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O'zapft is: So war der Oktoberfestbeginn auf der Oidn Wiesn

Oktoberfest
München

Es herrscht Wahnsinn auf der Theresienwiese? Nicht in der »Boandlkramerei.« Hier ist's eher familiär.

Zwei Männer in strahlend blauen Augustiner-T-Shirts wuchten ein Fass auf die Bühne. Daneben stehen die Steinkrüge bereit. Der Knüppel wartet auf dem Boden.

Es ist Oktoberfest-Zeit. Für Wiesn-Wirt Peter Schöniger, die schönste Zeit des Jahres. Vor allem, seit er im vergangenen Jahr zum ersten Mal selbst ein Zelt bewirtschaften durfte. Im Vorfeld sagte er im Interview, dass es für ihn nur um eins gehe: Dass die Gäste beim Gehen zu ihm sagen wie »schee« war und sie gerne wiederkommen.

Noch ist Zeit bis zum Anstich. Langsam füllt sich das Zelt der »Boandlkramerei«. Blau weiß ziert das Dach des Zeltes der bayrische Himmel, der bayrische Traum. Drei Männer, äh, Burschen, in Trachten aus Polyester und durchsichtigen Strümpfen suchen nach ihrem Tisch. Sie kommen aus Australien, heißen Tyler, Kyle und Sam. Etwas zaghaft versuchen sie, die Stimmung aufrechtzuerhalten, die sie um die halbe Welt geführt hat: »Oktoberfescht« ruft Kyle, wobei dem Wort etwas Fragendes anhaftet. Dann merken sie: Sie waren im falschen Zelt und schon taumeln sie wieder raus in die Spätsommerhitze.

Es ist alles seltsam unaufgeregt, hier auf der »Oidn Wiesn«. Nichts ist zu spüren vom Wahnsinn des sogenannten »Wiesnsturms«, der nur ein paar hundert Meter weiter stattfindet. Ein Wunder, dass das auch geht: dass man nicht nur von Gemütlichkeit singt (über das Prosit derselben), sondern sie auch spürt. Hier! Auf der Theresienwiese!

Die Bedienungen sind ausgestattet wie Marathonläufer. In pinkfarbenen Hüftgürteln stecken elektrolytische Gels und riesengroße Wasserflaschen. Darunter, wie die Patronenhülsen eines Cowboys, Cola, Limo, Apfelsaft – für die alkoholfreien Gäste.

Fröhliche Stimmung

Dann beginnen drei Alphörner zu spielen, die Besucher drängen zur Bühne. »Moment!«, ruft es von dort oben. »Wenn es 10 Sekunden vor 12 ist, machen wir einen Countdown.« Allerdings ist es da schon nach 12. »Zapf an!« ruft es aus dem Zelt. Also zapft Rosenheim-Cop-Schauspieler Alexander Duda an. Er braucht vier Schläge, das ist immer wichtig, dazu zu sagen. Man ist ja nicht zum Spaß hier. »Alle Biere, die das Fass hergibt, sind Freibiere.« Schreit ein fröhlicher Mann in ein Mikrofon. Asiaten drängeln sich mit Bayern, die alle gleichsam verschwitzt und stolz mit einem Krug aus der Menge kommen.

Auf der Bühne setzt eine Polka ein, während ein Mann im Adidas Trainingsanzug das verschüttete Bier von den Dielen wischt und die Kellnerinnen und Kellner so schnell es geht Bierkrüge auf den Tischen verteilen. In der »Boandlkramerei« herrscht eine familiäre Stimmung. Überall stehen Kinder in winzigen Dirndln und Lederhosen und schauen mit großen Augen dabei zu, wie ihre Eltern aus überdimensionierten Kelchen Oktoberfestbier trinken. Und sie tanzen auf den Schuhen ihrer Eltern stehend und kreischend vor Freude den Trachtentanz.

Beste Qualität

Höchste Zeit, dem Koch, Peter Felic, einen Besuch abzustatten. Vor einigen Jahren war er noch Küchenchef des Paulanerzelts, aber als Schöniger ihn anrief, mit dem Angebot, die »Boandlkramerei« zu übernehmen, stimmte er gleich zu. Warum? »Ich brauche Herausforderungen.« Er habe vor, den Gästen kulinarisch das Gefühl zu geben, sie seien in einem Restaurant. »Sie zahlen 100 bis 200 Euro am Tisch«, sagt er. »Da haben sie auch beste Qualität verdient.«

Um diese zu gewährleisten, habe er mit regionalen Bauern zusammengearbeitet, die besonderes Gemüse nur für ihn angebaut haben. »Mir fehlt die Konkurrenz auf dem Oktoberfest«, sagt er. Die anderen Wirte seien zu gemütlich geworden mit den Millionen-Umsätzen, die sie erwirtschafteten. »Ich will sie alle herausfordern.«

Im Zelt fordern jetzt aber erstmal die Frauen heraus – zum Tanz. Es ist Damenwahl. Aber davor darf eins nicht fehlen: »Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit.« Und reihenweise gehen die Krüge hoch, hoch zum bayerischen Himmel.


 

Moritz Hackl
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