Weine aus dem Wallis: Wein auf Stein
Im Wallis wachsen die Reben meist auf Terrassen in wuchtigen Steillagen. Sie ergeben Weine mit starkem Charakter.
Unsere Reise beginnt in Salgesch, dem letzten Weinbauerndorf des deutschsprachigen Oberwallis. Sie wird uns von dort rhoneabwärts führen. Wir werden von Diego Mathier empfangen. Mathier ist eine, auch im wörtlichen Sinn, imposante Figur: Schweizer Winzer des Jahres 2007 und 2011. Seine Weine werden bei den wichtigsten Weinwettbewerben mit Golddiplomen prämiert! Er wird bewundert und seines Erfolgs wegen auch beneidet. Mathier kellert Trauben von 120 Hektaren Fläche aus dem ganzen Wallis ein.
Sein Ursprung liegt aber in Salgesch. Hier ist die Kellerei Nouveau Salquenen domiziliert, die er in vierter Generation leitet. Wir besichtigen die abgeernteten Rebberge des Dorfes. Salgesch ist Pinot-Noir-Land. Der kalkreiche Boden prädestiniert es dazu. Mathiers bester Pinot Noir, der «Ambassadeur», wächst in der Domaine Raspille. Ihren Namen hat sie vom gleichnamigen Bach, der gleichzeitig die Sprachgrenze bildet. Der Grossteil der Rebzeilen ist gegen Westen geneigt. «Für den Pinot sind die Salgescher Südlagen in der Regel zu heiss. Ich ziehe da bei Neupflanzungen Cornalin vor.» Cornalin ist eine der interessantesten und charaktervollsten Rotweinspezialitäten des Wallis.
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Nach der Weinbergstour geht es in Mathiers Betrieb an die Bahnhofstrasse zurück. Wir degustieren uns durch das breite Sortiment. Das Niveau ist hoch und verlässlich. Die Weine besitzen ihre je eigene Stilistik. Diego kommentiert sie prägnant. Er versteht sich als «Wein- und Geschmacksstratege». Seinem langjährigen Önologen Cédric Leyat fällt dabei die Rolle des Ausführenden zu. Jüngster Coup ist ein weisser «Ambassadeur». Eine Mischung von Heida, Ermitage und Petite Arvine. Das Gewächs repräsentiert für Mathier «das frische Wallis». Der finessenreiche, lebendige Wein bricht eine Lanze für die Assemblage und zeigt gleichzeitig, wie wertvoll die Rebsorte Heida – auch Païen oder Savagnin genannt – für das Wallis ist. Ihr verdankt er nämlich seine ausgeprägte Frische.
Wahre Meister des Terroirs
Auf der Colline de Géronde, einem Moränenhügel oberhalb von Sierre, treffen wir auf den alerten Dominique Rouvinez. Zusammen mit seinem Bruder Bernard hat er in wenigen Jahrzehnten ein Walliser Weinimperium aufgebaut. Die Familie besitzt neben Rouvinez Vins die Häuser Bonvin, Imesch und Orsat. Sie ist nach der Genossenschaft Provins der grösste Weinerzeuger des Kantons.Dominique begrüsst uns mit einem breiten Lachen: «Die eben beendete Ernte 2015 ist der beste Jahrgang in meiner 36-jährigen Karriere.» Dass sie mengenmässig die kleinste war, verdirbt ihm die gute Laune nicht. Obwohl ein wunderbarer Herbstmorgen dazu einladen würde, fahren wir nicht in die Reben. Rouvinez bewirtschaftet auf der fünfzig Kilometer langen Rebenpiste zwischen Leuk und Fully zwölf Domänen. Von Kalk bis Granit über Gips, Kies, Schiefer und Schwemmland sind alle Bodentypen vertreten. Die Rouvinez’ sind wahre Meister des Terroirs. Auf jedem Boden pflanzten sie die passende Traubensorte. Mit Rebmeister Roman Ziegler verfügen sie über eine Koryphäe ihres Fachs.
