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Philipp Graf Neipperg

Philipp Graf Neipperg
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Weinguide Deutschland: Das ist die Kollektion des Jahres 2024

Weinguide 2023/24
Weinguide
Auszeichnung

Philipp Graf Neipperg hat vor fünf Jahren die schwierige Aufgabe übernommen, die Leitung eines Weinguts zu übernehmen, das bereits für herausragend gute Weine bekannt war. Würde sich das überhaupt noch steigern lassen? Die neuen Weine zeigen: Die Antwort lautet ja.

Eine Kollektion des Jahres kann sich durch die unterschiedlichsten Eigenschaften für diesen Titel qualifizieren: Sie kann einen aktuell in den Verkauf gekommenen Jahrgang in seiner feinsten Erscheinungsform zeigen, sie kann das Leistungsvermögen eines Weinguts am beeindruckendsten Punkt einer Aufwärtsdynamik dokumentieren, sie kann durch die Klarheit ihrer Idee und eine außergewöhnliche stilistische Geschlossenheit glänzen. Oder sie kann all diese Eigenschaften mitbringen – besonders ausgeprägt aber ein weiteres, ein viertes Charakteristikum. Eines, das sich vielleicht am besten mit einem Vergleich aus der Welt der Leichtathletik illustrieren lässt: Dort gibt es 100-Meter-Läufer mit spritzigem Sprintvermögen, 1500-Meter-Läufer von atemberaubender Ausdauer, Stabhochspringer mit konzentriertem Koordinationsvermögen, Kugelstoßer mit kolossaler Kraft – und es gibt Zehnkämpfer, die in der Lage sind, in den unterschiedlichsten Disziplinen Außergewöhnliches zu leisten.

VIELSEITIGKEIT

Die aktuelle Kollektion des Weinguts Graf Neipperg verfügt über genau diese Zehnkampf-Tugenden: Sie weist kulinarische Weißburgunder ebenso auf wie kernige und charakterstarke Rieslinge, sie dekliniert den archaisch-würzigen Muskateller in trocken und fruchtsüß, zeigt hoch verdichtete und elegante Spätburgunder in einer jugendlichen Frühform. Und sie unterstreicht mit einem 2016er Neipperger Ortswein »Spätburgunder aus dem Reifekeller«, wie berechtigt die Hoffnungen sind, die man sich für die Entwicklung dieser jungen Weine machen kann. Last, but not least, zelebriert das Weingut, wie eh und je, die würzig-fruchtige Delikatesse des Lembergers.

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DER IDEALE JAHRGANGSTYP

So viel zur Vielseitigkeit der aktuellen Kollektion. Wie bereits oben erwähnt, gibt es bei einer Kollektion des Jahres immer auch ein Moment der Aktualität: Wie hat das Weingut den aktuellen Jahrgang gemeistert? Der aktuelle Jahrgang, das ist bei den Rotweinen aus dem Neipperger Schlossberg 2022: ein warmes, trockenes Jahr. Und wie schmecken die Weine? Frisch und saftig. Bei den beiden Roten der für ihre Spätstarter-Eigenschaften bekannten Schwaigerner Ruthe ist 2021 der aktuelle Jahrgang. Ein feuchtes Jahr mit kompliziertem Herbst. Und wie schmecken die Weine? Stoffig und dicht.

AUFWÄRTSDYNAMIK

Und da kommen wir zu jenem Aspekt, der oben als »der beeindruckendste Punkt einer Aufwärtsdynamik« beschrieben wurde. Die Weine des gräflichen Weinguts standen schon immer für Eleganz und Reifevermögen, und doch scheint gerade der 2021er Spätburgunder aus der Ruthe ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Wein hat die Neippergsche Finesse, aber zugleich einen burgundischen Extraktreichtum und eine Tiefe, die man gerade in so einem Jahrgang nicht einmal von einem Fünf-Sterne-Weingut erwarten würde. Auch der »Kapellenkeller Fumé Blanc« zeigt etwas von dieser Aufwärtsdynamik, die mit einer Stilstik einhergeht, die etwas Jugendliches ausstrahlt – und trotzdem gediegen bleibt. Philipp Graf Neipperg, geboren 1978, verweist auf die wohltuende Mischung von älteren und jüngeren im Team: »Mein Vater und unser Kellermeister Bernd Supp sind die alten Hasen, dann komme schon ich, alle anderen sind jünger. Württemberg ist gerade in einem so großen Umbruch, da möchte ich mit unserem Weingut mit dabei sein.«

Die Kapellenkeller-Serie, von Philipp Graf Neipperg 2021 initiiert, umfasst neben dem Sauvignon »Fumé Blanc« auch einen kulinarisch gedachten, gehaltvollen und 15 Monate im gebrauchten Barrique ausgebauten Non-Vintage-Rosé – und sogar einen »Blanc de Macération«, also einen mit Schalenkontakt erzeugten Weißwein: »Unsere zweite Kellermeisterin hat bei Birgit Braunstein gearbeitet, daher wollten wir etwas in Richtung Naturwein machen, aber auf zivilisierte Weise.«

STILISTISCHE GESCHLOSSENHEIT

Die vielleicht beeindruckendste Eigenschaft der neuen Neipperg-Weine ist aber, dass sie das Bekannte weiterführen und das Neue scheinbar mühelos integrieren. »Wir wollen das, was wir schon lange machen und gut können, kontinuierlich verbessern und gleichzeitig schauen, wo man sich hinentwickeln kann«, umreißt Philipp Graf Neipperg die Idee, mit der er 2019 ins Weingut kam, um nach und nach die Nachfolge seines Vaters anzutreten.

Im Zeichen der ideellen Kohärenz zum Markenkern der Neippergschen Weine fing er auch gleich im ersten Jahr an, größere Mengen – die Rede ist von einem Viertel der Menge bei gewissen Abfüllungen – an 2016er Rotweinen zur Seite zu legen. Seither wächst der »Reifekeller« mit jedem Jahrgang. Inzwischen kommen die ersten der eingelagerten Flaschen wieder auf den Markt: Der Spätburgunder Ortswein und das Lemberger GG aus 2016 sind – zumal angesichts des sehr bescheidenen Preisaufschlags – ein Geschenk an all diejenigen, die die Komplexität reifer Weine lieben oder neugierig sind, sie kennenzulernen. »Gerade der Lemberger liegt uns sehr am Herzen – und auch nachzuweisen, dass diese Weine exzellent reifen können. Wenn wir es nicht tun, wer dann?« – fragt das Mitglied jener Familie, die diese Sorte im 18. Jahrhundert nach Württemberg gebracht haben soll.

In den 250 oder 300 Jahren, die seither vergangen sind, wird das gräfliche Weingut gewiss so manchen guten Jahrgang im Keller gehabt haben. Was ließe sich Besseres sagen, als dass sich die aktuellen Weine mit größtem Selbstbewusstsein in diese Reihe stellen können?

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Ulrich Sautter
Ulrich Sautter
Wein-Chefredakteur Deutschland
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