Zum Inhalt springen
© Shutterstock

Darum ist es nie zu spät, um mit Ballett zu starten

Fitnessübungen
Sport
Workout

Ballett gilt vielen als Sport für Kinder oder Profitänzerinnen, dabei ist es nie zu spät, damit zu beginnen. Wir zeigen, warum gerade Erwachsene mit Ballett anfangen sollten.

Ballett gehört zu den ältesten und technisch anspruchsvollsten Tanzformen überhaupt – über Jahrhunderte geprägt von Präzision, Anmut und einem strengen Regelwerk aus festgelegten Positionen und Bewegungsabläufen. Traditionell verbindet man damit vor allem eines: den frühen Beginn im Kindesalter, jahrelanges Training an renommierten Ballettakademien, Spitzenschuhe und große Bühnen. Dass dieses Bild längst überholt ist, zeigt sich unter anderem am DanceFit Studio in Wien, wo speziell erwachsene Einsteiger:innen ihren Platz finden. Im Interview erklärt Gründerin Tatjana Bozic, wie ein Einstieg auch ganz ohne Vorerfahrung gelingt.

Tatjana Bozic

Tatjana Bozic ist Gründerin und Leiterin des DanceFit Studio in Wien-Neubau, das sie als Ort für Ballett, Barre, Yoga und Pilates für Erwachsene konzipiert hat. Ihre Tanzausbildung absolvierte sie unter anderem an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper sowie an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Zusätzlich ist sie zertifizierte Yoga-Lehrerin.

© Marie Reinprecht

falstaff HappyLife: Was war der Auslöser für Sie, ein Studio zu gründen, das explizit erwachsene Ballett-Einsteigerinnen anspricht?

Tatjana Bozic: Ich habe schon mit drei Jahren begonnen, Ballett zu tanzen und wurde mit sieben Jahren an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper aufgenommen. Kurz vor Abschluss meines Bachelorstudiums an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien entschied ich mich gegen die Profi-Tanzwelt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es nur noch um Leistung und Perfektion ging und ich dabei die Freude am Tanzen verloren hatte. Ich wollte wieder herausfinden, warum ich eigentlich tanze. Ich begann, Kinder in Ballettstudios zu unterrichten, und dann passierte etwas ganz Besonderes. Zu sehen, mit welcher Freude und Leichtigkeit die Kinder tanzten, erinnerte mich daran, warum ich selbst einmal mit dem Tanzen begonnen hatte – weil ich es liebe.

Viele Mütter meiner Schüler:innen erzählten mir, dass sie selbst schon immer Ballett tanzen wollten, sich aber nie getraut oder nie die Möglichkeit dazu gehabt hatten. In diesem Moment wusste ich, dass ich einen Ort schaffen möchte, an dem Erwachsene die Freude am Tanzen entdecken dürfen – ganz ohne Leistungsdruck oder die Angst, bewertet zu werden. So entstand das DanceFit Studio – ein Safe Space für Erwachsene und Kinder, die mit Ballett oder Tanz beginnen möchten.

Welche Ängste oder Vorurteile begegnen Ihnen am häufigsten bei Erwachsenen, die zum ersten Mal eine Ballettstunde besuchen?

Tatjana Bozic: Die größte Angst ist meist die Frage: »Was werden die anderen von mir denken?« Viele glauben, sie seien zu alt oder ihr Körper entspreche nicht dem Bild einer klassischen Ballerina. Dabei beginnen Erwachsene nicht mit Ballett, um Profi-Tänzer:innen zu werden, sondern aus Neugier und Freude an der Bewegung. Beweglichkeit muss man nicht mitbringen – sie entwickelt sich mit der Zeit. Wichtiger sind Offenheit und Geduld.

Welche körperlichen Veränderungen bemerkt man nach dem Einstieg ins Ballett als Erstes?

Tatjana Bozic: Viele sind überrascht, wie schnell sie erste Veränderungen bemerken – oft schon nach zwei bis sechs Wochen regelmäßigen Trainings. Dabei geht es anfangs weniger um Gewichtsverlust als um das Körpergefühl. Das Erste, was die meisten wahrnehmen, ist eine bessere Haltung: Man steht und sitzt aufrechter, bewegt sich bewusster und entwickelt mehr Körperspannung. Auch die Balance verbessert sich schnell, weil im Ballett ständig an Stabilität und Kontrolle gearbeitet wird.

Mit der Zeit werden die Beine kräftiger, die Füße stabiler und die Beweglichkeit nimmt zu. Nach einigen Monaten werden die Veränderungen auch sichtbar: Die Muskulatur wirkt definierter, Bewegungen sehen fließender aus. Das Schönste ist aber etwas anderes. Viele gewinnen nicht nur körperlich an Stärke, sondern auch an Selbstvertrauen. Sie merken, dass ihr Körper viel mehr kann, als sie ihm ursprünglich zugetraut haben.

