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Abhänge mit Seeblick: Der Neusiedler See ist ein weitläufiger Steppensee und wirkt zum Wohle der Rotweinerzeuger wie ein Thermostat für die Rebberge im warmen pannonischen Klima.

Abhänge mit Seeblick: Der Neusiedler See ist ein weitläufiger Steppensee und wirkt zum Wohle der Rotweinerzeuger wie ein Thermostat für die Rebberge im warmen pannonischen Klima.
© ÖWM/WSNA

Rotwein aus dem Burgenland: Gekommen, um zu bleiben

Burgenland Special 2024
Burgenland
Rotwein

Das »Rotweinwunder Burgenland« steht fest auf den Schultern einiger Titanen. Eine Handvoll visionärer Winzer begann Ende der 1970er-Jahre, den burgenländischen Rotwein neu zu denken. Auf diesem soliden Fundament stehen heute die Rotweinerzeuger, die sich nach vierzig Jahren konsequenter Entwicklung mit den Weltbesten messen können. Eine Zeitreise in Sachen Rotwein im Burgenland.

100 Punkte für einen Rotwein aus dem Burgenland! Wer hätte das noch vor zwanzig Jahren für möglich gehalten? Gut, einmal abgesehen von nicht wenigen besonders motivierten Winzern. Aber genau diesen engagierten, vorwärtsgewandten Typus von Weinbauer braucht es für jede Form von Innovation. Und die hat es im Burgenland in gewissem Ausmaß immer gegeben. Drehen wir das Rad der Weinzeit zurück: in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Eine Zeit, wo nach der Energiekrise langsam so etwas wie eine Spitzengastronomie am heimischen Horizont auftaucht und erste Mutige den Blick nach Frankreich richten. Am Arlberg und in der Bundeshauptstadt ist es die führende Hotellerie, die in ihren Restaurants einer betuchten Klientel Weine aus Chablis, dem Burgund und dem Bordeaux aufwartet; in den westlichen Bundesländern regieren bis in die Gasthöfe – dank des Zollfreiabkommens mit Italien – der Südtiroler Rotwein und zunehmend auch Rotwein aus der Toskana und dem Piemont. Rotwein aus dem Burgenland ist erst ein zartes Pflänzchen, Weißwein dominiert neben süßen Weinen das Geschehen.

Aus Rötele wird Rotwein

Vor 45 Jahren, im Jahr 1980, verkostete ein Expertenpanel unter der Leitung von Dr. Helmut Romé die damals besten Rotweine des Landes, das Ergebnis wurde in der zweiten je erschienenen Ausgabe des Falstaff-Magazins publiziert. Die eingereichten Mengen waren überschaubar, die Weine wurden »unter Berücksichtigung ihrer trockenen Struktur und ihres Rotweincharakters« bewertet. Heute kaum bekannt: Damals hatten viele heimische Rotweine noch einen deutlichen Restzucker und eine recht helle Farbe. Mit der Bewertung des Jahrgangs 1979 begann für den burgenländischen Rotwein eine neue Zeitrechnung. Neben einem St. Laurent aus der Thermenregion, einem Blauburger aus Retz und einer Cuvée aus Dürnstein wurden je ein Blaufränkisch von Wiesler aus Deutsch Schützen und ein Blaufränkisch von Hans Igler zu den besten Roten gewählt.

Im Folgejahr blieb der schwache Jahrgang 1980 unberücksichtigt; nochmals wurde der 1979er, nun mit etwas mehr Fassreife, bewertet. Und man attestierte der Sorte Blaufränkisch, dass sie die ausdrucksvollsten Rotweine liefert. Unter den besten fünf Weinen 1981 befanden sich nun gleich vier Blaufränkisch aus dem Burgenland: zwei von Hans Igler, ein »Médoc-Gourmet« von Wiesler und der Fahnenschwinger von Stefan Wellanschitz aus Neckenmarkt. Die Jury war von der »imposanten qualitativen Entwicklung« der trockenen Rotweine begeistert. Der 1979 Ried Hochberg (III) von Hans Igler bekam 19,1 von 20 Punkten. 1984 wurde der Jahrgang 1983 ins Visier genommen und es erfolgte eine weitere Zäsur.

Bis zum Jahr 2002 war die Produktion von weisswein im Burgenland grösser als jene der Rotweine. Seither dominiert die Farbe rot das Geschehen in den kellern.

Eine neues Bordeaux?

