Die Reben profitieren von der kühlen Höhenlage – und von äußerst sorgfältigem Weinbau.

Die Reben profitieren von der kühlen Höhenlage – und von äußerst sorgfältigem Weinbau.
© Sandra Fehr

Weinguide Deutschland: Gesine Roll ist Winzerin des Jahres 2023

Gesine Roll vom Weingut Weedenborn ist weder für Riesling noch für Spätburgunder bekannt – und wurde von der vielköpfigen Falstaff-Jury trotzdem zur Winzerin des Jahres gewählt. Denn sie besitzt hierzulande absolute Alleinstellung – für Weine aus der Rebsorte Sauvignon Blanc.

Als gebürtigem Steirer ist Michael Kutej von der Hamburger Hanselounge das Expertentum für Sauvignon-Blanc-Weine gewissermaßen angeboren. Wer mit den Exemplaren von Tement, Sattlerhof und anderen steirischen Kultwinzern aufgewachsen ist, bei dem kann es schon vorkommen, dass er mit deutschem Sauvignon Blanc hadert. Zu süß, zu aufdringlich, zu opulent: Kutej leidet bei der Probe solcher Weine. Doch an diesem Verkostungstag im August 2023 wurde seine Laune mit jedem probierten Wein besser: Was Gesine Roll aus Monzernheim in Rheinhessen zur Verkostung eingesandt hatte, entlockte dem Mitglied der Falstaff-Verkostungsjury Ausrufe der Begeisterung: »nie kitschig«, »Kalkstein in your Face!«, »Der Wein funkt sofortigen Trinkbefehl ins Gehirn.«

Pfalz und Südafrika

Das Sauvignon-Blanc-Wunder aus dem ­Wonnegau begann vor knapp 20 Jahren – damit, dass Vater Udo Mattern den Sauvignon Blanc, den er in Südtirol kennengelernt hatte, zuhause in Monzernheim ausprobieren wollte und eine erste Parzelle pflanzte. Tochter Gesine hatte da gerade ihr Abitur in der Tasche. Die junge Frau begann in Worms ein Studium im Fach Handelsmanagement und ließ eine Winzerlehre am Weingut Bassermann-Jordan in Deidesheim in der Pfalz folgen. Da traf es sich gut, dass der Chef­önologe bei Bassermann-Jordan ebenfalls ein Monzernheimer war: »Der Uli Mell ist hier im Dorf großgeworden«, sagt Roll, »und die Ausbildung war toll, denn Mell ist extrem genau, davon konnte ich profitieren.«

Noch während der Lehre hatte Roll überdies die Gelegenheit, drei Monate beim Weingut Vergelegen in Südafrika zu arbeiten: »Da bin ich ganz bewusst hin, weil es zwar Neue Welt ist, aber zugleich auch frankophil.« Als sie dann schließlich einige Jahre später zuhause das Weingut übernahm, gewann die Spezialisierung auf Sauvignon Blanc rasch an Kontur. Roll pflegt dabei einen geerdeten Kellerstil, der weder einen Exzess an Reduktion sucht noch ein Übermaß an Holz – die Weine werden so gekeltert und ausgebaut, dass sich die Naturgegebenheiten frei von jeglicher Effekthascherei ausdrücken können.

Kalkböden

Und diese Bedingungen sind durchaus eigen in Monzernheim, der höchstgelegenen Gemeinde des Wonnegaus. Boden und Klima bilden die optimale Ergänzung zum weinbaulichen Weitblick der Winzerin und zu ihrem Stilgefühl, denn die Reben wachsen quasi auf einer Verlängerung der Weinberge West­hofens: »Das ist derselbe Hang, auf dem auch Morstein und Brunnenhäuschen liegen. Die Westhofener Gemarkung beginnt gleich bei der Monzernheimer Post, die es inzwischen nicht mehr gibt. Ein Gewann gehört sogar weinrechtlich noch zum Morstein, Nur ist es bei uns oben kühler wegen der Winde. Wenn ich auf Philipp Wittmanns Wetter­station schaue, dann ist es unten bei ihm in Westhofen immer 0,8 bis ein Grad wärmer«, hat Roll beobachtet. »Das ist schon eine Reifeverzögerung hier oben, wir bekommen hier in Monzernheim auf 265 Metern einfach kleinere Beeren mit moderaten Mostgewichten. So kann ich Reserven mit 12,5 oder 13 Volumenprozent Alkohol keltern«

Auch der Bildung von Aromastoffen in den Trauben ist das Klima förderlich und zugleich der Frische und dem Spannungsreichtum, der zusätzlich noch durch den kräftigen Kalk­gehalt der Böden verstärkt wird. So kommt es, dass die Sauvignon-Blanc-Weine des Weinguts Weedenborn immer ausdrucksstark und würzig sind, doch niemals plakativ. Sie wirken immer dicht und extrem fokussiert, ihre stoffige Anlage prädestiniert sie für eine jahrelange Reife.

Reifefähigkeit

Gerade mit Blick auf diese Eigenschaft hat Gesine Roll in den letzten Jahren noch einen Topwein oberhalb der Reserven etabliert: eine »Grande Réserve«-Abfüllung, die besonders lange im Fass gelagerte Partien von Sauvignon Blanc und Chardonnay vereint. »Cuvées aus Sauvignon Blanc und Chardonnay sind extrem rar, und so gab es tatsächlich kein Vorbild und keinen Wein, der mich zu dieser Grande Cuvée inspiriert hat. Vielmehr habe ich mich Jahr für Jahr gefragt, wenn ich die Reserve-Weine nach 18 Monaten Hefelager im Fass verkostet habe: Geht da nicht eigentlich noch mehr? So drängte sich diese Assemblage geradezu aus sachlichen sensorischen Motiven heraus auf. Dabei soll die Grande Réserve eben gerade nicht größer sein, weil sie lauter wird.«

Wenn man sich die bisherige Karriere der Enddreißigerin betrachtet, darf man darauf wetten, dass die »Grande Réserve« nicht der letzte Geniestreich ist, der der Falstaff Winzerin des Jahres 2024 in den Sinn kommt. Und was ihr in den Sinn kommt, das verwirklicht sie auch – das hat sie bereits hinlänglich beweisen, zielstrebig, und mit größtem Geschick.

Wein Guide Deutschland 2024

Die besten Weine und Winzer des Landes finden sich im »Falstaff Weinguide Deutschland 2024«. 4.000 deutsche Weine von über 500 Weingütern wurden verkostet.

24,90 Euro

Jetzt bestellen

Zum E-Paper

Erschienen in
Falstaff Nr. 10/2023

Zum Magazin


Nichts mehr verpassen!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.

Ulrich Sautter
Ulrich Sautter
Wein-Chefredakteur Deutschland
Mehr zum Thema