februar 2025 stärker nach Alkoholgehalt besteuert wird. Weine unter 9 Volumenprozent sind dadurch wirtschaftlich interessanter geworden. «Bei einem Wein mit neun statt 13 Volumenprozent spart der Einzelhandel fast ein Pfund an Steuern – und dieses Pfund macht im Regal den Unterschied», sagte Schmitt. Entscheidend bleibe jedoch die Qualität: Wer Garda DOC wegen des Preises probiere, müsse auch geschmacklich überzeugt werden.
Alessandra Piubello, Wein- und Gastronomiejournalistin sowie Autorin bei Decanter, sieht die Entalkoholisierung kritisch, weil sie dem Wein sensorische Substanz nehmen könne. Gerade deshalb erkennt sie in natürlich leichten Weinen eine Chance für Italien – gestützt auf spät reifende Rebsorten wie Garganega, Greco, Catarratto, Grillo, Vermentino oder Caricante. Voraussetzung seien ein klares önologisches Konzept und hochwertige Trauben.
Karin Eymael vom Meininger Verlag beschrieb Deutschland als rückläufigen Weinmarkt, der sich vorsichtig für leichtere Weine öffnet. Wichtig sei eine klare Abgrenzung zwischen technisch entalkoholisierten Produkten und von Natur aus leichten Weinen. Zudem treffe Garda DOC dort auf eine etablierte Tradition leichter Weine, etwa Mosel-Kabinette mit sieben bis 11,5 Volumenprozent.
La Rocca di Lonato: Verkostung und strategische Erweiterung
Am Nachmittag des 4. Juni verlagerte sich das Programm von der Dogana Veneta zur Rocca di Lonato del Garda, einer mittelalterlichen Festung mit Blick auf Dorf und Moränenhügel. In der «Casa del Podestà» präsentierten Winzer der Herkunftsbezeichnung bei einer Walk-around-Verkostung die Vielfalt von Garda DOC: von internationalen bis zu autochthonen Rebsorten, von stillen Weissweinen bis zu Schaumweinen nach klassischer Methode.
Der anschliessende Aperitif mit Produkten wie Montasio DOP, Salame di Varzi DOP und Prosciutto Crudo di Cuneo DOP leitete zum offiziellen Teil des Abends über: der Bekanntgabe der Aufnahme von Castenedolo in das Produktionsgebiet von Garda DOC. Die Gemeinde in der Provinz Brescia erweitert die Herkunftsbezeichnung um rund 90 Hektar Moränenhügel und bringt eine Weinbautradition mit, die besonders mit der Schaumweinproduktion verbunden ist. Für Garda DOC bedeutet die Erweiterung einen strategischen Schritt, der auch das neue Crémant-Projekt stärkt
Die Garganega im Mittelpunkt
Am 5. Juni stand in der Dogana Veneta in Lazise die Rebsorte Garganega im Zentrum einer Fachverkostung, moderiert von Weinexpertin Sissi Baratella. Die Sorte gilt als besonders vielseitig: Sie eignet sich für frische Weissweine ebenso wie für Schaumwein, Holzfassausbau oder Passito und zeigt je nach Herkunft sehr unterschiedliche Facetten.
Im Fokus standen die ersten beiden Garda-DOC-Weine mit niedrigem natürlichem Alkoholgehalt, die der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Der «Cadis 1898» der Cantina di Soave, überwiegend aus Garganega mit einem Anteil Pinot Grigio, zeigt sich geradlinig und frisch. «La Morenella» von Montezovo kombiniert Garganega aus dem Moränenamphitheater von Rivoli mit Chardonnay aus Höhenlagen bei Spiazzi und wirkt runder und fruchtbetonter.
Diese Weine hätten wir vor fünfzehn Jahren nicht herstellen können. Der Klimawandel hilft uns in diesem konkreten Fall.
– Paolo Fiorini, Präsident des Konsortiums
Die Anzahl der unter der DOC-Bezeichnung zertifizierten Flaschen mit niedrigem natürlichem Alkoholgehalt beläuft sich heute auf etwa 30.000 Stück, die sich auf die beiden Pionierhersteller verteilen. Eine noch geringe Zahl, doch die Richtung ist vorgezeichnet.
Garda DOC 360: Wein aus der Tiefe
Die Abschlusssitzung nahm eine unerwartete Wendung: Dario Boschetto, Ausbilder für Tieftauchen, führte die Gäste durch eine kurze Meditation über Licht, Wasser und Luft am Gardasee. Der Moment der Stille war jedoch kein Selbstzweck, sondern der Auftakt zum Projekt «Garda DOC 360». Damit will das Konsortium die Herkunftsbezeichnung über ihre weniger bekannten Facetten erzählen: die Tiefe des Sees, die Winde, die botanische Vielfalt des Monte Baldo – und einen Metodo Classico Garda DOC, der künftig in den Tiefen des Gardasees reifen soll.
Eine erste symbolische Probe gab es bereits im Januar, als Sissi Baratella gemeinsam mit einem Freitaucher Magnumflaschen im eiskalten Wasser des Sees deponierte und später wieder an die Oberfläche brachte. Die Muscheln auf dem Etikett wurden zum sichtbaren Zeichen dieses Experiments. Die erste Flasche ging an Apnoe-Weltmeister Umberto Pellizzari. 2027 soll der Crémant im Zentrum der Kommunikationskampagne stehen: als Wein, der in der Flasche nachgärt, in der Tiefe reift und wieder auftaucht.