Die führenden Produzenten hatten längst Bordeaux als Vorbild auserkoren und nun tauchten die entsprechenden Rebsorten samt der Diskussion über den Ausbau im neuen Holz auf. Die ersten Weine waren noch eher im neuen Holz gelagert, oft in weniger geeignetem Limousin-Holz, Sorten wie Merlot und allen voran Cabernet Sauvignon waren erst als Versuchsanlagen genehmigt. 1984 hieß der Falstaff-Sieger Anton Kollwentz, der erfolgreiche Rotwein war ein reinsortiger Cabernet Sauvignon 1983. Platz zwei holte Josef Gager mit Blaufränkisch. Kollwentz wiederholte 1984 mit Cabernet 1984 seinen Falstaff-Sieg, allerdings erreichten die Weine nicht das Niveau der tollen 1983er. 1986 kamen alle drei Siegerweine aus dem Burgenland: Blaufränkisch Fass 4 vom Klosterkeller der Barmherzigen Brüder erreichte die höchste Punktzahl vor dem im Limousin ausgebauten Cabernet von Kollwentz und dem Blaufränkisch Cuvée d’Or von Franz Schindler in Mörbisch.

Ab 1987 wurden für die Einreichung der wichtigsten Sorten und Barriqueweine zwei Jahre Flaschenreife verlangt. Der Qualitätssprung war unübersehbar: Man hatte jetzt Falstaff-Sieger in zwei Kategorien: ohne und mit Barriqueausbau. 1988 holten sich zwei wegweisende Weine den Sieg: das Weingut Stiegelmar aus Gols (heute JURIS) mit St. Laurent 1986 und im Bereich mit neuem Holz Ernst Triebaumer mit Blaufränkisch 1986 mit der Riedbezeichnung Mariental. Das Fundament für die zukünftige Entwicklung stand.

Die wilden Neunziger

Die Prämierung 1991 brachte zwei noch eher neue Namen auf das Sieger-Tableau, die für die weitere Entwicklung der burgenländischen Rotweine bis heute in ihrer Wirkung nachhallen: Josef Pöckl aus Mönchhof punktete mit St. Laurent 1989 Admiral und Engelbert Prieler mit dem klassischen Blaufränkisch 1989. Mit dem Jahrgang 1990 wurde ein neuer Trend sichtbar, nämlich jener zur Cuvée, vorzugsweise mit klingenden Namen: Hinter dem Cabernet Sauvignon 1990 von Hans Igler platzierten sich im Barrique-Sektor die »Cuvée Vulcano« – ebenfalls Igler – und ebenfalls im Leaderboard »Opus Eximium« von Engelbert Gesellmann, der bereits 1983 mit einem Blaufränkisch 1982 erstmals unter den besten burgenländischen Rotweinen zu finden war.

1995 entschied man sich seitens des Falstaff-Magazins, die Aufteilung in Barrique- und Nicht-Barrique-Weine aufzugeben, der Titel »Falstaff-Sieger« ging an die jeweils drei Topweine des Hauptjahrgangs wie den 1993 Pannobile von Paul Achs oder im Jahr 1996 an 1994 Pannobile von Anita und Hans Nittnaus – immer dabei Blaufränkisch und Cabernet in Reinkultur. Die Produktion der Rotweine war mittlerweile auch flächenmäßig gewachsen, die heimischen Konsumenten hatten Vertrauen in den burgenländischen Rotwein gefasst und auch Mutter Natur ließ sich nicht lumpen: Mit 1997, 1999 und 2000 wurden die Winzer mit Traubenmaterial beschenkt, das nun auch im größeren Stil wirklich gute Rotweine entstehen ließ.

Der biologische Säureabbau und der wohldosierte Einsatz von neuen, kleinen Holzfässern wurden immer besser beherrscht. In dieser Periode von 1990 bis 2000 wurden zahlreiche Kultweine des neuen Stils, sprich im Barrique vinifiziert, geboren, die bis heute Bestand haben. Zu diesen burgenländischen Ikonen gehören Weine wie Admiral (Pöckl, 1990), Comondor (John Nittaus, 1990), Blaufränkisch Perwolff (Krutzler, 1992) oder Salzberg (Heinrich, 1999), um nur die relevantesten zu nennen.

Weingut Keringer: Robert und Marietta Keringer aus Mönchhof setzen auf kraftvolle, saftige Rote. Für ihre Linie »100 Days« bleibt die Maische 100 Tage im Tank.
Foto beigestellt
Weingut Keringer: Robert und Marietta Keringer aus Mönchhof setzen auf kraftvolle, saftige Rote. Für ihre Linie »100 Days« bleibt die Maische 100 Tage im Tank.

