Abseits des Trubels: Eine Weinreise durch den Alentejo
Die Region Alentejo hat sich in den vergangenen Jahren leise, aber konsequent neu positioniert. Zwischen den wunderschönen Stränden von Comporta und dem weitläufigen Hinterland zeigt sich ein Portugal fernab des touristischen Trubels – authentisch und unverwechselbar.
Portugal hat sich längst vom Geheimtipp zum beliebten Reiseziel entwickelt. Während sich in Lissabon, Porto und an der Algarve zunehmend die Besucher drängen, zeigt sich der Alentejo deutlich entspannter und weniger überlaufen – und ist gerade deshalb eines der spannendsten Ziele für Weinreisende. Die Region, rund anderthalb Autostunden östlich von Lissabon, ist weitläufig, ländlich und mit nur rund 22 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Südeuropas. Sanfte Hügel, weitläufige Felder, Korkeichenwälder, Olivenhaine und Reblandschaften bestimmen das Bild. Dazwischen immer wieder Dörfer und Städtchen mit ihren typischen weiß getünchten Häusern. Weinentdecker finden hier nicht nur eine Vielzahl spannender Weingüter, sondern auch eine bemerkenswerte Dichte stilvoller Unterkünfte.
Authentizität statt Trend
Obwohl im Alentejo bereits seit Jahrtausenden Weinbau betrieben wird, spielte er lange eine untergeordnete Rolle. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägten große Ländereien, Latifúndios genannt, das Bild. Dort wurde hauptsächlich Rinderzucht betrieben sowie Getreide, Oliven und Kork produziert. Apropos Kork: Das Alentejo ist bis heute das bedeutendste Korkanbaugebiet der Welt. Über 70 Prozent der portugiesischen Korkeichenwälder befinden sich hier. Portugal wiederum deckt rund die Hälfte der globalen Korkproduktion ab.
Erst mit dem EU-Beitritt Portugals nahm der Weinbau richtig Fahrt auf. Subventionen, die Aufhebung von Bewässerungsverboten und das vergleichsweise einfach zu erschließende Hügelland lockten Investoren an und sorgten für einen Boom. Die Weinidentität des Alentejo musste jedoch zuerst neu definiert werden. In den 1990er-Jahren dominierten internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon, Syrah und Merlot, die als modern und leichter zu vermarkten galten. Mit der Jahrtausendwende setzte jedoch ein grundlegendes Umdenken ein: Immer mehr Winzer erkannten, dass autochthone Sorten nicht nur besser an das Klima angepasst sind, sondern auch authentischere, charakterstärkere Weine hervorbringen. Heute prägen weiße Sorten wie Antão Vaz, Arinto und Roupeiro sowie rote wie Aragonez, Trincadeira und Alicante Bouschet das Bild – Rebsorten, die maßgeblich zum wachsenden Ruf der Weinregion beitragen.
Die Vielfalt des Alentejo
Offiziell ist der Alentejo in acht Subregionen unterteilt: Portalegre, Borba, Redondo, Évora, Reguengos, Vidigueira, Moura und Granja-Amareleja. Während nördliche Bereiche wie Portalegre von höheren Lagen und den Ausläufern der Serra de São Mamede profitieren und dadurch kühlere Nächte aufweisen, dominieren im Süden deutlich wärmere und trockenere Bedingungen. Die Böden variieren entsprechend: Im Norden findet man Granit und Schiefer, im Zentrum Kalk- und Tonböden, im Süden leichtere Sand- und Schotterstrukturen.
Als Ausgangspunkt, um die Region zu erkunden, empfiehlt sich Évora, dessen außergewöhnlich gut erhaltenes historisches Stadtzentrum seit 1986 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Der römische Tempel, die mittelalterliche Kathedrale und die Capela dos Ossos gehören zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Kulinarisch bietet Évora traditionelle wie moderne regionale Küche. Empfehlenswerte Adressen sind etwa das »Restaurante Dom Joaquim«, das klassische alentejanische Gerichte in zeitgemäßem Rahmen interpretiert, sowie das »Botequim da Mouraria«, ein kleines, oft ausgebuchtes Lokal mit einer auf wenige, täglich wechselnde Speisen reduzierten Karte. Als Unterkunft bietet sich das außerhalb des Zentrums gelegene »Convento do Espinheiro« an, ein zum Hotel umgebautes Kloster aus dem 15. Jahrhundert.
Etwa vierzig Minuten südöstlich von Évora befindet sich die Herdade do Esporão, eines der einflussreichsten Weingüter Portugals. Der Betrieb umfasst rund 1800 Hektar, mit Weinbergen, Olivenhainen und mehr – alles biozertifiziert. Führungen durch den Keller und die Olivenölproduktion werden ebenso wie Degustationen angeboten. Das zugehörige Restaurant »Esporão« arbeitet konsequent mit saisonalen, lokalen Zutaten und ist seit 2022 mit einem Stern ausgezeichnet. Wenn man in der Gegend ist, sollte man unbedingt auch das hübsche Dorf Monsaraz mit Blick auf den Alqueva-Stausee besuchen.
Antike Talhas
Rund eine halbe Stunde südlich von Esporão liegt Vidigueira, das Zentrum des traditionellen Vinho de Talha. Hier befindet sich unter anderem die Herdade do Rocim, die maßgeblich an der Wiederbelebung dieser historischen Weinbereitung beteiligt ist und Besucher gern willkommen heißt. Talhas sind große Tonamphoren, die im Alentejo seit der Römerzeit zur Weinherstellung dienen. Hergestellt werden sie heute nicht mehr, weshalb sie heiß begehrt sind. Seit 2010 ist Vinho de Talha als eigene DOC-Kategorie anerkannt. Besonders im nahe gelegenen Vila de Frades arbeiten mehrere Betriebe weiterhin konsequent nach dieser Methode.
Ebenfalls in Vidigueira liegt die Quinta do Paral. Das Gut wurde 2017 vom Unternehmer Dieter Morszeck, dem ehemaligen Eigentümer der Koffermarke »Rimowa«, übernommen und umfassend modernisiert. Gemeinsam mit dem Önologen Luís Morgado Leão und dessen brasilianischer Ehefrau entwickelte er die Quinta do Paral zu einem zauberhaften Weinrefugium. In den Rebbergen wachsen autochthone Rebsorten wie Arinto, Antão Vaz, Touriga Nacional und Alicante Bouschet, teilweise aus über 40 Jahre alten Anlagen. Das Weinhotel der Extraklasse mit 22 Zimmern bietet sich als Ausgangspunkt für Touren durch die Subregion an.
Luxuriöse Küste
Einen deutlichen Kontrast zum Hinterland bildet die Atlantikregion um Comporta. Seit den 1990er-Jahren hat sich das Gebiet zwischen Reisfeldern, Dünenlandschaften und Pinienwäldern von einem weitgehend unbekannten Küstenstreifen zu einer der exklusivsten Destinationen Portugals entwickelt. Einige Stars, darunter Philippe Starck, Christian Louboutin, George Clooney und Paris Hilton besitzen hier exklusive Immobilien. Trotz der Dynamik setzt die Region auf zurückhaltende Architektur und naturnahe Konzepte. Hier verbinden sich Luxus und Nachhaltigkeit auf subtile Weise. Der Alentejo bleibt damit das ideale Reiseziel für jene, die Portugal fernab des Massentourismus entdecken möchten – authentisch, vielfältig und unverwechselbar.