Keine Extrawurst am Familientisch: Wie die Kinder der Gastro-Profis essen lernen
Was essen die Kids der österreichischen Top-Gastgeber? Anna Sattler, Parvin Razavi und Markus Rath haben Falstaff verraten, was bei ihnen zuhause auf den Tisch kommt.
Es gibt diese romantische Vorstellung vom Familienleben in der Spitzengastronomie: Kinder, die mit drei Jahren Austern schlürfen oder am Küchentisch über Fermentation diskutieren. Die Wirklichkeit ist natürlich um einiges bodenständiger. Denn auch in den Familien von Österreichs Spitzenköch:innen wird mal Gemüse verweigert oder lieber Pizza bestellt. Trotzdem eint die Familien der Zugang, dass Kinder essen und genießen lernen sollen, und nicht einfach bloß satt werden.
Rund um Kinderernährung haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedliche Ansätze etabliert. Besonders verbreitet ist mittlerweile das sogenannte Baby-led Weaning. Dabei bekommen Babys früh feste Nahrung zu essen statt klassischem Brei. Ziel ist es, dass Kinder unterschiedliche Texturen und Geschmäcker kennenlernen und selbst entscheiden, wie viel sie essen möchten. Viele Ernährungsexpert:innen sehen darin Vorteile für Feinmotorik, Selbstregulation und Offenheit gegenüber Lebensmitteln.
Anna Sattler vom steirischen Sattlerhof beschäftigt sich seit der Geburt ihrer Tochter intensiv mit Ernährung. Ihre Tochter ist gerade einmal zehn Monate alt und ist schon sehr neugierig auf Essen: »Wir machen Baby-led Weaning«, erzählt Sattler im Gespräch mit Falstaff. »Wir lassen sie seit sie sechs Monate alt ist selbst essen, geben ihr feste Nahrung und viel Verschiedenes, damit sie unterschiedliche Texturen und Geschmacksrichtungen erkunden kann.« Gläschen oder Fertigprodukte kommen bei der Familie nicht auf den Tisch. »Wir machen alles frisch selbst und sie bekommt nichts mit zugesetztem Zucker.«
Schon früh Neugier fördern
Besonders begeistert zeigte sich die Kleine zuletzt beim Grillen: »Beim Steak war sie ganz begeistert«, erzählt Sattler. Garnelen, Mango, Specklinsen oder Quiche seien ebenfalls kein Problem gewesen. Nur bei einem Gericht streikt die Zehnmonatige: Porridge. »Das ist das Einzige, das sie gar nicht mag.« Für die Sattlers ist auch das gemeinsame Essen ein wichtiger Schlüssel: »Uns war es von Anfang an wichtig, immer gemeinsam zu essen und zwar gemeinsam als Familie und nicht vorher das Kind zu füttern.« Dadurch werden Kinder automatisch neugieriger: »Es ist wunderschön zu sehen, wie offen und neugierig Kinder gegenüber Essen sind.«
Bei der Familie von Markus Rath vom Schlosskeller in der Südsteiermark sieht der Familienalltag etwas anders aus. Der Koch hat zwei Töchter im Alter von drei und sechs Jahren. Zuhause kocht er aber weniger gern: »Ich koche aus Berufsgründen sehr wenig zuhause«, sagt Rath. »In meiner Freizeit gehen wir schon öfters essen.« Bei den Vorlieben kommen die Töchter ganz nach dem Papa: »Schnitzel wie der Papa und alle Arten von Suppen.« Doch auch was sie nicht so gerne mögen, wissen die Töchter schon: »Leider Salat und alles, was grün ist – außer Erbsen.«
Im Urlaub darf es dann gerne unkompliziert sein: »Am liebsten Pizza oder Pasta«, so Rath. Fisch essen beide Töchter aber trotzdem gerne. Nach Kindergarten oder Schule wird zuhause meist eher einfach gegessen: Joghurt mit Obst, Butterbrot oder eine Suppe. Und ob die Kinder irgendwann die schärfsten Kritikerinnen des Vaters werden? »Noch nicht«, meint Rath. »Aber ich schätze, wenn sie älter sind, haben sie das Potenzial, sehr kritisch zu sein.«
Persisch als Comfort Food
Dass Kinder durchaus anspruchsvolle Esser werden können, erlebt auch Top-Köchin Parvin Razavi vom Restaurant &Flora. Ihre beiden Töchter sind bereits 16 und 20 Jahre alt und Essen spielt in der Familie eine große Rolle. Besonders die ältere Tochter habe mittlerweile einen sehr differenzierten Zugang entwickelt: »Sie ist schon sehr kritisch, kann die Kritik aber auch gut begründen«, erzählt Razavi lachend. Kulinarisch geprägt wurden beide stark von der persischen Küche der Familie. »Persisches Essen ist Comfort Food für sie«, sagt Razavi. Gemeinsam kochen, Rezepte der Großmutter nachmachen oder lange Abende in der Küche verbringen, war Teil ihrer Erziehung.
Gemeinsames Essen
Laut Ernährungspsychologie ist es weniger die Methode, sondern die Atmosphäre am Tisch, die Kinder zu offenen Essern macht. Kinder lernen vor allem durch Beobachtung. Wer gemeinsam isst, Lebensmittel ohne Druck anbietet und selbst abwechslungsreich isst, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder später neugierige Esser werden. Weiters zeigen Studien, dass Kinder manche Lebensmittel zehn bis zwanzig Mal probieren müssen, bevor sie sie akzeptieren.
Schon früh legte die Razavi Wert darauf, ihre Kinder nicht mit klassischem »Kinderessen« abzuspeisen. »Es war mir wichtig, dass sie nicht nur Nudeln mit Butter bekommen«, erinnert sie sich. Stattdessen gab es schon früh Nori-Blätter als Snack oder unbekannte Zutaten zum Probieren.
»Kinder essen mehr, als man glaubt. Aber sie mögen es oft nicht, wenn Dinge schon vermischt sind«, so Razavi. Ihr Zugang ist es, die Lebensmittel einfach hinzustellen und probieren lassen. Ähnlich beschreibt es auch Anna Sattler. Ihre Tochter bekomme bewusst unterschiedliche Lebensmittel separat angeboten, damit sie selbst entdecken könne, was ihr schmeckt. Beide Mütter sind überzeugt: Kinder sind oft deutlich offener für neue Geschmäcker, als Erwachsene annehmen. Bei allen drei Familien werden die Kinder nicht separat verköstigt, sondern essen mit den Erwachsenen mit.