Zum Inhalt springen
© Shutterstock

Bayerische Kalorien-Kommunikation: #söderisst und empört

Meinung
Bayern
Social Media
Politik

Markus Söder zeigt auf Social Media gerne, was er isst. Doch gerade sein Speiseplan und seine Essgewohnheiten lassen viele Kulinariker fassungslos zurück.

Als Amuse-Gueule mal ein kleiner Auszug dessen, was Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident, in der jüngeren Vergangenheit gegessen hat: Spiegelei mit Speck, Fleisch- und Blutwurst mit Brot (»Das schmeckt und macht satt«), Pizza mit geschwärzten Billig-Oliven, Leberkäse, Döner, Chickenwings, eine »türkische Grillplatte«, Grillhendl und Scholle (paniert). Alles unter dem Hashtag #söderisst mit der Welt geteilt. Das Urteil einer Ernährungsexpertin im t-online Interview: »Sehr fettig.«

Wenn Söder etwas isst, ist das selten nur eine Momentaufnahme. Oft steckt dahinter eine Botschaft. Und die ist meistens nicht gerade feinsinnig oder gar kulinarisch gewinnbringend, sondern vor allem eins: populistisch. Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann von der Ludwig-Maximilians-Universität, nennt das »Gastropopulismus«. »Ziel ist oftmals die Herstellung von Volksnähe«, wird der Experte im Stern zitiert. »Deshalb lassen sich gerade Populisten auch gern beim gemeinsamen Essen mit Bürgerinnen und Bürgern ablichten.«

Was ist schon »normal«?

Besonders deutlich wird Söders Kalorien-Kommunikation im Zeit-Magazin-Interview. Gerne gibt sich der bayerische Ministerpräsident bürgernah und ganz »normal«. Wie zum Beweis sagt er: »Ich esse wie alle normalen Menschen in unserem Land. In Sternelokalen findet man mich eher nicht.« Da fragt man sich: Gehen in »Sternelokale« keine normalen Menschen? Für Söder ist Spitzenküche offenbar keine Handwerkskunst, kein wichtiger Wirtschaftszweig und offenbar auch nichts, worauf man in Deutschland »stolz« sein könne.

McDonalds statt Michelin

Lieber, so scheint es, stattet der Ministerpräsident McDonalds regelmäßig einen Besuch ab, natürlich bildlich festgehalten für #söderisst. Drei-Sternekoch Christian Bau macht das fassungslos. In seiner Kolumne in der Welt kritisiert er Söders kulinarisches Banausentum: »Warum muss sich der bayerische Ministerpräsident, so peinlich für einen internationalen Großkonzern mit einem faden und weltweit gleichförmigen Speisenangebot Werbung machen? Und das in einer Zeit, in der die heimische Gastronomie mit den Herausforderungen von Inflation und Arbeitskräftemangel zu kämpfen hat?« Aus Baus’ Sicht sind Söders Essensposts »ein Tritt in die Magengrube einer ganzen Branche.« Politisch ergänzt er: »Wie Regionen durch gezielte Unterstützung der Politik als touristische Hotspots für Destination-Dining etabliert werden können, haben das Baskenland oder Kopenhagen erfolgreich vorgeführt. Ob man das einem Populisten wie Söder jemals beibringen kann? Ich bezweifele es.«

Essen als Kulturkampf

Essen und Ernährung gehören zu den Themen, die sich (wie man unschwer erkennen kann) sehr passabel für einen Kulturkampf eignen. Gendernde Veganer auf der einen, fleischessende »Normalos« auf der anderen Seite. Ist Markus Söder Teil dieses Kulturkampfes? Im Zeit-Interview bestreitet er das noch nicht mal. Schuld seien aber die anderen: »Begonnen wurde der Kulturkampf (.) von der anderen Seite. In manchen Kitas soll quasi kein Fleisch mehr angeboten werden. Eine Kindheit ohne Gelbwurst oder ohne Leberkäse, da fehlt doch was ...«

Verheerendes Echo auf Söders Kulinarik-Klamauk

Spricht man Menschen aus der kulinarischen Welt auf Söders Einlassungen an, erfährt man eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Bedauern, um so viel Einfalt.

Sterneköchin Alina Meissner Bebrout sagt: »Natürlich verstehe ich den Ansatz, als Politiker nahbar und bodenständig zu wirken. Eine gute Leberkässemmel hat durchaus ihre Berechtigung. Aber wenn man die bayerische Küche permanent auf Wurst reduziert, wird es schon etwas einseitig. Was mich dabei umtreibt: Die deutsche Küche hat so viel mehr Potenzial. Wir haben fantastische regionale Produkte – von Spargel über Saibling bis hin zu Pilzen aus der Region. Die moderne deutsche Gastronomie ist vielseitig, kreativ und durchaus auch traditionell verwurzelt – aber sie denkt weiter, im Wirtshaus wie in der Sterneküche.«

© Viviana D'Angelo

Der Journalist und Kochbuch-Autor Stevan Paul trägt mit seinen Werken nicht unerheblich zur kulinarischen Bildung des Landes bei und berät Gastronominnen und Gastronomen – vielleicht sollte auch der bayerische Ministerpräsident dieses Angebot einmal wahrnehmen. Paul empören Söders Äußerungen auch, weil sie typisch für das Verhältnis der deutschen Politik zu Kulinarik und Gastronomie seien: »Diese genussvermeidende Verkniffenheit mir der sich die Politik – bei welchem »Volk« auch immer – anbiedern möchte, ist historisch. Dieser scheinheilige »Ich-bin-einer-von-Euch«- Populismus, zwischen McDonalds-Besuch und regionaler Fleischeslust erreicht mit Söder eine neue Qualität der Verachtenswürdigkeit. Das eigentliche Problem daran ist, dass die Regierenden in Deutschland nie begriffen haben, das bewusster Genuss nicht weltfremde Völlerei bedeutet, sondern ein wichtiger Beitrag zu Lebensglück und Gesundheit ist! Weniges ist politischer als Genuss und Ernährung – mit einer Tragweite, die von der Agrarpolitik über die Gastronomie als Wirtschaftsfaktor und Touristik-Motor reicht. Bis hin zu einem präventiv durchdachten, öffentlichen Gesundheitswesen und den perspektivisch damit verbundenen Aufgaben und Ausgaben in Sozialmedizin, Rente und Pflege.«