Ballett gilt als sehr technisch und kontrolliert. Welchen Effekt hat das auf Koordination und Körperbewusstsein im Alltag?

Tatjana Bozic:Man lernt nicht einfach nur Schritte, sondern entwickelt ein neues Bewusstsein für den eigenen Körper. Im Unterricht denkt man ständig über Haltung, Ausrichtung und Gewichtsverteilung nach – anfangs bewusst, irgendwann automatisch. Genau das merkt man auch im Alltag: Viele bewegen sich sicherer, stehen aufrechter und haben eine bessere Balance. Selbst Treppensteigen oder langes Sitzen am Schreibtisch fühlt sich oft leichter an. Auch die Koordination verbessert sich enorm, da im Ballett Arme, Beine, Kopf und Oberkörper gleichzeitig unterschiedliche Bewegungen im Takt der Musik ausführen müssen – das fordert Muskulatur und Gehirn gleichermaßen.

DanceFit bietet Klassen für alle Levels an – von der Anfängerin bis zur ehemaligen Profitänzerin.

© Shutterstock

Welche Muskelgruppen werden beim Ballett besonders gezielt trainiert?

Tatjana Bozic: Eigentlich trainiert man den ganzen Körper, nie nur eine einzelne Muskelgruppe. Fast jede Übung beginnt im Core, also in der tiefen Bauch-, Rücken- und Beckenbodenmuskulatur, die für Stabilität und eine aufrechte Haltung sorgt. Gleichzeitig arbeiten Gesäß- und Beinmuskulatur permanent mit, auch die Füße werden dabei überraschend kräftig und stabil. Viele Teilnehmer:innen berichten schon nach einiger Zeit, dass sie im Alltag aufrechter stehen und sitzen und weniger Verspannungen haben. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Ballett ersetzt keine Therapie. Bei bestehenden Rückenproblemen sollte das Training immer individuell angepasst werden.

Wie wichtig ist Stretching im Ballett, und wie lässt sich Flexibilität gezielt steigern?

Tatjana Bozic:Viele glauben, man müsse schon sehr beweglich sein, bevor man mit Ballett beginnt – tatsächlich ist es umgekehrt: Die Beweglichkeit entwickelt sich erst mit dem Training. Genauso wichtig wie Stretching ist die Kraft, diese Beweglichkeit auch kontrollieren zu können. Ich empfehle, sich vor dem Training dynamisch aufzuwärmen und erst danach, wenn die Muskulatur warm ist, länger zu dehnen. Am wichtigsten ist die Regelmäßigkeit: Schon zehn bis fünfzehn Minuten mehrmals pro Woche bringen langfristig mehr als eine einzelne intensive Dehneinheit.

Wie ist ein typischer Beginner-Kurs bei Ihnen aufgebaut, und welche Levels bieten Sie im Erwachsenenballett an?

Tatjana Bozic: Wir unterscheiden zwischen zwei Konzepten. Unsere regulären Beginner-Klassen bieten klassisches Balletttraining an der Stange und in der Mitte, mit einfacheren Kombinationen in ruhigerem Tempo – ideal für Erwachsene mit ersten Vorkenntnissen oder Wiedereinsteiger:innen. Für absolute Anfänger:innen haben wir Intro to Ballet und Ballet Foundations entwickelt: drei- bis vierwöchige, aufeinander aufbauende Kurse in Kleingruppen, in denen alle gemeinsam die Grundlagen lernen – oft entstehen dabei auch Freundschaften.

Anschließend sind die Teilnehmer:innen gut auf die regulären Beginner-Klassen vorbereitet. Zusätzlich bieten wir Intermediate- und Advanced-Klassen sowie Spitzentanztraining an, sodass bei uns Menschen von absoluten Anfänger:innen bis zu ehemaligen Profitänzer:innen trainieren. Ich glaube, genau das unterscheidet uns von vielen anderen Ballettstudios. Wir legen großen Wert auf saubere Technik, präzise Korrekturen und ein gesundes Training. Gleichzeitig soll sich jede Person bei uns willkommen fühlen. Niemand muss Angst haben, bewertet zu werden oder einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen.

Welche Grundfähigkeiten sollten Interessierte idealerweise mitbringen, und was wird im Kurs aufgebaut?

Tatjana Bozic: Die ehrlichste Antwort: Man muss nichts Besonderes mitbringen. Was es wirklich braucht, sind Neugier und die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Körperspannung, Balance, Koordination und Beweglichkeit bauen sich Schritt für Schritt im Unterricht auf – niemand muss zu Beginn einen Spagat können. Unser Ziel ist nicht, perfekte Tänzer:innen auszubilden, sondern Menschen die Freude am Tanzen zu zeigen und ihnen das Gefühl zu geben: Ich kann das, und ich bin genau richtig, so wie ich bin. Denn ich bin fest davon überzeugt: Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen – vor allem dann nicht, wenn es einem Freude bereitet.


Jessica Haberl
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11