Zum Start der Wiesn: Nicht die Betrunkenen sind das Problem, sondern die jammernden Münchner
Huch: Beim Oktoberfest wird getrunken! Statt zu jammern, sollten die Münchner diese zwei Tipps berücksichtigen. Ein Kommentar
Die armen Münchner, man kann sie nur bemitleiden, denn es steht ihnen ein Schock bevor: das Oktoberfest. Und wie jedes Jahr laufen sie mit besorgten Gesichtern durch die Straßen und raunen einander zu, dass sie ja am liebsten für die kommenden zwei Wochen die Stadt verlassen würden, um dem großen Schrecken zu entgehen: den Betrunkenen, die wie fallengelassene Marionettenfiguren an Häuserwänden zusammengesackt schlafen, als wäre jeder Lebenswillen aus ihren Körpern gewichen, nicht selten umringt von einer Lache von Erbrochenem.
Das ist nicht schön. Aber ganz ehrlich: Es ist auch nicht so schlimm. Deshalb ein Wort an all die zaghaften Geister, die sich vor Trunkenheits-Sorgen schon mal warm zittern: Das Einzige, das mehr nervt als die Betrunkenen, sind die Münchner, die nicht aufhören können darüber zu jammern, dass es sie gibt.
Voraussehbar und aushaltbar
Ich höre zwar schon all die asketischen Prediger, die ihre Bibeln im Nachttisch mit den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ausgetauscht haben und brav, als wäre es das Vater Unser, ihren Lieblingssatz daraus zitieren: »Die DGE empfiehlt auf Alkohol zu verzichten.« Und daraus abgeleitet: Es gibt keinen unschädlichen Alkoholkonsum. Oder: Unglaublich, dass Alkoholkonsum HEUTE noch so verherrlicht wird.
Überall auf der Welt träumen Menschen davon, eines Tages in einem der Festzelte auf der Theresienwiese zu stehen.
Indes geht es hier natürlich nicht darum, Alkoholkonsum auf irgendeine moralische Weise zu bewerten, es ist für den Moment völlig egal, ob er »gut« oder »schlecht« ist, was auch immer das bedeuten soll. Es geht bloß darum, dass auf dem größten Bierfest der Welt Unmengen Bier konsumiert wird und die Folgen nicht nur voraussehbar sind, sondern auch aushaltbar.
Nicht besonders klug, aber realitätsnah
Deshalb möchte ich gerne zwei Aspekte aufzeigen, die es milde gestimmten Lesern möglicherweise erleichtern, den Umstand zu dulden, dass in den kommenden Wochen unter anderem auch betrunkene Preußen auf bayerischen Terrain herumliegen werden.
Erstens: Haben Sie schon einmal eine Maß auf dem Oktoberfest getrunken? Das ist ein Liter Bier, der statt mit den üblichen fünf Prozent Alkohol, mit sechs Prozent in die Birne kachelt. Gleichzeitig wird das Bier genauso schnell schal wie ein halber Liter, was zum zügigen Trinken animiert und den Rausch so noch unvorhersehbarer macht. Wer also innerhalb einer Stunde auf die bierbedingt verblödete Idee kommt, zwei Maß in sein Blut zu gießen, der hat es mit einem ausgewachsenen Vollrausch zu tun. Dieses Trinkverhalten ist nicht klug, ich möchte es auch nicht verteidigen, aber es ist realitätsnah. Was auch an dem Umstand liegt, dass man sich umgeben von stark alkoholisierten Menschen in einem Bierzelt befindet, in dem alle auf den Bänken stehen und zu Liedern tanzen, die man sich, auch wenn man bei klarem Verstand ist, vorsichtshalber schön saufen sollte, möchte man sich nicht stundenlang für die Menschheit schämen.
Hier trifft sich die gesamte Gesellschaft
Und zweitens: Das Oktoberfest sollte Münchens ganzer Stolz sein. Überall auf der Welt träumen Menschen davon, eines Tages in einem der Festzelte auf der Theresienwiese zu stehen, eine seltsam große Breze zu essen und dazu ein verblödet großes Bier zu trinken. Die Wiesn ist ein Volksfest, das weit über den Rausch hinausgeht, es besteht aus Tradition, Großeltern bringen ihre Enkel hierher, um eine Runde auf dem Teufelsrad zu fahren, so wie deren Großeltern sie herbrachten. Es ist eins der wenigen Feste, auf denen sich tatsächlich noch die gesamte Gesellschaft trifft und ja: auch die feinen Unterschiede, die uns sonst trennen, kurzerhand unter den Tisch gesoffen werden.
16 Tage sind nicht so lang. Dann schaut man halt mal zwei Wochen etwas genauer drauf, wo man hintritt. Und falls es gar nicht geht, ein Tipp: Einfach selbst in die Ochsenbraterei schlappen, eine Maß bestellen und es mal probieren mit diesem Prosit der Gemütlichkeit.