Ab wann ist eine Kugel Eis zu teuer?
Drei Euro für eine Kugel Eis – haben wir komplett den Verstand verloren? Während Eisdielen immer absurdere Sorten auftischen und die Preise verlässlich steigen, stehen wir trotzdem geduldig Schlange. Warum verlieren wir beim Eis plötzlich jede finanzielle Vernunft und wie viel ist uns eine Kugel wert?
Die Schlangen vor den Eisdielen sind so lang, dass ich beim Vorbeilaufen kürzlich erst dachte, es gäbe etwas umsonst. Schön wär's! Mit bedröppeltem Gesichtsausdruck, der einem Kind gleicht, dessen Eiskugel gerade auf dem Asphalt gelandet ist, muss ich seit mehreren Jahren feststellen: Eis ist verdammt teuer geworden! In den meisten Städten hat sich inzwischen eine Zwei-Euro-pro-Kugel-Marke als neue Normalität etabliert. In manchen Metropolen kostet das Eis sogar bis zu drei Euro. Beispielsweise bei »Hokey Pokey« in Berlin. In ihren fünf Filialen wird für ein Bällchen 3,20 Euro verlangt. Lang ist es her, dass ich mir von dem Geld vier Kugeln leisten konnte – plus Streusel on top!
Proportional zum Preis scheint auch das Angebot an ausgefallenen Kreationen zu wachsen: Blutpfirsich-Riesling-Sorbet, Spitzpaprika-Meersalz-Eis oder ein Mix aus Dattelhonig, Pistazien und Polenta – aber auf Kamelmilchbasis. Kein Scherz. Letztere Sorte serviert die Eisdiele »Rino« in Rottenburg und gewann damit sogar den Kreativpreis bei den »Gelato Festival World Masters« in Las Vegas. Was für mich nach einer Mutprobe klingt, wird von experimentierfreudigen Naschkatzen begeistert weggelöffelt. Aber was ist falsch am guten alten Vanille-Eis? Muss heute die Hauptkomponente unbedingt aus Tahiti kommen?
Natürlich gibt es als Alternative auch sie, die treuen Eisdielen, die mit klassischen Sorten und einer erfrischenden Bodenständigkeit überzeugen und seit Jahrzehnten die Nachbarschaft bereichern. Aber auch sie müssen ihre Preise anziehen. Höhere Kosten für Personal, Energie, Mieten und Zutaten wie Milch, Sahne und Früchte setzen die Betriebe unter Druck. Hinzu kommt der Mindestlohn. Dass vor diesem Hintergrund die Preise angepasst werden müssen, kann ich nachvollziehen.
Schmelzgrenze statt Schmerzgrenze
Doch wie viel Geld sind Kund:innen noch bereit, für Eis auszugeben? Laut einer Umfrage von »YouGov« finden sechs von zehn Befragten in Deutschland einen Preis zwischen 1 und 1,50 Euro angemessen. 28 Prozent akzeptieren auch 1,50 bis 2 Euro. Nur für 6 Prozent darf es noch teurer sein. Verwunderlich ist jedoch, dass diese Angaben nicht den Ansturm auf die Eisdielen widerspiegeln. Die Nachfrage scheint trotz deutlich höherer Preise ebenfalls hoch zu bleiben.
Es muss doch irgendwo eine unsichtbare Schmerzgrenze geben, oder nicht? Spätestens dann, wenn man beim Bestellen kurz den Taschenrechner im Kopf aktiviert, bevor man sich für zwei statt drei Kugeln entscheidet. Tja, wenn es da nicht dieses Versprechen gäbe, mit dem ein köstliches Eis jegliche Vernunft übertrumpft. Und jetzt kommt der unvernünftige Part:
Eis ist herrlich unkompliziert. Eis ist eine impulsive Entscheidung am heißen Nachmittag. Etwas, das man sich gönnt, ohne vorher den Kontostand zu prüfen. Gerechtfertigt wird die überteuerte Versuchung auf der Hand mit Sätzen wie »Es ist Sommer«, »Man gönnt sich ja sonst nichts« und – mein absoluter Favorit – »Was soll der Geiz?«. Der Mensch handelt eben gerne impulsiv und aus dem (knurrenden) Bauch heraus. Fakt ist: Gegen Nostalgie, gegen den Moment der Unbeschwertheit und die Sehnsucht nach Sommerferien und Kindheit, gegen dieses Feeling kommt aktuell keine Inflation der Welt an.
Anscheinend können die Eisdielen ihre Preise anziehen, die Schlangen werden trotzdem nicht kürzer. Nur einen Haken gibt es: die Fallhöhe. Zahle ich für eine Kugel viel Geld, dann MUSS sie fantastisch schmecken. Sonst ist die Erfahrung genauso enttäuschend wie diese hauchdünnen Papierservietten, die es in den meisten italienischen Eisdielen gibt.