Juliette Binoche: »Männer, die kochen, finde ich verführerisch«
Kochen hat Juliette Binoche schon als Kind von ihrer Mutter gelernt. Die französische Schauspielerin kocht noch immer gern und mit viel Liebe – nicht nur im Film.
Es brutzelt, es dampft, es köchelt, und der köstliche Duft von frischem Baguette, geschmolzener Butter, Rosmarin und gebratenem Fleisch scheint den Kinosaal zu durchziehen, und zwar 136 Filmminuten lang. Filmkritiker rieten deshalb dringend davon ab, sich »La Passion de Dodin Bouffant« (auf Deutsch: »Geliebte Köchin«) mit leerem Magen anzuschauen.
D’accord: Hungrig ist es eine reine Qual, dabei zuschauen zu müssen, wie auf dem großen Holzherd in den vielen Kupfertöpfen langsam und auf wunderbare Weise die herrlichsten Gerichte entstehen. Satt hingegen ist dieser kulinarische Liebesfilm aus dem Jahr 2023 ein Genuss, auch – oder gerade –, weil einem ständig das Wasser im Mund zusammenläuft.
Juliette Binoche spielt darin die Köchin Eugénie. Sie ist die rechte Hand – und Geliebte – des Küchenchefs Dodin Bouffant. Dieser gilt in Frankreich um 1885 als »der Koch der Könige und der König der Köche«. Diplomaten und Botschafter aus aller Welt kommen auf sein Schloss ins idyllische Val de Loire, um sich von ihm – und Eugénie – verwöhnen zu lassen.
Während Dodin gelobt und gefeiert wird, bleibt Eugénie stets im Hintergrund. Doch Dodin ist sich wohl bewusst, dass er ohne sie an seiner Seite niemals der berühmte Gastronom geworden wäre.
Denn Eugénie ist es, die über dem Feuer die wahren Wunder vollbringt: in Butter gebratene Kalbslenden mit Thymian und Minze, geschmorte Salatherzen, im Gemüse-Milchsud gezogener Steinbutt, serviert mit einer feinen Sauce Hollandaise, in Wein geschmorte Wachteln, Vol-au-vent mit Meeresfrüchten und – natürlich – das französische Nationalgericht Pot-au-feu, das sie mit ruhiger Hand und noch mehr Liebe für die Tafelrunden zubereitet.
»Ich koche«
Ob sie bei den Dreharbeiten ein kulinarisches Double gehabt hätte, wurde Juliette Binoche von Journalisten häufig gefragt, so gekonnt und souverän ist ihre Darbietung als Köchin. »Nein, ich koche!« antwortete sie belustigt. »Und was wir noch nicht konnten, haben wir zuvor gelernt.«
Und zwar von niemand Geringerem als von Pierre Gagnaire, dem französischen Starkoch, der mit zahlreichen Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde. Ihn hatte der Drehbuchautor und Regisseur Tr`ân Anh Hùng als gastronomischen Berater engagiert und ihm auch die Auswahl der Rezepte für den Film überlassen. »Wir haben uns Videos angesehen, in denen Gagnaire die Speisen kocht. Bevor wir die Szenen gedreht haben, wussten wir also schon ungefähr, wie man sie macht. Wenn man lange kocht, hat man oft ein Gefühl dafür, weil die Hände mehr wissen als man selbst«, sagte die Schauspielerin.
Und kochen, das kann die Französin schon seit ihrer Kindheit. »Meine Mutter hat mir das Kochen beigebracht, nicht so großartig wie im Film, sondern eher alltägliche Gerichte, aber immer mit Raffinesse: ein bisschen Knoblauch, ein paar Kräuter, hier und da ein bisschen Curry. Das sind Dinge, die man durch Begegnungen lernt oder von seinen Eltern – meine haben das Kochen geliebt.«
Auch ihre Liebe zum Theater und Film gaben Juliettes Vater und Mutter an ihre Tochter weiter. Jean-Marie Binoche war ein Filmemacher und Theaterregisseur, Monique Stalens Schauspielerin. Schon in der Schule begann das Mädchen, Theater zu spielen. In die Seele anderer Menschen hineinzukriechen, ja sogar jemand anders sein zu können – wenigstens auf der Bühne –, machte ihr nicht nur Freude, sondern half ihr auch, sich von dem Schmerz, den sie seit der Trennung ihrer Eltern immer in sich spürte, abzulenken.
Gelebte Schauspielkunst
Ihre Sensibilität, ihr Hunger nach Wahrhaftigkeit und ihre Fähigkeit, jeder Figur, die sie verkörpert, eine unergründliche Tiefe zu verleihen, blieben in der Branche nicht lange unbemerkt.
Schon mit Anfang 20 gaben ihr namhafte Regisseure wie Jean-Luc Godard, Louis Malle oder Jacques Rouffio Rollen in ihren Filmen, obwohl Binoche gar keine formale Ausbildung vorzuweisen hatte.
