Weinreise Rueda: Trip zum Weißweinwunder
Die spanische Weinregion Rueda erlebt seit vielen Jahren einen beispiellosen Aufschwung. Eine Reise zur Heimat des Verdejos offenbart nicht nur frische, lebendige Weißweine, sondern auch authentisches Spanien abseits der Touristenpfade.
In den letzten 25 Jahren hat die spanische Weinregion Rueda eine Erfolgsgeschichte hingelegt, die ihresgleichen sucht. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Rebfläche der Denominación de Origen (D.O.) im Herzen von Kastilien und León mehr als verdreifacht, innerhalb der letzten zehn Jahre sogar verdoppelt. Heute liegt sie bei 20.800 Hektar. Besonders auffällig ist dieses Wachstum, da der Weinkonsum wie überall auf der Welt sinkt und viele andere Weinregionen im Land stagnieren oder gar Fläche verlieren. Rueda hingegen boomt. Und das aus gutem Grund: Rueda ist eine der wenigen Regionen Spaniens, in der hauptsächlich Weißweine produziert werden, deren Nachfrage seit Jahren steigt. Die Erfolgsgeschichte der Region ist untrennbar mit der Rebsorte Verdejo verknüpft, die aktuell auf etwa 87 Prozent der gesamten Rebfläche der D.O. kultiviert wird. Die Sorte wird seit dem elften Jahrhundert in Rueda angebaut und soll während der maurischen Herrschaft von Nordafrika nach Kastilien gekommen sein.
Die Rebflächen von Rueda befinden sich im Herzen der kastilischen Hochebene, südwestlich von Valladolid, paradoxerweise umgeben von zwei der prestigeträchtigsten Rotweingebiete Spaniens: Ribera del Duero und Toro. Die D.O. umfasst Teile der Provinzen Valladolid, Segovia und Ávila und erstreckt sich entlang des südlichen Ufers des Duero-Flusses. Wer das authentische Kastilien abseits ausgetretener Touristenpfade entdecken möchte, ist hier genau richtig. Die klare Luft, die Pinienwälder, die Rebflächen, der weite Horizont und das besondere Licht machen Rueda zu einem eindrücklichen Reiseziel für Weinliebhaber.
Valladolid: Geschichte, Kultur und Genuss
Als Ausgangspunkt für die Erkundung der Region bietet sich das pulsierende Valladolid an, einstmals Sitz des spanischen Hofes. Von der bewegten Vergangenheit der Stadt zeugen heute noch zahlreiche prachtvolle Bauten: die majestätische Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción im Barockstil etwa, der Renaissancepalast Palacio de los Condes de Benavente oder die gotische Kirche Iglesia de San Pablo. In den verwinkelten Gassen, rund um die hübsche Plaza Mayor mit ihren eleganten Arkadenbauten, reiht sich eine Bar an die nächste. Auf den Speisekarten finden sich regionale Spezialitäten wie Lechazo (Milchlamm) und natürlich Pinchos, für die Valladolid bekannt ist. Jahr für Jahr findet in der Stadt der Concurso Nacional de Pinchos y Tapas Ciudad de Valladolid statt – ein nationaler Pinchos-Wettbewerb, der Spitzenköche aus ganz Spanien zusammenbringt, die ihre kreativen Kreationen präsentieren. Häufig mit politischem Unterton.
Wer einige der gekürten Pinchos kosten möchte, sollte unbedingt im »Los Zagales« oder dem »Villa Paramesa« vorbeischauen. Ebenso empfehlenswert ist die kreativ-regionale Küche im modernen Restaurant »Gabi García«, wo hochwertige Produkte aus der Region gekonnt in Szene gesetzt werden. Die Weinkarte umfasst zahlreiche Rueda-Trouvaillen. Ein ganz besonderes Highlight erwartet Valladolid-Reisende während der Semana Santa, der Karwoche. Dann finden zahlreiche Prozessionen statt, bei denen prachtvoll geschmückte Heiligenfiguren, die sogenannten Pasos, durch die Straßen der Stadt getragen werden. Begleitet werden sie von Bruderschaften, deren Mitglieder in die traditionellen Kutten mit ihren spitzen Kapuzen gehüllt sind. Die Semana Santa in Valladolid zählt zu den bedeutendsten und eindrücklichsten Karwochen-Feierlichkeiten Spaniens und zieht jährlich bis zu 400.000 Besucher an.
Vergessene Schätze
Rueda, das ist Frische, Leichtigkeit und Lebendigkeit. Heute ist es kaum vorstellbar, dass die Region bis in die 1970er-Jahre hauptsächlich für Dorado, einen goldfarbenen, oxidativ ausgebauten, Sherry-ähnlichen Wein bekannt war. Die fast in Vergessenheit geratene Rarität erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance.
Bekanntester Produzent von Dorado sind die Bodegas de Alberto in Serrada, die sich in einem ehemaligen Dominikanerkloster befinden. Alleine die beeindruckenden, labyrinthartigen Gewölbekeller des Weinguts aus dem 17. Jahrhundert sind eine Reise wert. Bei den geführten Touren, die hier täglich gebucht werden können, lässt sich auch die Dorado-Produktion erleben, zu der die einjährige Lagerung in Glasballons gehört, bei welcher der Wein Wind und Wetter ausgesetzt ist. Seit 2019 wird auch bei der ebenfalls in Serrada ansässigen Kellerei Diez Siglos Dorado produziert. Auch hier sind Besichtigungen möglich.
Die entscheidende Stilrevolution, die den Aufstieg von Rueda einläutete, fand übrigens im Jahr 1972 statt, als die bekannte Rioja-Weindynastie Marques de Riscal in die Region kam. Mit ihr hielten moderne Kellertechnik und kühle Vergärung Einzug, die den Verdejo-Stil aus Rueda bis heute maßgeblich prägen. Die Kellerei am Rande des Städtchens Rueda bietet ebenfalls geführte Besichtigungen an. Genauso wie der experimentierfreudige, ebenfalls in Rueda ansässige Winzer Rodríguez Sanzo, der seine Verdejo-Weine unter anderem in Sherry-Fässern reifen lässt.
Entdeckungstour entlang des Duero
Rueda ist neben La Seca, Serrada, Medina del Campo und Tordesillas einer der Hauptorte entlang der Ruta del Vino de Rueda, die im Wesentlichen dem Verlauf des südlichen Ufers des Duero-
Flusses folgt. Die Route zieht sich durch die weite Hügellandschaft Ruedas mit ihren Rebflächen, Feldern und Pinienwäldern, durch malerische Dörfer mit traditioneller Architektur und vorbei an historischen Sehenswürdigkeiten. Eine wunderbare Möglichkeit, die Region und ihre Weine kennenzulernen, die heute so spannend wie niemals zuvor sind. Insbesondere auch durch die Einführung der Kategorie Gran Vinos de Rueda vor ein paar Jahren, die Premiumweine kennzeichnet, die von mindestens 30-jährigen Reben stammen und das besondere Terroir der Region in den Fokus stellen. Die Bandbreite in Rueda ist immens: Neben großen Kellereien, die beeindruckende Basisqualitäten liefern, finden sich hier auch kleine, artisanal arbeitende Familienbetriebe. Vidal Soblechero in La Seca etwa oder Viñas Murillo in Alcazarén, die über uralte Verdejo-Parzellen verfügen, die teils aus der Zeit vor der Reblauskatastrophe stammen. Wer authentisches Kastilien erleben und dabei exzellente Weine entdecken möchte, findet in Rueda ein noch weitgehend unberührtes Juwel, das darauf wartet, erkundet zu werden.