Von Château Lichten in Leuk kommt eine der besten Petite Arvine des Wallis. / © Picture Project
Von Château Lichten in Leuk kommt eine der besten Petite Arvine des Wallis. / © Picture Project
Die Degustation der Rouvinez-Weine erhärtet die These eindrücklich. Der rassige Fendant ist wie immer ein sicherer Wert. Die Spezialitäten Petite Arvine, Ermitage, Cornalin, Humagne Rouge und Syrah besitzen schönste Sortentypizität. Und wieder erweisen sich Rouvinez als Meister der Assemblage, als deren Pioniere sie mit der weissen Trémaille und dem roten Tourmentin gelten. Grossartig sind die jüngsten Kreationen: der weisse und rote Cœur de Domaine. Eine Selektion der kleinsten, konzentriertesten weissen (Arvine, Heida, Ermitage) und roten Beeren (Cornalin, Humagne, Syrah). Es handelt sich dabei um ein Generationenprojekt: Neben Dominique sind auch Bernards Kinder Véronique, Philippe und Frédéric involviert. Dominique verantwortet die Kelterung. Ein Novum: Die zwei Weine werden in grossen Holzfässern der Küssnachter Küferei Suppiger ausgebaut und tragen keinerlei aufdringliche Barrique-Noten.
Weinmanufaktur und grosse Degustationskunst
Unser nächster Besuch gilt dem Weingut Histoire d’Enfer in Corin-sur-Sierre. Nach der wuchtigen Rouvinez-Welt die überschaubare Kleinteiligkeit der Weinmanufaktur. Vier Hektaren statt 86 Hektaren Eigenbesitz. 25.000 Flaschen jährlich statt insgesamt mehrere Millionen. Die Walliser Weinwelt ist ein schillerndes Kaleidoskop von unterschiedlichsten Realitäten.
Spiritus Rector von Histoire d’Enfer ist der Genfer Docteur Patrick Régamey. Der Doktortitel wird bewusst erwähnt, da es sich bei Régamey um einen Spezialisten der Inneren Medizin handelt. Während des Kellerrundgangs inklusive Degustation aller in Tanks, Fudern und Barriques lagernden Jungweine des Jahrgangs 2015 meldet er sich mehrmals ab, weil übers Smartphone sein Arztwissen gefragt ist. Auf Histoire d’Enfer ist allerdings seine Degustationskunst gefragt. Selten haben wir einen Mann getroffen, der schneller, präziser, treffsicherer degustiert als dieser Docteur aus Genf. Und dann seinen Eindruck in Worte fasst, die den Geschmack, die aktuelle Entwicklung und das künftige Potenzial des Weins akkurat auf den Punkt bringen.
Wer im Clos de Cochetta arbeitet, muss trittsicher und schwindelfrei sein. / Foto beigestellt
Wer im Clos de Cochetta arbeitet, muss trittsicher und schwindelfrei sein. / Foto beigestellt
Grosse Vergangenheit
Régamey ist ein Nasengenie. Der Student arbeitete für die Parfümindustrie, als es für die Zerlegung der Aromen noch keinen Gaschromatographen gab. Heute berät er die Edelcuverie Taransaud und sichert sich damit beiläufig die besten Fässer für sein Weingut. Er weiss: «Die Grösse eines Weins setzt sich aus der Summe der skrupulös gepflegten Details zusammen.» Das bedeutet: pflanzen- und bodenschonende Rebenpflege, tiefe Erträge mit maximal 600 Gramm, bis auf den Cornalin teilweise oder totale Ganzbeerenvergärung (schenkt Frische, Länge und Eleganz), defensiver Einsatz von Neuholz (ab 2013 nur noch 25 Prozent) und vieles mehr. Die über zwanzig Weine aus dem kleinen Keller in Corin sind ein Ereignis. Elegant, bekömmlich und ungemein trinkig. An der Spitze die fünf Pinots Noirs aus Salgesch. Den besten, den Calcaire Absolu, stellt Régamey selbstbewusst einem Richebourg zur Seite.
>>> BILDERGALERIE: Impressionen aus dem Wallis
Wallis Illustration: Artur Bodenstein
1.Orsat, 2. Bonvin, 3. Espace Provins, 4. Valère Basilica, 5. Château de Tourbillon, 6. Robert Gilliard, 7. Historie d'Enfer. 8. Imesch Vins, 9. Domaines Rouvinez, 10. Diego Mathier, 11. Stockalper Palast; Illustration: Artur Bodenstein
(Von Martin Kilchmann)
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