Ihr Schauspielstudium am Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique in Paris hatte sie schon nach wenigen Monaten abgebrochen, weil sie den Unterricht als zu strikt und rigide empfand. Wie sollte sie da experimentieren, wie sich künstlerisch entwickeln können? »Schauspielerei ist nicht etwas, das man lernt, sondern etwas, das man lebt«, begriff sie damals. Das bedeutet für sie, immer wieder ihre eigenen Grenzen zu überschreiten, Stille zu ertragen, akribisch sich und andere zu beobachten und nie irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen.
Keine leeren Worte – das bewies sie mit jedem Film aufs Neue. Ob sie in Milan Kunderas »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins« die sensible Kellnerin Teresa, in »Die Liebenden von Pont-Neuf« eine erblindende Malerin, in »Drei Farben: Blau« eine Mutter, die ihren Mann und ihr Kind verloren hat, oder in »Der englische Patient« eine kanadische Krankenschwester, die glaubt, auf ihr laste ein Fluch, spielte, immer wagte sich Binoche bewusst auf unbekanntes Terrain – und überraschte das Publikum mit ihrer Wandlungsfähigkeit.
Für »Der englische Patient« erhielt die Französin 1997 den »Oscar« als »Beste Nebendarstellerin«, und Hollywood lag ihr zu Füßen. Aber sie entschied, nicht in Los Angeles zu bleiben, sondern nach Frankreich zurückzugehen, um dort zu arbeiten.
Ihrem Erfolg tat das keinen Abbruch: Mit dem bezaubernden Märchen »Chocolat – ein Biss genügt« landete sie an der Seite von Johnny Depp und Judi Dench den nächsten Welterfolg.
Was sie daran gereizt hat, die ruhelose Nomadin Vianne zu spielen, die mit ihrer kleinen Tochter kurz vor Beginn der Fastenzeit in das Provinzdorf Lansquenet-sous-Tannes kommt, eine Chocolaterie eröffnet und mit ihren Schokopralinen, Kakaobohnen und heißer Schokolade selbst den bigotten Bewohnern den Kopf verdreht, wollten viele von ihr wissen. Binoches Antwort: »Ich liebe Schokolade über alles. Darum bemühte ich mich um diese Rolle ganz besonders. Dabei stand damals noch gar nicht fest, dass Johnny und Judi dabei sein würden.«
So kam es, dass Juliette kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes in England – denn dort wurde der Film hauptsächlich gedreht – vor laufender Kamera Trüffel mit Chili und in dunkle Schokolade getunkte Orangenzesten fabrizierte.
Jeden Mittwoch Crêpes
Wie ihre Mutter hat auch Binoche, wenn sie zu Hause in Paris war, für ihren Sohn Raphaël und ihre Tochter Hana gekocht und versucht, sie zu motivieren, auch selbst einen Löffel in die Hand zu nehmen: »Es war mir sehr wichtig, dass sie Spaß daran hatten, zu schälen, zu schneiden, zu schmelzen, zu kochen, zu probieren und zu riechen.
Und als sie noch klein waren – wahrscheinlich mindestens 15 Jahre lang –, haben wir jeden Mittwoch gemeinsam Crêpes gemacht. Das war unser Ritual. Ein Tag nur für uns. Und heute lieben es beide, zu kochen, und darauf bin ich sehr stolz«, sagte sie in einem Interview.
Versöhnung beim Kochen
Sehr ansprechend findet es die sinnliche Aktrice, wenn ein Mann gut kochen kann. »Ich finde das sehr verführerisch. Es hat etwas Herzliches, etwas Besonderes. Und es ist eine Form von Intimität ohne Worte. Eine Einladung. Kein Versprechen – aber ein erster Schritt.«
Der Vater ihrer Tochter Hana, der Schauspieler Benoît Magimel, hat diese Kunst der Verführung offensichtlich beherrscht: »Benoît ist ein ganz großartiger Koch«, bestätigt sie. Ihre Beziehung scheiterte dennoch nach fünf Jahren. Seit der Trennung 2003 war das Verhältnis zwischen den beiden sehr angespannt, sie sprachen kaum miteinander.
Das änderte sich jedoch mit den Dreharbeiten von »La Passion de Dodin Bouffant«. Regisseur Trần Anh Hùng besetzte nämlich die Rolle des Chef de Cuisine mit Magimel. Eine brisante Entscheidung. Sehr nervös sei sie bei dem Gedanken gewesen, mit ihrem Ex-Partner so eng zusammenzuarbeiten, ja ein Liebespaar darstellen zu müssen, noch dazu eines, das perfekt harmoniert. Doch ausgerechnet beim gemeinsamen Kochen gelang es ihnen, nach all den Jahren Frieden zu schließen. »Das ist für mich ein Geschenk«, sagt die 61-Jährige: »Benoît und ich haben uns versöhnt. Die Liebe ist größer als Konflikte oder ungesagte Dinge. Es war schön, das erleben zu dürfen. Und ich hoffe, das ist im Film spürbar. Vielleicht kann es auch anderen Menschen. helfen, sich zu versöhnen.«