Warum Cranberries als »Superfood« gelten
Während sie in Nordamerika in fast jedem Haushalt zu finden sind, werden sie bei uns oftmals mit Preiselbeeren verwechselt. Was hat es mit der »Großfrüchtigen Moosbeere«, wie die Cranberry auf Deutsch genannt wird, auf sich?
Cranberry und Preiselbeere sind wie Kirsche und Weichsel: Geschwister, aber keine eineiigen Zwillinge. Sowohl die alpenländischen Preiselbeeren als auch die amerikanischen Cranberries gehören zur Familie der Heidekrautgewächse, und trotz der Verwandtschaft weisen sie einige Unterschiede auf: Bei Preiselbeeren handelt es sich um scharlachrote, erbsengroße Wildfrüchte, die ein natürliches Waldbodenklima benötigen.
Cranberries hingegen sind rubinrot, olivengroß und eiförmig, sie gedeihen am besten auf sauren Moorböden, wie sie im Norden der USA und in Kanada vorzufinden sind. Vorrangig werden sie an der Nordostküste in Neuengland, in Massachusetts, New Jersey, Washington und in Wisconsin sowie den kanadischen Provinzen Edward Island, Neufundland und Quebec angebaut. Im Gegensatz zu den wild wachsenden Preiselbeeren werden Cranberries kultiviert und in großen »Betten« gezüchtet. Die Pflanze ist ein niedrig wachsender Strauch mit feinen Ranken, im Frühjahr entstehen schlanke rosa-weiße Blüten sowie später kleine rote Beeren. Die Blüte ist übrigens für den Namen verantwortlich. Denn diese erinnerte die ersten amerikanischen Siedler an Kopf und Schnabel eines Kranichs und so nannten sie die Beeren »crane berry«, was später zu »cranberry« wurde.
Leuchtend rote Ernte
Zur Cranberry-Ernte von September bis November werden zwei Verfahren angewandt: die Trockenernte und die Nassernte. Letztere ist eindrucksvoll: Reife Beeren sind leichter als Wasser. Die Felder werden deshalb geflutet, der künstlich erzeugte Wasserstrudel löst die Beeren von den Sträuchern und sie steigen an die Oberfläche, wo sie maschinell abgeschöpft werden. Diese Methode ist effizient und prägt das Bild vieler Cranberry-Farmen. In den Sammelstellen werden die Beeren dann gereinigt, sortiert, getrocknet oder tiefgefroren beziehungsweise weiterverarbeitet. Für den frischen Verzehr werden die Beeren hingegen trocken geerntet, da sie so länger haltbar bleiben. Dabei setzen die Farmer kleine Erntemaschinen ein, die einem Mähdrescher ähneln. Handverlesen gelangen sie dann als Frischfrüchte in den Handel.
Sauer macht lustig
Cranberries sind keine typischen Naschfrüchte: Roh schmecken sie sehr sauer und herb. Im Vergleich zu anderen Beeren sind sie weniger süß. Sie enthalten viel Benzoe-, Ascorbin- und Salicylsäure sowie Pektin, weswegen sie nur selten roh verzehrt werden. Sie würzen vor allem als Gelee, Kompott oder Chutney Fleisch- und Wildgerichte und geben als Trockenfrüchte Mehlspeisen, Müsli oder Salaten einen süßsäuerlichen Geschmack. Der reine Fruchtsaft (Muttersaft) kann bei magenempfindlichen Personen zu Problemen führen, zur Verdünnung mit Wasser wird geraten.
Sie werden oft als »Superfood« vermarktet und auch in Form von Cranberry-Kapseln und -Extrakten als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Und tatsächlich liefern sie wertvolle Inhaltsstoffe: Vitamin C sowie die sekundären Pflanzenstoffe aus der Gruppe der Polyphenole, insbesondere Proanthocyanidine (PAC), wirken als Antioxidans und können die Zellen vor oxidativem Stress schützen. Sie tragen so zu einer normalen Immunfunktion bei. Ballaststoffe unterstützen die Darmgesundheit und fördern eine gesunde Verdauung.
Doch Wundermittel sind sie keines. Für eine gesundheitsförderliche Ernährung gelten sie – wie Heidelbeeren, Himbeeren, Brombeeren oder Johannisbeeren – als willkommene Ergänzung, nicht als Zauberfrucht. Entscheidend ist die Vielfalt einer ausgewogenen Kost, nicht die einseitige Fokussierung auf eine Beere.
Hilfe bei Harnwegsinfekten?
Besonders bekannt sind Cranberries für ihren möglichen Nutzen bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten. Die Theorie dahinter: Der hohe Gehalt an Proanthocyanidinen (verdichtete Tannine) verhindert, dass sich Bakterien – vor allem Escherichia coli – an die Schleimhaut der Blase anheften. Die Studienlage dazu ist jedoch gemischt: Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Cranberry-Produkte bei Frauen mit häufigen Infekten und bei Kindern das Risiko für erneute Erkrankungen moderat senken können. Bei älteren Menschen, Schwangeren oder Menschen mit speziellen Blasenfunktionsstörungen ist dieser Nutzen nicht nachweisbar.
Für die Behandlung einer akuten Blasenentzündung sind Cranberries ungeeignet – hier sind ärztliche Abklärung und gegebenenfalls Antibiotika notwendig. Cranberries können also vorbeugend helfen, sind aber kein Ersatz für eine Therapie. Abseits der Blase gibt es weitere interessante Beobachtungen: Polyphenole aus Cranberries wirken antioxidativ und entzündungshemmend. Einige Studien zeigen, dass regelmäßiger Saftkonsum die Gefäßelastizität verbessern und sogar das »gute« HDL-Cholesterin anheben könnte. Auch eine Senkung von Entzündungsmarkern wie CRP wurde beobachtet. Doch die Datenlage dazu ist noch dünn. Bis ein klarer gesundheitlicher Nutzen belegt ist, gilt daher: interessant, aber nicht bewiesen.