Lebensbeichte eines Gastgebers: Vincent Moissonnier sehnt sich nach einem anderen Leben
Kölns berühmtester Kneipier blickt in seinem neuen Buch »Ein Tisch am Fenster« auf seine unvergleichliche Karriere zurück. Er erzählt von ungebetenen Michelin-Sternen, vom Kampf gegen die eigene Depression und einen Neuanfang, der keiner sein sollte.
»Seit bald 40 Jahren stehen sich zur Mittagszeit in einer unscheinbaren Kölner Straße Menschen die Füße platt.« Viel treffender lässt sich der Erfolg und die Szenerie vor dem »Le Moissonnier« kaum beschreiben. Das französische Restaurant in der Krefelder Straße, unweit des Hansarings, ist längst eine Institution – nicht nur in Köln, sondern weit darüber hinaus. Dabei sollte seine Geschichte schon vor zwei Jahren zu Ende gehen.
Aber von vorn: Anfang der 1980er Jahre treffen sich zwei junge Franzosen in Berlin. Er lernt in einem der besten Restaurants der Hauptstadt, sie im ehrwürdigen »Bristol-Kempinski«. Es ist der Beginn einer Liebesgeschichte – und einer kulinarischen Vision, die in Köln Wirklichkeit wird. 1987 eröffnen Liliane und Vincent Moissonnier dort ihr eigenes Bistro: das »Le Moissonnier«. Was ursprünglich als charmantes französisches Lokal geplant war, wird unter Küchenchef Eric Menchon zu einem der renommiertesten Restaurants des Landes – mit zwei Michelin-Sternen dekoriert.
Zwischen Bistro und Haute Cuisine
Doch dieser Ruhm hat seinen Preis. Der Druck wächst, die Sehnsucht nach Leichtigkeit ebenso. Irgendwann sagen die Moissonniers: Es reicht. Sie steigen aus dem Sterne-Zirkus aus – und erfinden ihr Restaurant neu.
Davon, und von vielem mehr, erzählt Vincent Moissonnier nun in seinem Buch »Ein Tisch am Fenster – Geschichten aus einem besonderen Restaurant« das am 14. März erschienen ist. Gemeinsam mit dem Journalisten Bert Gamerschlag blickt er darin zurück auf eine außergewöhnliche Karriere zwischen Bistro und Haute Cuisine – und auf ein Leben, das immer der Gastfreundschaft gewidmet war. Ein sehr persönliches Werk über Erfolg, Verzicht und die Kunst, sich selbst nicht zu verlieren – so charmant erzählt, dass man das Buch fast mit dem französischen Akzent liest, den Moissonnier sich über die Jahre bewahrt hat.
Falstaff: Herr Moissonnier, ihr Buch »Ein Tisch am Fenster« ist nicht nur ein Blick hinter die Kulissen, sondern hat fast etwas Memoirenhaftes. Ist das nun der Anfang vom wirklichen Ende?
Vincent Moissonnier: Nein – das sind auch keine Memoiren im klassischen Sinne. Wer soll sich dafür schon interessieren? Jahrhundertköche wie Eckart Witzigmann oder Dieter Müller haben Großes hinterlassen. Wir anderen? Wir werden weggespült wie der Sand am Meer. Mir reicht es, wenn meine Kinder sich an mich erinnern. Das Buch dagegen soll vielmehr zeigen, was es wirklich bedeutet, ein Restaurant zu führen: Es ist eine Teamleistung, ein täglicher Hochleistungssport, der so oft unterschätzt wird.
Sie haben sich oft gefragt, ob es richtig war, Ihr Leben so dem Restaurant zu widmen – auch wegen ihrer Kinder. War es das?
Ich werde die Antwort nie wissen, ob meine Familie glücklicher gewesen wäre, wenn ich mehr zu Hause gewesen wäre oder unsere Kinder nicht im Internat aufgewachsen wären. Vielleicht wäre alles genauso verlaufen, vielleicht ganz anders. Aber ich bin kein Mensch, der zurückblickt – ich schaue nach vorne.
In Ihrem Buch blicken sie zurück und verraten Dinge, die viele nicht über Sie wussten – etwa, dass Sie Ihre Kindheit in Burkina Faso verbracht haben. Wie war das?
Es war eine wunderbare Zeit. Die 70er waren freier, weniger reglementiert – auch in Afrika. Rassismus spielte in meinem Alltag überhaupt keine Rolle. Für mich bedeutet Respekt einfach Menschlichkeit allen Mitmenschen gegenüber, ohne übertriebene politische Korrektheit.
Sie haben auch einmal mit dem Gedanken gespielt, nach New York zu ziehen. Was hat sie in Köln gehalten?
Drei Tage lang waren wir von New York fasziniert. Aber als Tourist mit Geld ist alles leicht – als Gastronom sieht es anders aus. Viele Restaurants, die wir besuchten, waren kurz darauf verschwunden. Köln hingegen hat uns alles gegeben: Erfolg, Familie, Sicherheit. Diese Stadt ist laut, bunt, vielfältig – und ich bin »ene kölsche Jung« – aus Frankreich. Das bleibt auch so.
Obwohl Sie aus der Spitzengastronomie kommen, ihre Ausbildung bei Henry Levy im Berliner Restaurant »Maître« absolvierten und anschließend in Köln bei Franz Keller arbeiteten, hatten Sie nie das Ziel, ebenfalls ein Sterne-Imperium aufzubauen. Warum?
