Genuss-Tour durch Salzburg mit Karin Bergmann und Kristina Hammer
Die Wahl zur Interimsintendantin kam für Karin Bergmann ziemlich überraschend. Nun hat sie seit April die künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele übernommen. Sie lebt in der Stadt, im Nonntal, und genießt trotz der großen Aufgabe auch manches, was die kleine »Metropole« an der Salzach zu bieten hat. Festspielpräsidentin Kristina Hammer spazierte mit ihr durch die Stadt, Genuss inklusive.
»Ich übernehme diese Aufgabe mit großem Respekt vor ihrer Verantwortung und mit großer Anerkennung für die künstlerische Leistung von Markus Hinterhäuser. Nun trage ich, auch für mich selbst überraschend, Verantwortung für die interimistische künstlerische Leitung der Salzburger Festspiele. Bei dieser Arbeit sind mir Sorgfalt, Verlässlichkeit und eine Kultur von Würde, Respekt und Vertrauen besonders wichtig.«
Max-Reinhardt-Schloss
Es ist ein schöner Zufall, dass Karin Bergmann beim Shooting für diese Geschichte zum ersten Mal im Schloss Leopoldskron war. Es ist der Ort, an dem die Salzburger Festspiele begründet wurden und in dem Festspiel-Mitbegründer Max Reinhardt bis zu seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten im Jahr 1937 lebte. Im »Roten Salon«, der seit 2023 dank einer großzügigen Spende des ehemaligen US-Botschafters Trevor Traina in neuem, farbigem Glanz erstrahlt, wurde die Festspielurkunde unterzeichnet. Der US-Designer Ken Fulk hat mit der Luxus-Brand de Gournay die Wände des historischen Raums in eine exotische Farbpracht getaucht. Dem Designer diente als Vorlage eine Theatertapete von Max Reinhardt, die auf dem Dachboden des Schlosses gefunden wurde. Die Geschichte des Raumes wurde in das neue Design integriert, und so ist ein neues »Gesamtkunstwerk« ganz im Sinne Reinhardts entstanden.
»Ich habe achtzehn Jahre in Leopoldskron gelebt, wirklich gelebt, und ich habe es lebendig gemacht. Ich habe jedes Zimmer, jeden Tisch, jeden Sessel, jedes Licht, jedes Bild gelebt. Ich habe gebaut, gezeichnet, geschmückt, gepflanzt und geträumt davon, wenn ich nicht da war. […] Ich habe es immer feiertäglich geliebt; nie als etwas Alltägliches«, sagte der Festspiel-Mitbegründer, Theater-Impresario und Regisseur Max Reinhardt über sein Schloss in Salzburg. Wenn man, wie Karin Bergmann, zum ersten Mal den Garten und das Schloss betritt, spürt man noch manches aus der Zeit, in der Max Reinhardt hier lebte. Auch wenn der Vorhang längst gefallen war, spielte er einfach weiter. Seine Feste waren Inszenierungen. Und man ist bis heute beeindruckt von der Schönheit des Hauses und des Gartens, der sich nun wieder so präsentiert wie zu Reinhardts Zeiten.
Café am Morgen
Max Reinhardt traf sich mit Freunden gerne im »Café Bazar«, und auch für Festspielpräsidentin Kristina Hammer und Intendantin Karin Bergmann ist es ein Ort für kleine Auszeiten oder manchen Termin. Trotzdem ist es gerade zur Festspielzeit immer auch ein Platz für angeregtes Festspielgeflüster, und viele kommen, um zu sehen und gesehen zu werden. Was kommt auf den Frühstückstisch, wenn beide nicht im Kaffeehaus frühstücken? Karin Bergmann »frühstückt«, außer am Wochenende, »Radio und Kaffee«, die Festspielpräsidentin ein griechisches Joghurt mit Früchten und Tee. Im »Café Bazar« sind es dann aber schon auch einmal Eier im Glas mit einem mit Butter bestrichenen Salzstangerl, die besten der Stadt übrigens, ein frisch gepresster Karotten-Orangensaft, Kaffee oder Tee.
