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© Zürich Tourismus / David Hubacher

Werkstadt Zürich: Neues Leben zwischen alten Gleisen

Zürich
Geschichte
Kulinarik

Wo über 100 Jahre Züge gewartet und repariert wurden, wird heute Schweizer Schokolade hergestellt, Bier gebraut und Kaffee geröstet. Die Werkstadt in Altstetten verwandelt industrielle Geschichte in eine lebendige Zukunft.

Die hellbraunen Backsteinfassaden sprechen für sich. Wer die SBB-Werkstätten an der Hohlstrasse zum ersten Mal betritt, fühlt sich unweigerlich ins Indus­triezeitalter zurückversetzt. Über hundert Jahre lang wurden hier hauptsächlich Züge gewartet, doch seit 2021 verändert sich das Areal der Schweizerischen Bundesbahnen grundlegend.

Damals lancierten die SBB als Grundeigentümer zusammen mit der Stadt und der kantonalen Denkmalpflege – denn die Bauten stehen unter Denkmalschutz – einen Masterplan. Aus dem einst geschlossenen Industrieareal soll ein pulsierendes Stück Stadt werden – die Werkstadt. Ein kleines Stadtquartier für urbane Produktion, Kultur und Erholung.

Gebaut für Züge, gedacht für Zukunft

Begonnen hat die Geschichte des Areals im Jahr 1902. Nach zähem Ringen zwischen rivalisierenden Privatbahnen und schliesslich einer Volksabstimmung werden die SBB gegründet. Irgendwo müssen all die Züge gewartet werden. Aber wo? Zürich wird zur ersten Grossstadt des Landes – und damit zum logischen Verkehrsknotenpunkt. So ist die Hauptwerkstätte das erste Bauprojekt der neuen Bundesbahnen, drei Jahre nach ihrer Gründung.

Diese vor über 100 Jahren errichteten Gebäude erstrecken sich heute über fast einen Kilometer entlang der Hohlstrasse. Das gesamte Areal umfasst 42.000 Quadratmeter. In seiner architektonischen Strenge und räumlichen Dimension erinnert es an das Sulzerareal in Winterthur, wo die Gebrüder Sulzer im 19. Jahrhundert eine Metallgiesserei gründeten. Beide Orte stehen exemplarisch dafür, wie sich ehemalige Industrieareale zu zeitgemässen Stadtquartieren entwickeln können – ohne ihre Herkunft zu verleugnen.

In den historischen Hallen der Werkstadt entstehen täglich Produkte, die für ein neues Verständnis der Stadt stehen: lokal, transparent, handwerklich. Die Schokoladenproduktion laflor, das Bierwerk und ViCAFE – die übrigens jede Nacht frische Croissants und Gebäck backen – haben in der ehemaligen Wagenwerkstatt ihren Platz gefunden. Vis-à-vis vom Eingang zu laflor steht das letzte von sechs WC-Häuschen. Es erinnert an den Arbeitsalltag Tausender Werkstattarbeiter. Ein paar Schritte weiter, in der ehemaligen Holztrocknerei, hat 2021 das Restaurant «Nüni» eröffnet.

Von Zürich für Zürich

Die Werkstadt ist ein Zuhause für Gewerbe, Gastronomie und Manufakturen. Manufakturen, die gastronomische Betriebe mit ihren Produkten beliefern. Wie «Deux Frères», die in ihrer eigenen Destillerie in Altstetten Gin und andere Spirituosen herstellen. Oder «Wermut Helvetico», drei Freunde, die in der SBB-Werkstatt mit Wein aus Höngg und dem Aargau einen stimmigen Wein-Aperitif kreieren. Auch Soeder, dessen Seifen auf fast jeder Zürcher Gastro-Toilette anzutreffen sind, produziert hier vor Ort natürliche Körperpflegeprodukte, nachhaltig und fair.

All diese städtischen Manufakturen kennen die Herausforderungen der urbanen Produktion: begrenzter Raum, Auflagen der Behörden und hohe Fixkosten. «Das verbindet uns alle», bekräftigt Lidia De Petris vom Bierwerk. Sie fördern das Miteinander der Produzent:innen auf dem Areal. So braute das Bierwerk gemeinsam mit ViCAFE das Kaffee-Stout «Pink Ink», und laflor ergänzt die Kaffee-Führungen bei ViCAFE mit fein abgestimmten Schokoladen-Degustationen. Solche Kooperationen zeigen, wofür die Werkstadt steht: für urbane Produktion mit einer Mission. Für gelebte Stadtentwicklung und für ein Quartier, das sich nicht nur durch seine Geschichte definiert, sondern durch das, was aus ihr gemacht wird.

Die Werkstadt entsteht mit grossem Respekt für die Geschichte des Ortes.
© SBB CFF FFS
Die Werkstadt entsteht mit grossem Respekt für die Geschichte des Ortes.

Bierwerk

Frisch gebraut, direkt gezapft

Gegründet wurde das Bierwerk 2021 als kleine Stadtbrauerei mit grosser Vision: frisches Bier aus schonender Produktion – für die Nachbarschaft, nicht für den Ferntransport. Ihre Produktion haben die drei Gründer:innen im September 2023 mit der Werkstadt Zürich ergänzt. Unpasteurisiert und unfiltriert bleibt das Bier durchgehend stressfrei. Lange Gär- und Reifezeiten, kurze Wege und höchste Hygienestandards garantieren Frische. «Pasteurisierung ist wie UHT – haltbar, aber nicht lebendig», erklärt Braumeisterin Lidia De Petris.

Die Biere sind süffig, ausgewogen und schmecken, wie sie gebraut wurden: ehrlich. Einige Sorten wechseln monatlich. Viele davon entstehen zuerst in der «Tankbierbar» an der Europaallee. Dort, wo das Feedback der Gäste direkt ins Rezept fliesst. Beliebt ist das Velobier mit 2,8 % oder das 8.-März-Bier, gebraut von Frauen, jährlich neu interpretiert. Der Gewinn wird an Organisationen gespendet, die Frauen unterstützen, in der Bierwelt oder sonstwo.

© J.P. Ritler

Laflor

Von der Bohne bis zur Tafel

Seit Anfang 2025 produziert laflor in der Werkstadt Zürich, lokal und transparent. Die Kakaobohnen stammen von kleinen Höfen und Kooperativen aus Brasilien, Ecuador, Venezuela, Peru und Kolumbien – die kolumbianischen werden sogar per Segelschiff transportiert. Diese Bohnen werden dann von Felchlin geschält, bevor sie in die Werkstadt geliefert werden. Alle weiteren Schritte – vom Rösten und Verarbeiten zur Schokoladenmasse bis hin zum Giessen, Verpacken und Versenden – geschehen unter einem Dach. Made in Zurich, eben.

Gegründet wurde laflor von Laura Schälchli, Zelia Zadra, Ivo Müller und Heini Schwarzenbach, zunächst im DasProvisorium des Zürcher Food Hub. Nach sechs Jahren im Zwischennutzungsmodus ist die Werkstadt der nächste Schritt. Auf 500 Quadratmetern entsteht nicht nur Schokolade, sondern auch ein Ort für Degustationen, Workshops und Begegnung. Einmal im Monat öffnet laflor die Türen zur Manufaktur: mit Führung und Schokoladenverkostung – jeweils bis 20 Uhr.


 

Erschienen in
Falstaff Food Zürich Special 2025

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Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
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