Der Druck der Sterne ist enorm. Man kann auch viel erreichen, ohne sich an diese Auszeichnung zu klammern. Ich bin Perfektionist, pingelig und präzise – alles, was für einen Stern nötig ist – aber am Ende entscheiden nicht wir, ob wir ihn bekommen oder nicht. Der Guide Michelin entscheidet das.
Wir 'alten Säcke' sollten einfach zurücktreten.
Das erste Mal entschied er 1997. Auch diese amüsante Anekdote liest sich in ihrem Buch. Was ist damals genau passiert?
Eigentlich ist es Lilianes Geschichte. Der Inspektor legte an der Kasse seine Kreditkarte und den Michelin-Ausweis auf den Tisch. Liliane dachte, er wolle mit dem Ausweis bezahlen und sagte, den nehmen wir nicht. Als er dann meinte, das sei seine Visitenkarte, antwortete sie, wir machen keine Werbung, schon gar nicht mit Autoreifen. Schließlich bat er, mich zu rufen – ich würde das schon verstehen. Und das tat ich.
2008 folgte der zweite Stern. Und obwohl Sie es besser wussten, hat der Druck auch Sie krank gemacht. Im Frühjahr 2023 schlossen Sie das Restaurant, um es im September als gemütliches französisches Bistro wiederzueröffnen – ohne Sternen-Ambitionen. Sie baten den Guide Michelin sogar, Sie nicht mehr zu berücksichtigen. Warum?
Ich habe großen Respekt vor dem Guide Michelin, er ist und bleibt für mich die Koryphäe in Sachen Bewertung. Aber ich fand, es war an der Zeit, Platz für junge Talente zu machen. Es gibt viele vielversprechende Köche, die den Stern verdienen. Wir 'alten Säcke' sollten einfach zurücktreten.
Im März 2024 wurden sie dennoch wieder mit einem Stern ausgezeichnet. Haben sie sich mittlerweile damit versöhnt, oder ärgert es sie immer noch?
Geärgert hat es mich nie – es hat mich schlicht nicht mehr interessiert. Am nächsten Tag haben wir weitergearbeitet, als wäre nichts gewesen. Für Eric hatten die zwei Sterne hingegen eine besondere Bedeutung. Als ich sie ihm 'weggenommen' habe, tat ihm das weh, aber er hat es akzeptiert. Die rote Schatulle mit der Auszeichnung liegt immer noch verpackt unter seinem Arbeitsplatz.
Es tut mir jedoch in der Seele weh, wenn ich sehe, wie andere Köche, oft im Nachwuchsbereich, sich nur noch auf die Sterne konzentrieren, die Freude an der Arbeit verlieren, sich selbst verherrlichen und als Stars inszenieren. Früher war der Koch ein Handwerker, der im Hintergrund seine Arbeit gemacht hat, ohne nach Applaus zu suchen. Das ist der Kern des Berufs, nicht der Applaus. Der Fokus muss immer auf der Dienstleistung für den Gast liegen. Er ist das Wichtigste.
Wie hat sich diese Einstellung auf das »Le Moissonnier« ausgewirkt?
Seit wir auf die Sterne verzichtet haben, kommen keine »Vollpfosten« mehr zu uns. Das sind jene Gäste, die nur wegen der Sterne gekommen sind, um zu prüfen, was der Moissonnier so kann und wo es was zu mäkeln gibt. Dabei bin ich nur Kneipier, schaue, dass die Küche und der Service laufen und der Wein stimmt. Mehr nicht. Wir haben jetzt genau die Gäste, die wir wollen: entspannte Menschen, die bewusst kommen, um gut zu essen – und genau das gibt uns Freude, weil wir wissen, dass diese Menschen unser Angebot schätzen.
Le Moissonnier ist das Herz und der Antrieb unseres Lebens. Ich kann nicht einfach aufhören.
Es waren aber nicht nur die Sterne und schwierigen Gäste, die Sie dazu bewegten, einen Schlussstrich zu ziehen. Am Ende war es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Seitdem sprechen Sie offen über ein Thema, das viele Menschen betrifft, aber oft im Verborgenen bleibt – Depressionen. Wie war es für Sie, als Sie die Diagnose bekommen haben?
Bis dahin redet man sich ein: Das wird schon wieder. Aber es wird nicht besser. Der Wendepunkt kam, als ich eine großartige Therapeutin fand. Ich will jedem Mut machen, sich Hilfe zu holen. Depressionen sind unsichtbar – viele merken es nicht. Aber wer sich helfen lässt, kann wieder Freude finden. Wichtig ist, die eigenen Grenzen zu erkennen.
Im August letzten Jahres – genau ein Jahr nach der Wiedereröffnung – hatten sie einen schweren Sturz: Schädelbruch, Sie hatten Glück, dass Sie überlebt haben. Und trotzdem standen Sie schneller wieder im Restaurant, als es die Ärzte empfohlen haben. Können Sie überhaupt einmal zur Ruhe kommen?
Es war eine sehr persönliche Entscheidung. Das Restaurant war meine Therapie, und es tat gut zu sehen, dass es auch ohne mich läuft. Aber vor allem wollte ich meine Frau und das Team nicht im Stich lassen. Der Unfall hat mir geholfen, mich selbst mehr zu respektieren. Vor Kurzem hörte ich von einem Mann, der zwei Jahre lang in einem Gartenhaus versteckt lebte, das brachte mich zum Nachdenken: Ist das Restaurant vielleicht mein »goldenes Gefängnis«? Le Moissonnier ist das Herz und der Antrieb unseres Lebens. Ich kann nicht einfach aufhören, und doch sehne ich mich manchmal nach einem anderen Leben. Vielleicht wartet ja etwas völlig Unerwartetes – und genau das ist der Reiz.