Kochbuchautorin Jane Nshuti: »Afrikanische Küche war schon immer pflanzenbasiert«
Die Kochbuchautorin Jane Nshuti beschreibt sich im Gespräch mit Falstaff selbst als »Geschichtenerzählerin über Essen und Vermittlerin afrikanischer Esskulturen«.
Das neue Buch der Kochbuchautorin Jane Nshuti ist aus persönlichen Erinnerungen entstanden: Nachdem sie ihre Heimat Ruanda verlassen hatte und nach Südafrika zog, begann sie, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Dabei fiel ihr auf, dass Essen in jeder Phase ihres Lebens eine Rolle spielte. Aus diesen Notizen entwickelte sich schließlich ein Kochbuch. Darin sammelt sie nicht nur Rezepte, sondern auch Geschichten über Migration, Identität und die kulinarische Vielfalt eines ganzen Kontinents. Falstaff hat sich mit ihr über ihr neues Buch unterhalten.
Falstaff: Frau Nshuti, verraten Sie uns: Wie kam die Idee für das Kochbuch zustande?
Jane Nshuti: Ich begann damit, alles aufzuschreiben, was ich erlebt habe, seit ich meine Heimat Ruanda verlassen und nach Südafrika gezogen bin. Während ich schrieb, bemerkte ich etwas Schönes: Essen war in jedem Kapitel meiner Reise präsent. Jede Erinnerung, jede Phase meines Lebens war irgendwie damit verbunden. Noch bevor ich es richtig bemerkte, wurden diese Tagebucheinträge zu einem Buch.
Afrika ist ein riesiger Kontinent mit mehr als 50 Ländern und tausenden kulinarischen Traditionen. Kann man überhaupt sinnvoll von »afrikanischer Küche« sprechen oder ist das bereits eine westliche Vereinfachung?
Ja, man kann von »afrikanischer Küche« sprechen – aber nur, wenn man sich der Vielfalt bewusst ist. Afrika ist kulturell, historisch und kulinarisch unglaublich divers. Viele Länder teilen ähnliche Zutaten, etwa aufgrund geografischer Bedingungen oder historischer Handelsbeziehungen. Doch die Art und Weise, wie diese Zutaten zubereitet, gewürzt und gegessen werden, unterscheidet sich von Region zu Region stark. Der Begriff »afrikanische Küche« wird zur Vereinfachung, wenn er diese Vielfalt ausblendet. Gleichzeitig kann er aber auch ein Ausgangspunkt sein – eine Einladung, die kulinarische Vielfalt des Kontinents zu entdecken. Mein Buch versucht nicht, afrikanisches Essen in eine einzige Erzählung zu pressen. Stattdessen zeigt es die Vielfalt unserer Kulturen und Küchen und feiert sowohl das, was uns verbindet, als auch das, was jede Region einzigartig macht.
Welche Unterschiede zwischen ost-, west-, nord- und südafrikanischen Esskulturen sind Ihnen bei der Arbeit am Buch besonders aufgefallen? Vor allem in Bezug auf pflanzenbasierte Traditionen?
Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie stark pflanzenbetont afrikanische Küche ursprünglich ist. Unsere Eintöpfe basieren auf Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchten und Gewürzen, Fleisch wird häufig nur für zusätzlichen Geschmack oder zu besonderen Anlässen hinzugefügt. Gleichzeitig sind die regionalen Unterschiede faszinierend. In Ostafrika findet man viele Linsen, Kokosnuss und fermentierte Getreideprodukte. In Westafrika bilden Hülsenfrüchte, Blattgemüse und komplexe Gewürzmischungen die Grundlage vieler Gerichte. Die nordafrikanische Küche arbeitet viel mit Hülsenfrüchten, Oliven und aromatischen Gewürzen. Im südlichen Afrika spielen Mais, Wildgemüse und saisonale Produkte eine große Rolle.
Viele Leser:innen verbinden vegane Küche mit einem modernen Lebensstil. Wie tief sind pflanzenbasierte Gerichte in afrikanischen kulinarischen Traditionen verwurzelt?
Pflanzenbasierte Ernährung ist in Afrika nichts Neues. Sie war immer Teil unserer Esskultur. Für viele unserer Vorfahren war Fleisch kein alltägliches Lebensmittel. Der Alltag bestand aus dem, was Menschen selbst anbauten oder sammelten. Das Leben folgte dem Rhythmus der Landwirtschaft, und das Essen spiegelte diesen Rhythmus wider. Erst mit der Modernisierung wurde Fleisch zunehmend zum zentralen Bestandteil vieler Mahlzeiten. Wenn heute vegane Ernährung als moderner Lifestyle-Trend gesehen wird, wird oft übersehen, dass viele afrikanische Gerichte schon immer im Kern pflanzenbasiert waren.
Wie haben Kolonialgeschichte, Handelsrouten und Migration das geprägt, was wir heute als afrikanische Küche verstehen?
Eine der schönsten Eigenschaften der Menschheit ist unsere Fähigkeit, voneinander zu lernen und uns anzupassen. Wenn man sich die afrikanische Küche heute ansieht, erkennt man deutlich die Spuren von Handel, Migration und kolonialer Geschichte. In Ostafrika etwa – wo ich herkomme – ist der indische Einfluss stark spürbar, vor allem wegen der Handelsrouten über den Indischen Ozean. Gerichte wie Pilau oder Chapati haben ihre Wurzeln in der indischen Küche, wurden aber über die Zeit an lokale Zutaten und Geschmäcker angepasst und sind heute fest Teil der ostafrikanischen Küche. Auch koloniale Einflüsse sind sichtbar. In Kenia etwa wurde die Tradition des Nachmittagstees während der britischen Kolonialzeit eingeführt und ist heute Teil der lokalen Kultur geworden.
Was war Ihr persönlicher Einstieg in die pflanzenbasierte Küche?
Mein Einstieg ins Kochen war gleichzeitig mein Einstieg in die pflanzenbasierte Küche. Ich habe kochen gelernt, weil ich es musste – in einer schwierigen Phase meiner Kindheit. Wenn wir uns Essen leisten konnten, war es meistens pflanzenbasiert. In gewisser Weise habe ich mich also nicht bewusst für pflanzenbasches Kochen entschieden, es war einfach das, was das Leben mir gegeben hat. Beim Kochen mit pflanzlichen Zutaten lernt man vor allem eines: Intentionalität. Wenn Fleisch nicht das Zentrum eines Gerichts ist, muss man Geschmack, Textur, Gewürze und Balance viel genauer verstehen. Man wird aus der Not heraus kreativ. Manchmal frage ich mich: Wenn ich mit Fleisch als Grundlage zu kochen begonnen hätte – hätte ich dieselbe Kreativität entwickelt? Ich bin mir nicht sicher.
Tamu: Das vegane Afrika-Kochbuch
Jane Nshuti
Prestel Verlag, 2026
256 Seiten
ISBN: 978-3-7913-9166-3
Preis: [DE] 32,00 € [inkl. MwSt.] | [AT] 32,90 € | [CH] 43,50 CHF