Genuss in der Stadt
Von Max Reinhardts Lieblingsgerichten ist nicht viel überliefert: Kalbsvögerl, »Medaillon Horcher« oder Schnepfen in Burgunder, ist immer wieder zu lesen. Die Vorliebe für Salziges hätte er mit Frau Bergmann geteilt. »Lieber salzig als süß« war ihre Antwort auf die Frage nach ihren Lieblingsspeisen. Spaghetti Vongole zum Beispiel sind für sie ein echtes Wohlfühlessen. Eines von Kristina Hammers Lieblingsgerichten verbindet sie mit ihrer Kindheit: Es ist ein »Rehrücken Baden-Baden«; ganz wichtig ist die mit Preiselbeeren gefüllte Rotweinbirne, dazu gibt es Spätzle. Beide Gerichte wurden bei ihrem nächsten City-Stopp im Restaurant »Blaue Gans« nicht aufgetischt. Dafür ein gebratener Lachs mit einer Mangoldrolle, die mit Rollgerste gefüllt wird. Ein leichtes Sommergericht, das den ganzen Festspielsommer auf der Karte stehen wird. Und nicht nur diese Speise passt hervorragend zur Kochphilosophie des Restaurants. Hier denkt man über die Berge in den Süden, eine Brise Italien ist auch oft dabei. Dahinter stehen die Hausgründer, die im 14. Jahrhundert mit dem Silber aus den Bergen Handel mit Venedig betrieben. Von dort kehrten sie mit Zitronen, Olivenöl, Wein, Büchern und Ideen zurück. Die Küche denkt heute diese Geschichte weiter: Alpenkräuter treffen auf Meeresluft, Salzburger Handwerk auf italienische Gelassenheit.
Kristina Hammer liebt auch Milchrahmstrudel und Marillenknödel, da merkt man schon, dass Österreich auch in kulinarischer Hinsicht seine Spuren hinterlassen hat. Noch eine Frage, die man in Salzburg einfach stellen muss: Salzburger Nockerln? Ja oder nein? Da kam von beiden Stadt-Flaneurinnen sofort und ohne Nachdenken ein klares Nein. »Süß wie die Liebe, zart wie ein Kuss« wird also kein Hit auf der Kulinarikbühne der beiden werden. Sondern einfach ein bekanntes Lied aus der Operette »Saison in Salzburg« von Fred Raymond bleiben.
Kunst. Wege. Stadt.
»Kunst und Wirklichkeit, Theater und Leben: überall sonst sind’s zwei getrennte Sphären. Hier bilden beide ein unlösbares Ganzes«, ließ 1938 Erich Kästner den Protagonisten seines Romans »Der kleine Grenzverkehr« über Salzburg und die Festspiele philosophieren. All das in Einklang zu bringen, wird bis Ende 2027 auch die Aufgabe von Karin Bergmann sein. Das »Rüstzeug« dafür bringt sie natürlich mit. Ihre Theaterstationen im Zeitraffer: Sie begann ihre Theaterlaufbahn 1979 als Direktionsassistentin am Schauspielhaus Bochum unter Intendant Claus Peymann und wurde 1983 Pressereferentin am Schauspielhaus Hamburg bei den Intendanten Niels-Peter Rudolph und Peter Zadek. Drei Jahre später kam sie mit Claus Peymann als Pressesprecherin des Burgtheaters nach Wien. 1993 holte Intendant Rudi Klausnitzer sie als Pressesprecherin und Direktionsmitglied an die Vereinigten Bühnen Wien, bis sie 1996 zu Klaus Bachler in den gleichen Funktionen an die Volksoper Wien wechselte. 