Stevan Paul: »Dieser scheinheilige »Ich-bin-einer-von-Euch«- Populismus erreicht mit Söder eine neue Qualität der Verachtenswürdigkeit.«
© Viviana D'Angelo
Stevan Paul: »Dieser scheinheilige »Ich-bin-einer-von-Euch«- Populismus erreicht mit Söder eine neue Qualität der Verachtenswürdigkeit.«

Auch Journalistin, Kochbuch-Autorin und Genuss- und Kulinarik-Expertin Denise Wachter beschäftigt sich viel mit dem Wandel der Spitzengastronomie. An Markus Söder kommt man da nur schwer vorbei: »Als jemand, die beruflich durch Restaurants, Märkte und Küchen wandelt, bin ich fassungslos über Markus Söders kulinarisches Banausentum. Wenn ein Ministerpräsident stolz verkündet, dass man ihn ›in Sternelokalen eher nicht‹ findet und Mirácoli als ›beste Spaghetti‹ preist, dann zeigt das eine erschreckende Ignoranz gegenüber der eigenen Kulturlandschaft. Während Länder wie Frankreich oder Japan ihre Spitzenküche als Kulturgut feiern und damit internationale Strahlkraft entwickeln, reduziert Söder Sterneküche auf elitäres Schischi. Gerade in Zeiten, in denen unsere Gastronom:innen mit Personalmangel und explodierenden Kosten kämpfen, wäre echte politische Unterstützung nötig – nicht nur Mehrwertsteuersenkungen, sondern Wertschätzung ihrer kulturellen Leistung. Stattdessen feiert Söder Industrienahrung als authentisch bayerisch und macht aus persönlichen Geschmacksdefiziten eine politische Haltung.«

Denise Wachter: »Wer Mirácoli als ›beste Spaghetti‹ preist, zeigt eine erschreckende Ignoranz gegenüber der eigenen Kulturlandschaft.«
© Bettina Theuerkauf
Denise Wachter: »Wer Mirácoli als ›beste Spaghetti‹ preist, zeigt eine erschreckende Ignoranz gegenüber der eigenen Kulturlandschaft.«

Für Spitzenkoch Jens Rittmeyer, der bei der Herkunft seiner Lebensmittel besonders stark auf eine verantwortungsvolle Erzeugung achtet, stößt Söders Verhalten mehrfach auf. Er ist regelrecht konsterniert: »Was Herr Söder als Spitzenpolitiker und Verantwortlicher für sein Bundesland und darüber kommuniziert, ist so erschreckend wie wenig verwunderlich. Wer in solch einem wichtigen politischen Amt Werbung für solch große Player der Lebensmittelbranche macht, sollte sich nicht wundern, wenn seine Glaubwürdigkeit darunter leidet. Wie er aber mit seiner Reichweite und seiner Vorbildfunktion umgeht und wie wenig weiterdenkend und mit wie wenig Empathie er seine Führungsrolle in kulturellen Fragen ausübt, spricht Bände.«

Jens Rittmeyer: »Wer in solch einem wichtigen politischen Amt Werbung für solch große Player der Lebensmittelbranche macht, sollte sich nicht wundern, wenn seine Glaubwürdigkeit darunter leidet.«
© Götz Wrage
Jens Rittmeyer: »Wer in solch einem wichtigen politischen Amt Werbung für solch große Player der Lebensmittelbranche macht, sollte sich nicht wundern, wenn seine Glaubwürdigkeit darunter leidet.«

Journalist Jan Peter Wulf, Betreiber des Gastronomieblogs nomyblog, hingegen, lenkt den Fokus auf die staatliche Förderung von gesunder Ernährung insgesamt. Das wäre aus seiner Sicht sinnvoller als die Anbiederung an »normale« Leute: »In einem hellen Moment sprach sich Markus Söder 2023 für 0% Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel aus. Ein sehr guter und überdies EU-rechtskonformer Vorschlag, der in Spanien bereits umgesetzt wurde. Das würde Lebensmittelpreise für Verbrauchende im Handel senken und hätte einen direkten Effekt, besonders für den immer größer werdenden Teil (aktuell rund 40%) der Bevölkerung, der am Ende jedes Monats praktisch keine Ersparnisse mehr hat. Nachweislich ist die Konsumquote einkommensschwacher Haushalte besonders hoch, praktisch jeder Cent mehr im Geldbeutel wird reinvestiert. Vielleicht dann für bessere Lebensmittel?«

Wie wäre es mit #söderswirtshaustour

Abschließend noch ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn Söder bei seinen Reisen durchs Land grundsätzlich zum Essen nur noch Wirtshäuser ansteuern würde? Dort werden Gastronomie und Genusskultur gelebt, das Preisniveau ist überschaubar und elitär ist hier bestimmt nichts. Das wäre wahre Volks- und Gastronomienähe.


 

Benjamin Cordes
Benjamin Cordes
Autor
Mehr zum Thema
1 / 12