Severin Cortis Küchenzettel: Tartiflette mit Reblochon
Frankreich hat seine Skistationen am Reißbrett entwickelt – und die passende Küche gleich dazu!
Sie heißen Les Arcs, La Plagne, Val Thorens oder Avoriaz: Skidestinationen in den französischen Alpen, die – neben herausragenden Pisten – für ihre futuristische Architektur bekannt sind. Und dafür, dass sie in den 1960er-Jahren am Reißbrett geplant und auf den nackten Fels des Hochgebirges gebaut wurden.
Das ist von der Idee her ein denkbar großer Kontrast zu klassischen Skidestinationen in der Schweiz, in Italien oder Österreich, wo sich die Lust am Schnee aus oft winzigen, seit Jahrhunderten bestehenden Dörfern entwickelt hat. Dass heute davon oft kaum noch etwas erkennbar ist, stimmt auch – dennoch ist unverwechselbar, dass in einem Fall auf jahrhundertealten Traditionen aufgebaut wurde, während Skifahren im anderen Fall als ein dezidiert zukunftsfrohes, ohne Wurzeln in der entfernten Vergangenheit entwickeltes Freizeitvergnügen verstanden wird.
Hat beides seine Berechtigung, merkt man aber auch an der Küche. Während die einen das Erlebnis Skifahren auf den Hütten mit dezidiert traditionellen Bergbauernspezialitäten wie Kasnocken, Gröstl, Fondue oder Frico und Raclette bestreiten, mussten sich die Franzosen dazu speziell etwas einfallen lassen.
Nun ist Frankreich aber auch das Mutterland des guten Käses, auch und gerade in den Alpen gibt es dafür zahlreiche Beispiele. Und so machten sich clevere Marketingstrategen daran, ein Gericht zu entwickeln, das einerseits traditionell französisch, andererseits alpin wirken sollte – und möglichst auf der einzigartigen Käsetradition fußen sollte.
Das Resultat war die Tartiflette. Der Name bezieht sich auf die alte savoyische Bezeichnung für Kartoffeln, »tartifla«. Daneben ist der seit dem 13. Jahrhundert in Savoyen verwurzelte Reblochon die Hauptzutat – angeblich, weil es zur Zeit der Entwicklung gerade eine Überproduktion des herrlich cremigen Rohmilchkäses zu verwerten gab.
Das Gericht stellt sich als eine Art Gratin dar: aus Kartoffeln, Speck (hat man sich vielleicht von den Gröstln, Speckknödeln und anderen Tiroler Speckspatzeln abgeschaut?), geschmolzenen und mit Weißwein (ja, Frankreich!) eingekochten Zwiebeln – und mit einem ganzen Reblochon, der, großzügig geviertelt, obenauf gesetzt und im Backrohr zu herrlich knusprig-cremiger Konsistenz gratinieren darf.
Was soll man sagen? Als Skihüttengericht – und als Unterlage für zünftiges Après-Ski – ist das ein schlicht genial designtes Essen: Viel mehr nach Berg, Winter und geselligem Beisammensein kann ein Gericht nicht schmecken. Dass, wegen des gar nicht schüchtern zugegebenen Weißweins, sich auch eindeutig Wein und nicht das teutonische Bier als Begleitung aufdrängt, ist nur ein weiterer Streich der – übrigens anonym gebliebenen – genialen Fooddesigner.