1999 wurde Bachler mit der Direktion des Burgtheaters betraut und Bergmann seine stellvertretende Direktorin. Im letzten Jahr seiner zehnjährigen Direktion leitete Bergmann bis zum Übergang zu Matthias Hartmann das Burgtheater nicht nominell, aber de facto allein, da Bachler bereits die Bayerische Staatsoper übernommen hatte; sie blieb bis zur Spielzeit 2009/2010. Am 19. März 2014 wurde Karin Bergmann zur interimistischen künstlerischen Direktorin des Burgtheaters für die Spielzeiten 2014/15 und 2015/16. Sie trat damit die Nachfolge des entlassenen Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann an und war die erste weibliche Burgtheaterdirektorin. Im Oktober 2014 wurde Karin Bergmann zur künstlerischen Direktorin bis 2019; mit Ende der Saison 2018/2019 verließ Bergmann das Burgtheater. Seit 2021 leitet sie die Bereiche Literatur und Theater bei den »Salzkammergut Festwochen Gmunden«. Und nun ist sie die erste weibliche Intendantin der Salzburger Festspiele. In ihrer Antrittspressekonferenz gab es von ihr den Satz: »Dass ich hier sitze, ist natürlich eigentlich eine Ungeheuerlichkeit.« Aber sie hat zugesagt, »weil die Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern für mich alles ist, auch ein Lebenselixier, das mich jung hält.« Deshalb habe sie sich selbst überredet, noch einmal in der Welt der Kunst eine besondere Rolle einzunehmen: »Ich sagte mir, das ist die letzte Chance, dass Du das machen kannst – und Du traust Dich. Jetzt mache ich die Arbeit, die zu tun ist. Denn ich habe auch gesagt: Es muss wieder um die Kunst gehen.«
Zwei Festspielsommer und Jedermann
»Ich werde diese Aufgabe auf meine Weise und mit meiner eigenen Erfahrung wahrnehmen, zugleich aber mit großem Respekt vor dem künstlerischen Profil, das die Salzburger Festspiele in den vergangenen Jahren gewonnen haben.« Für ihren ersten Festspielsommer steht das Programm fest, das Markus Hinterhäuser programmiert hat. Karin Bergmann plant natürlich schon für 2027. Sie erzählt, dass für den Sommer 2027 das Musiktheater zu großen Teilen natürlich fixiert sei: »Was offen ist, ist das Schauspiel. Das kann ich machen, aber nicht allein. Ich bringe Miriam Lüttgemann mit, die die zentrale Partnerin bei allem hier wird.« Und sie plant auch für die Zeit nach ihrer Interimsintendanz, das Jahr 2028: »Alles andere wäre fahrlässig. Denn viele großartige Künstler planen weit im Voraus. Ich bin zuversichtlich, dass wir zukünftig mehr Regisseurinnen als Regisseure haben werden«, erzählt Intendantin Bergmann. Und es sei ihr auch wichtig, die Regiezugänge unterschiedlicher Generationen zu zeigen: »von den Zwölfendern bis zu jungen, begabten Menschen, deren Weg ich verfolge.« Keine Veränderung strebe sie rund um Robert Carsens erfolgreiche Jedermann-Inszenierung an.
»Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der sehnlichste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen«, formulierte Max Reinhardt in einer Rede beim Verein Berliner Presse im Mai 1930.
Respekt und Tollkühnheit
Es ist schön, dass Karin Bergmann nun in Salzburg im Festspielbezirk weiterspielt. Mit ihrer Erfahrung, ihrem künstlerischen Gespür und ihrem klaren Werteverständnis wird sie die Salzburger Festspiele verantwortungsvoll zumindest die nächsten beiden Jahre begleiten. »Ich bin eben diejenige, die entweder tollkühn genug ist, es zu machen, oder die sich getraut hat, in einer schweren Krise Verantwortung zu übernehmen. Und ich gehe jeden Morgen mit größtem Respekt ins Festspielhaus.«
»Gott hat die Welt erschaffen, aber der Mensch, den er nach seinem Ebenbilde schuf, hat sich eine zweite Welt erschaffen: die Kunst.« Mit diesem Satz kommt noch einmal der Theatermagier Max Reinhardt zu Wort. Und genau diese Welt der Kunst ist die Welt der interimistischen Intendantin der Salzburger Festspiele. Wir freuen uns auf ihren ersten Festspielsommer. Willkommen, Karin Bergmann.