Weine mit Handschrift

Mit dem neuen Jahrtausend wurde die burgenländische Weinszene immer vielfältiger, der Begriff »Terroir« ist längst kein Schlagwort mehr. Vom Leithaberg bis zum Eisenberg versuchten die Winzer, Geologie und Klima in ihren Rotweinen nachvollziehbar zu machen. In weiterer Folge wurden die Weinbaugebiete und die jeweils dominierenden Rotweinsorten in das neue österreichische DAC-System eingewoben, das die Herkunft neben dem Dach »Burgenland« für den Konsumenten nun auch in stilistischer Hinsicht unterstrich. 2006 war das Mittelburgenland mit seinem klaren Fokus auf Blaufränkisch das zweite Gebiet österreichweit, das seine Weine als DAC anbieten konnte. 2009 folgte Leithaberg DAC, 2010 Eisenberg DAC und 2012 Neusiedler See DAC. Mit Rosalia DAC 2018 war die Herkunftsschiene für die Rotweinproduktion schließlich komplettiert.

Stilistisch hat sich das Angebot der burgenländischen Qualitätsweine in Rot enorm verbreitert und der Konsument findet für jede Lebenslage das Richtige. Die Palette weist saftig-komplexe Weine auf, wie sie im Raum von Gols bis Andau hergestellt werden, die oft auf der Sorte Blauer Zweigelt, die sich hier ganz besonders wohl fühlt, aufbauen. Winzer wie Allacher, Keringer, Jacqueline Klein, Hillinger, Salzl, Hannes Reeh, Scheiblhofer oder Hans Schwarz erzeugen hier zugängliche kraftvolle Rotweine mit Fülle, die zu einem ansprechenden Preis im ganzen Land verfügbar sind.

Am Leithaberg wiederum geht es um Finesse und Leichtfüßigkeit: Das Holz tritt in den Hintergrund, die Mineralität, geprägt von Schiefer und Kalk, in den Vordergrund. Hier und auch in Rust entstehen mit die besten Blaufränkisch-Weine des Landes, aber auch St. Laurent und Pinot Noir gelingen hier in kühleren Lagen. Es ist die Region mit Spitzenbetrieben wie Kollwentz, Wagentristl, Mad, Georg Prieler, Hannes Schuster, St. Zehetbauer, Markus Altenburger, aber auch »Auswärtige« wie Gernot Heinrich, John Nittnaus oder Christian Tschida setzen auf die Vorzüge der Trauben dieser Lagen. In Rust sind es die beiden Triebaumer-Betriebe, Feiler-Artinger, Hammer oder Kraft sowie Schindler in Mörbisch.

Rosalia DAC bildet den Übergang zum Mittelburgenland, wo die Blaufränkisch-Weine kernig und stoffig ausfallen. Die Liste der Toperzeuger mit vier oder fünf Falstaff-Sternen ist lang: Sie reicht von Albert Gesellmann über Gager, Iby, Igler, Kerschbaum, Silvia Heinrich, Tesch, Wellanschitz bis MORIC. Im Süden schließt sich mit den mineralischen Blaufränkisch vom Eisenberg DAC der Reigen. Neben Krutzler zählen hier Jalits, Kopfensteiner, Uwe Schiefer und Wachter-Wiesler zu den bekanntesten Erzeugern in Sachen Top-Blaufränkisch.

Neue rote Welle

Und doch ist damit die Geschichte des Rotweins aus dem Burgenland noch nicht fertig erzählt. Denn auch die Idee des Natural Wine ist hier auf fruchtbaren Boden gefallen und speziell ein junges, urbanes Publikum im In- und Ausland weiß den meist leichteren, fruchtigen und unkomplizierten Stil zu schätzen, Herkunfts- und Sortencharakter spielen hier eine untergeordnete Rolle, es zählt allein das Trinkvergnügen. Zu den angesagten Proponenten dieser Linie zählen Claus Preisinger, Andert, Judith Beck, Hareter, Gernot Heinrich, Joiseph, Gut Oggau, Gerhard Pittnauer, Kollektiv Peternell, Franz Weninger oder Projekt Wildtyp. All diese Weine stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern sind Sinnbild einer enormen Bandbreite, die eine starke individuelle Weinbauregion wie das Burgenland ausmacht.

Es gibt hier präzise, feinziselierte Blaufränkisch aus Toplagen neben wuchtigen Cuvées à la Batonnage, die internationalen Weinkalibern wie Masseto oder Penfolds Grange Angst einjagen, aber schließlich auch verspielte, moderne Ansätze mit Namen wie Puszta Libre, Gramuri oder Freyheit. Am Ende des Tages entscheidet der Konsument. Und das Gute an der Sache ist: Alle diese besonderen Rotweine stammen aus dem Burgenland.


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Peter Moser
Peter Moser
Chefredakteur Wein
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